Viel Fleisch, wenig unterwegs, erstaunlich gesund: Das und mehr ließ sich der „Mann von Neuessing“ schon entlocken

Von Martina Hutzler · 23. September 2025 um 19:00

Für die Eiszeit-Menschen waren die Klausenhöhlen bei Essing mutmaßlich ein lebenswichtiger Zufluchtsort. Für die Wissenschaft von heute ist es ein Segen, dass damals dort ein etwa 40 Jahre alter Mann eine weitgehend unbehelligte „letzte“ Ruhe fand. Er verrät viel über das Leben damals.

Lediglich ein paar Teile fehlen beim Skelett des 1,63 Meter großen und etwa 40 Jahre alten Mannes, den seine Sippe vor rund 34.000 Jahren in einer der Klausenhöhlen bestattet hat. Mutmaßlich haben Tiere den Teil eines Unterschenkels und anderes verzogen.

Problematischer sind für heutige Wissenschaftler die Methoden der damaligen Finder. Nach bestem Wissen konservierten sie damals den Fund mit einem speziellen Lacküberzug. Heute freilich ein No-Go, das den Eiszeitmann zunächst drastisch „verjüngte“.

Auf rund 17.500 Jahre taxierte man bei einer früheren Analyse das Skelett – aber die dafür verwendete Knochenprobe war mit verfälschenden Lackspuren kontaminiert, schildert George McGlynn, Oberkonservator und Stellvertretender Direktor der Staatssammlung für Anthropologie und Paläoanatomie in München. Mit den nun ermittelten rund 34.000 Jahren lässt sich der „Mann von Neuessing“ einordnen als eine „sehr frühe ,Ausgabe‘ des Homo sapiens in Europa“, erklärt McGlynn.

Dr. George McGlynn ist Oberkonservator und Stellvertretender Direktor der Staatssammlung für Anthropologie und Paläoanatomie in München . - Foto: McGlynn

Denn vor etwa 40.000 begann der „moderne“ Mensch überhaupt erst seinen Siegeszug auf unserem Kontinent: Ausgehend von Afrika über den Nahen Osten, die Türkei und den Balkan kam er nach Europa und zog dort sowohl in nördliche als auch westliche Richtung. Und weil „ausgehend“ durchaus wörtlich zu nehmen ist, dauerte das eben seine Zeit: „Es fehlten ja sowohl Wege als auch Transportmittel“ für die damaligen Jäger und Sammler. Sie waren wohl in kleinen Familienverbänden unterwegs. Aus gutem Grund.

Denn sie teilten sich die damals karge Landschaft mit etlichen Raubtieren wie etwa dem Höhlenlöwen, und sie hatten zur Verteidigung nur Steine und Stöcke, so McGlynn. Auch ansonsten „war ihr Leben mutmaßlich ziemlich hart“: Die durchschnittliche Jahrestemperatur lag zwischen -4 und +1,2 Grad Celsius – zum Vergleich: laut Regensburger Messstation haben wir derzeit ein Jahresmittel von +9 Grad.

Jeder Tag war zudem ein Kampf um ausreichend Nahrung: mit Jagen und Fischen, vor allem aber mit Sammeln von „allem was essbar war“ – von Wurzeln und Gräsern über Früchte und Pilze bis zu Larven, Insekten und Kleintieren; notfalls wohl sogar Reste von dem, was tierische Jäger übrig ließen. „Wenn man bei minus 30 Grad in einer Höhle ausharrt, muss man nehmen was es gibt.“ Darin freilich waren der Neuessinger Höhlenmann und seine Verwandtschaft offenkundig sehr geschickt.

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Zwar ist das Lebensalter des Mannes von 40 Jahren nur eine sehr grobe Schätzung. Denn ab etwa 30 lässt sich das Alter am Skelett nur mehr anhand von Knochenabbau-Prozessen einordnen, die wiederum stark von Lebensbedingungen und Belastungen abhängen, erklärt der Wissenschaftler. Aber überhaupt so alt zu werden, war bei den damaligen Verhältnissen schon eine Leistung, und zudem war der Höhlenmann quasi „gut beieinander“: wenig Abnutzungen, keine Spuren von Krankheiten oder Verletzungen – nicht mal Karies hatte sein Gebiss. Dafür ein Loch, das auf die Verwendung eines Zahnstochers hinweist.

Vieles mehr konnte dem Skelett entlockt werden. Der hohe Stickstoff-Anteil etwa lässt auf einen hohen Anteil an tierischer Nahrung schließen: „Mammuts, Pferde, Wollnashörner, Rentiere,“ zählt McGlynn als potenzielle Beute auf. Und das Element Strontium, das in Skeletten in Spuren vorkommt, beweist mittels Isotopen-Vergleich: Der Mann von Neuessing war wohl kein „Zuag’roaster“, sondern „er ist im Altmühltal geboren, hat dort gelebt, ist dort gestorben“. Und gilt heute als einer der ältesten bestatteten Menschen Deutschlands.

„Gefunden wurde er zwar in einer natürlichen Nische, aber die wurde zusätzlich ausgehöhlt“, nennt der Wissenschaftler ein Indiz. Vor allem aber war das Skelett mit viel Ocker bedeckt, der „Schminke“ der Steinzeitmenschen – zu Lebzeiten, aber eben auch für die Bestattung.