Wie die Retter von Rehbock „Felix“ ihm auch noch eine Geiß gesucht haben

Es gibt sie noch: Menschen mit dem Herzen am richtigen Fleck. Zwei davon sind zweifellos Michaela und Hans Mörtlbauer – ein Ehepaar mit Biolandwirtschaft in Obersulzbach (Landkreis Passau). Zu seinem großen Bedauern ist Hans Mörtlbauer, der auch Jagdpächter ist, auf einer vielbefahrenen Straße in seinem Revier in Engertsham eine Rehgeiß ins Auto gelaufen. Wie es nun dazu kam, dass er und seine Frau Tierpaten von zwei Kitzen wurden, erzählten sie diese Woche bei ihrem Besuch im Bayerwald-Tierpark in Lohberg (Landkreis Cham).
Nach dem Unfall mit der Rehgeiß war sich der Jäger sicher, dass das Unfallopfer kitzführend war, zumal er die beiden schon in seinem Revier gesichtet hatte. Also musste das Kleine irgendwo geduckt auf der Wiese liegen. Somit machte er sich mit Frau und Sohn auf die Suche und fand das wenige Tage alte Böcklein ziemlich rasch. Wäre ihm das nicht gelungen, stünde für solche Zwecke auch eine Drohne mit Wärmebildkamera zur Verfügung.
Auf die Schnelle ein Gehege im Garten gebaut
Die Mörtlbauers nahmen das Findelkind mit nach Hause und beschlossen, alles Menschenmögliche für die Rettung in die Wege zu leiten. Der Biolandwirt nannte das Böcklein „Felix“. Als Jäger wusste er gut Bescheid, wie so eine Handaufzucht funktioniert, war sich aber auch im Klaren, dass es sehr viel Zeit kostet, den kleinen Vierbeiner durchzubringen. Auf die Schnelle musste in dem großen Garten ein Gehege gebaut werden. „Mit einem Tarnstand bauten wir ihm noch ein kleines Häuschen hinein“, erzählte Hans Mörtlbauer.
Ja und dann begann der Knochenjob mit der Fütterung: „Das Kleine brauchte alle zwei bis drei Stunden, Tag und Nacht sein Fläschchen Ziegenmilch.“ Das ist sehr viel leichter gesagt als getan. „Entscheidend ist, dass die fetthaltige Milch eine Temperatur von 39,5 Grad hat“, wusste der Lebensretter, weil sein Zögling andernfalls leicht Durchfall bekommen hätte. Also verabreichte man dem Knirps auf vier Beinen bei Wind und Regen und nachts mit Stirnlampe alle zwei Stunden sein Fläschchen. Die Tatsache, dass der kleine Bock viel Hunger entwickelte und gut zulegte, ermutigte die Familie in ihrem Ansinnen, den Pflegling großzuziehen.

Gleichzeitig war ihnen klar, dass es einer Lösung für die Zukunft des jungen Rehbocks bedurfte. Ihn einfach freizulassen, erfüllte das Ehepaar mit der Angst, dass er auch ein Opfer der Straße werden könnte. Also recherchierten die beiden bezüglich der Aufnahme in einem Wildpark oder dergleichen in ihrer Nähe, bekamen aber nur Absagen. Irgendwann stieß man im Internet auf den Bayerwald-Tierpark und setzte sich nach positiver Auskunft von Claudia Schuh gleich ins Auto. Der Lebensraum beim weißen Damwild in den Lohberger Gehegeanlagen gefiel den Niederbayern auf Anhieb und sie vereinbarten den Transfer von „Felix“. Das war vor gut drei Wochen.
Wieder zuhause, ließ es Michaela Mörtlbauer nicht los, dass das Böcklein eine Partnerin bräuchte und er sich eine solche ja nicht eigenständig suchen konnte. Also klapperte die Ersatzmama Kontakte ab und wurde dann mit der Telefonnummer einer Frau versorgt, die in ihrer Nähe das „Sopherl“ aufgezogen hatte. Schweren Herzens musste die Retterin zugeben, dass sie der jungen Rehdame kein Heim auf Dauer bieten konnte und sie willigte in den Transport nach Lohberg ein.
Mörtlbauers sind jetzt Tierpaten
„Natürlich freuten wir uns, dass wir nun eine Partnerin für ‘Felix‘ gefunden hatten“, war sich das Ehepaar nach ihrer Ankunft am Mittwoch im Tierpark einig. Für Michaela Mörtlbauer war es Balsam für die Seele, als „Felix“ sie gleich wiedererkannte.
Gemeinsam mit den Tierpflegern trug man die Kiste mit dem „Sopherl“ ins Gehege. Diese blickte zwar noch etwas schüchtern, verließ aber dann die Transportbox, um den neuen Lebensraum zu inspizieren. Bis zur Abreise kamen sich die zwei zwar noch nicht näher, aber das bringt sicher die Zeit mit sich, war sich Claudia Schuh sicher. Sie hatte mit den Tierfreunden bereits verabredet, dass ihr Wunsch, Tierpaten für das Paar zu werden, gerne erfüllt wird. Die Tierärztin, die selbst schon viele Handaufzuchten erfolgreich gemeistert hat, wusste von den Strapazen, die die Retter auf sich genommen hatten, und war froh über ihren beherzten Einsatz. „Wir werden uns sicher öfter Zeit nehmen, um die beiden zu besuchen“, waren sich die „Pflegeeltern“ sicher.