„Es tut mir in der Seele weh“: Evangelischer Kirche in Dietfurt droht das Aus

Die evangelische Kirchengemeinde Beilngries wird auf Dauer nur zwei ihrer vier Gebäude behalten können. Vor dem Aus steht unter anderem die Kirche in Dietfurt (Landkreis Neumarkt). Bei einem Informations- und Diskussionsabend wurde es phasenweise sehr emotional.
Es ist genau 20 Uhr. Dekanin Christiane Murner will gerade zu einem Wortbeitrag ansetzen, als der Schlag der Kirchenglocke einsetzt. Die in der evangelischen Kirche in Dietfurt versammelten Gläubigen nehmen sich einen Moment, um in Stille den Glockenschlägen zu lauschen, versunken ins persönliche Gebet – und in Gedanken um die Zukunft der Kirche, im Allgemeinen ebenso wie konkret hier im Dietfurter Gotteshaus.
Unsere Zeitung hatte vor einigen Wochen bereits über die Immobilien-Thematik berichtet, der man sich in der evangelischen Kirchengemeinde Beilngries, zu der auch Dietfurt und Berching gehören, zwangsläufig stellen musste. Am Mittwochabend fand nun in der Dietfurter Kirche ein Informationsabend für interessierte Gemeindeglieder statt. Es wurde viel diskutiert. Teilweise emotional. Aber auch konstruktiv. Und so, dass sich danach noch alle in die Augen schauen und freundlich verabschieden konnten.
„Kindern Kirche übergeben, die zukunftsfähig ist“
Pfarrer Michael Murner, der die Pfarrgemeinde Beilngries in der seit nunmehr fast drei Jahre andauernden Vakanz auf der Pfarrstelle von Neumarkt aus mitbetreut, und Meike Rupp, Mitglied des Kirchenvorstands und auch sonst ehrenamtlich sehr engagiert in der evangelischen Kirche, stellten den versammelten Gläubigen die Sachlage vor. Es handle sich hier freilich nicht um eine Thematik, die man in der Pfarrgemeinde Beilngries exklusiv habe, so Murner. „Wir nehmen teil an einem Gesamtprozess.“ Die Absicht sei klar: „Unseren Kindern eine Kirche übergeben, die zukunftsfähig ist.“
Der Weg dorthin wird aber nicht frei von Schmerzen sein. Die evangelische Kirche befinde sich mitten in einer Entwicklung, in der die Mitgliederzahlen kontinuierlich zurückgehen. Ein Problem, von dem auch die katholische Kirche ein Lied singen kann. Und es sei nun einmal so, dass 80 Prozent des Jahreshaushalts der Landeskirche durch die Einnahmen der Kirchensteuer gedeckt werden, wie Michael Murner erläuterte. Zudem werden mit Blick auf den demografischen Wandel in weiterem Maße Einnahmen wegbrechen. Mitglieder fehlen, Gelder fehlen – und so sei die Landeskirche eben gezwungen, Strukturen auf allen Ebenen den Gegebenheiten anzupassen.

Dies ziehe sich durch bis auf die Gemeindeebene. Die Landeskirche werde für alle Aufgaben, eben auch für den Unterhalt der Gebäude, deutlich weniger Geld zur Verfügung haben. Und so sind alle Dekanate und in letzter Konsequenz die Pfarrgemeinden vor Ort aufgefordert, bis Ende 2025 eine Kategorisierung ihrer Immobilien vorzunehmen. Die klare Perspektive: Es muss eine Festlegung erfolgen auf maximal 50 Prozent der Gebäude, für die man auch künftig (über 2035 hinaus) noch Zuschüsse der Landeskirche erhalten kann (sofern man selbst als Kirchengemeinde ausreichend Rücklagen bildet).
Die anderen mindestens 50 Prozent der Gebäude sollen bis 2035 wahlweise „transformiert“ oder abgegeben werden, teilweise sogar recht zügig. Konkret muss eine Einteilung in drei Kategorien erfolgen: In A kommen die Gebäude, die erhalten bleiben sollen, in B diejenigen, für die bis 2035 eine andere Lösung gefunden werden soll, und in C diejenigen, die schon „zeitnah“ abgegeben oder „transformiert“ werden sollen. Unter dem Begriff der „Transformation“ würde man beispielsweise Modelle einer dauerhaften Vermietung oder der Vergabe eines Erbbaurechts verstehen.
Die Entscheidung nicht leicht gemacht
Man habe es sich mit diesem Thema im örtlichen Kirchenvorstand alles andere als leicht gemacht, wie am Mittwochabend mehrfach betont wurde. Herausgekommen ist folgende Aufteilung: Die Kirchen in Beilngries und Berching sollen, wenn irgendwie möglich, dauerhaft erhalten bleiben. Das Pfarrhaus in Beilngries, seit diesem Jahr bereits vermietet, landete in Kategorie B und die Dietfurter Kirche in Kategorie C. Ausschlaggebend gewesen seien verschiedene Aspekte. So sei beispielsweise die Beilngrieser Kirche das einzige der Gebäude, das unter Denkmalschutz steht. Hier wäre eine Veräußerung für eine andere Nutzung somit kaum darstellbar. In Dietfurt gebe es den Nachteil, dass hier eine alte und vermutlich auf absehbare Zeit zu ersetzende Ölheizung im Gebäude ist. Zudem wurde darauf verwiesen, dass die Dietfurter Kirche diejenige sei, in der am wenigsten Gemeindeleben stattfinde.
Zu diesem Punkt entwickelte sich eine Debatte nach dem Henne-Ei-Prinzip. Zum einen wurde von Gläubigen beklagt, dass bereits unter dem früheren Pfarrer Hans-Michael Hechtel der Draht zu Kindern und Jugend verloren gegangen sei und dass nun in der Vakanz eben kaum noch etwas in Dietfurt angeboten werde. Zum anderen wurde von Pfarrer und Dekanin, Kirchenvorstand und anderen Gläubigen aber darauf verwiesen, dass es nicht immer das Hauptamt sein müsse, das etwas vorgibt, sondern dass aus dem Ehrenamt heraus Aktivitäten entwickelt werden können und sollten – und in Dietfurt sei diesbezüglich seit Jahren eben nicht mehr viel los, einmal abgesehen von der jedes Mal sehr aufwendig und gelungen gestalteten Osternacht.
Grundprobleme: Zu wenige Menschen lassen sich für den Glauben begeistern
Immer wieder landete man im Laufe der Diskussion an dem Punkt, dass man mit Blick auf die Immobilien im Grunde über eine zwangsläufige Folge-Erscheinung diskutiere. Das Grundproblem sei, dass immer weniger Menschen zu einem aktiv gelebten Glauben bewegt werden können. Hier müsse man gegensteuern, auch im Kleinen – Menschen ansprechen, zum Gottesdienst einladen, für den Glauben in der evangelischen Kirche begeistern. Jeder, der vorbeikommen oder auch mitwirken wolle, sei willkommen.
Aber: Die Immobilien-Thematik liegt eben jetzt ganz akut auf dem Tisch. Die Festlegung im Kirchenvorstand ist gefallen, die Dietfurter Kirche ist definitiv in Kategorie C. Mehrere Versammlungsteilnehmer brachten, zum Teil sehr emotional, zum Ausdruck, dass ihnen dieses Gotteshaus enorm viel bedeute - und dass sie nicht einfach so zusehen wollen, wie die Kirche nun veräußert und möglicherweise sogar abgerissen wird. „Ich werde sie verteidigen, wie es nur geht“, sagte beispielsweise ein früheres Kirchenvorstandsmitglied. Und er betonte: „Es tut mir in der Seele weh.“ Kritisiert wurde bei mehreren Wortbeiträgen auch die übergeordnete Hauptkirche. Es fehle Transparenz bezüglich der Ausgaben, Gelder würden teilweise für falsche Themen ausgegeben.
Gibt es noch Hoffnung für das Dietfurter Gotteshaus?
Ein anderer Bürger, der darauf hinwies, dass in den Bau der Dietfurter Kirche einst in großem Umfang Spenden der Gläubigen, auch seiner Familie, geflossen seien, wollte klar wissen: Welche Perspektive gibt es noch für das Gotteshaus in Dietfurt? Man habe schon sehr viel versucht, ließen Dekanin Murner und Pfarrer Murner wissen – bislang ohne Erfolg. Sollte es aus den Reihen der Gläubigen gelingen, einen erfolgsversprechenden Vorschlag zu entwickeln, so würde man dem natürlich nachgehen. Dieser könnte beispielsweise so aussehen, dass jemand das Gebäude für eine andere Nutzung übernimmt, den Gläubigen aber weiterhin einen Teilbereich für die Gottesdienste zur Verfügung stellt. Die Zeit für eine solche Lösung drängt aber, wie Dekanin Murner festhielt.
Rückläufige Zahl der Gemeindeglieder
Das Dekanat Neumarkt, zu dem auch die evangelische Kirchengemeinde Beilngries gehört, ist laut Pfarrer Michael Murner – im Vergleich zu anderen Gegenden - gar nicht so massiv vom Rückgang der Gemeindeglieder betroffen. Deutlich ablesbar ist er dennoch, auch an der Kirchengemeinde Beilngries. 2014 hatte sie noch 1680 Gemeindeglieder, 2020 waren es 1599 und 2025 sind es jetzt noch 1480. Die meisten davon stellt mit 581 die Gemeinde Beilngries, gefolgt von Berching mit 456. Aus der Gemeinde Dietfurt gibt es 285 Gemeindeglieder. Die restlichen sind aus umliegenden Gemeinden.
Bezüglich der nach wie vor vakanten Pfarrstelle in Beilngries sagte Dekanin Christiane Murner, dass man wirklich alles versucht habe und nach wie vor versuche – aber es sei bislang nicht gelungen, aus den sowieso nicht mehr so dichten Reihen der Pfarrerinnen und Pfarrer jemanden für die Stelle zu begeistern.