Sieben Werke in der Bücherstube Regenstauf erzählen, wie die Gesellschaft sich verändert hat

Von Daniel Pfeifer · 20. September 2025 um 05:00

„Literatur hat schon immer die Gesellschaft wiedergespiegelt“. Mit diesen Worten blickt Monika Lang durch die Regenstaufer Bücherstube, einen der wenigen verbliebenen unabhängigen Buchhandlungen im Raum Regensburg. Für unsere Serie „Perspektivwechsel“ sprechen sie und ihre Kollegin Ulrike Meier über sieben gesellschaftliche Trends, erzählt aus der Sicht von sieben prägenden Büchern – und was sie über uns aussagen.

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Mitte Februar feiert die Bücherkiste in Regenstauf ihren 18. Geburtstag mit einer öffentlichen Party. Die Gründerinnen Monika Lang und Ulrike Meier haben seit ihren Anfängen viele Bestseller kommen und gehen sehen.

Buch 1: Die Welt brennt, zurück in die Heimat: „Winterkartoffelknödel“

Die Welt steckt mitten in der Finanzkrise, als Monika Lang und Ulrike Meier Anfang 2008 die Bücherstube eröffnen. „Es waren schwierige Jahre, auch für uns“, sagt Lang. Nach langer Zeit, in der Krimis und Thriller überall in der Welt spielten, suchten die Menschen wieder die Nähe der Heimat. Die ersten Kluftinger-Romane lagen schon in den Regalen und starteten einen Heimatkrimi-Trend, richtig Fahrt nahm er 2010 mit „Winterkartoffelknödel“ auf, dem ersten Eberhofer-Krimi von Rita Falk. Als die Autorin zwei Jahre später eine Lesung in Regenstauf gab, war der Ansturm enorm. „Wir haben die Plakate aufgehängt und in drei Tagen waren alle 120 Karten weg“, erinnert sich Meier. Es folgten erfolgreiche Oberpfalz- und auch Regensburg-Krimis. In weltpolitisch unruhigen Zeiten suchten die Menschen Nähe, Wohlfühlfaktor und Unterhaltung, glaubt Meier.

Buch 2: Wenn schon lesen, dann ästhetisch: „Überredung“

Moment, was macht der 200 Jahre alte Jane Austen-Roman „Überredung“ hier? Nun, hier geht es nicht um den Inhalt, sondern um das Äußere: In der Regenstaufer Bücherstube findet man das Buch als sogenannte Schmuckausgabe. „Seit zehn Jahren ist das immer mehr im Kommen“, sagt Ulrike Meier. Schön gestaltete Bücher mit bemalten Seitenrändern und wertiger Ausführung. „Junge Leute kommen zu uns und sagen: sie ich bin den ganzen Tag vor dem Display“, erzählt Meier. Sie suchten Zuflucht im Haptischen und wollten sich zur „Bildschirm-Freizeit“ etwas Schönes gönnen. Praktischer Nebeneffekt: Teilt man das Lesevergnügen dann doch auf Instagram, macht die Schmuckausgabe ästhetisch mehr her als das labberige Taschenbuch.

Überredung von Jane Austen in einer edlen Schmuckausgabe - Foto: Daniel Pfeifer

Buch 3: Weg von Atomangst, hin zum Ich: „Darm mit Charme“

Monika Lang ist gelernte Buchhändlerin und seit Jahrzehnten im Geschäft. „Wenn ich an die 80er denke, da war in der Literatur Frieden und Kalter Krieg sehr präsent“, sagt sie. Und persönliche Gesundheit? „Da hat niemand groß drüber nachgedacht.“ Mit Frieden, Wohlstand und medizinischem Fortschritt wurde plötzlich die Gesundheit ein beliebtes Thema für lockere Unterhaltungsliteratur, sagt Lang: „Einen Körper hat ja jeder.“ Bücher wie „Darm mit Charme“ oder die Werke von Eckart von Hirschhausen flogen nur so von den Regalen – auch in Regenstauf.

Der satirische Klimathriller Blue Skies von T. C. Boyle - Foto: Daniel Pfeifer

Buch 4: Und dann dominiert der Klimawandel alles: „Blue Skies“

Von der Gesundheit der Menschen zur Gesundheit des Planeten: Der Klimawandel findet sich zum Ende der 2010er-Jahre zunehmend überall wieder. In Regensburg geht die Jugend in Massen auf die Straße als Fridays for Future ab 2019 rasant wächst. Das erreicht auch die Literatur. Ein Beispiel: der eben genannte Eckart von Hirschhausen. Schrieb er erst Bücher wie „Die Leber wächst mit ihren Aufgaben“, widmete er sich später stark dem Klima mit Büchern wie „Mensch, Erde“. Bis heute liegt „Blue Skies“ von T.C. Boyle in einem eigenen Ökologie-Fach in der Bücherstube Regenstauf. Der Laden hatte bisweilen auch eine ganze Auslage nur mit Themen rund um Klima und Energie – Fiktion wie auch Sachliteratur.

Zwei neue Bücher, zwei unterschiedliche Welten: „Alles Glück beginnt auf Capri“ und „Das unsichtbare Band“ - Foto: Daniel Pfeifer

Buch 5: Hinschauen oder wegschauen: „Das unsichtbare Band“ und „Alles Glück beginnt auf Capri“

Aktuelle Probleme der Gesellschaft haben, zumindest hier im beschaulichen Landkreis Regensburg, zwei entgegengesetzte Auswirkungen, sagt Monika Lang: „Einerseits interessiert es, andererseits sind die Leute auch überfordert und der Krisen überdrüssig.“ Oft kämen Kunden mit dem Satz: „Haben's was Leichtes?“ Und so findet sich „Das unsichtbare Band“ über die patriarchale arabische Gesellschaft, die für so manche Leser durch Migration nach Deutschland interessant ist, nicht weit weg von „Alles Glück beginnt auf Capri“, einem leichten Sommerroman ohne Ecken und Kanten, dafür mit viel Romantik. „Viele wollen sich auch einfach wegträumen“, sagt Monika Lang.

„Ziemlich neben der Spur“ von Rocky Winterfeld - Foto: Daniel Pfeifer

Buch 6: Psychische Probleme im Kinderzimmer: „Ziemlich neben der Spur“

Spätestens mit der Pandemie kam das Thema der psychischen Belastung von Kindern und Jugendlichen immer mehr auf. Fallzahlen steigen von Jahr zu Jahr, zeigen Statistiken diverser Universitäten und Krankenkassen. Im Februar eröffnete in Burglengenfeld eine Praxis für Kinder- und Jugend-Psychiatrie, Beratungsstellen von Kelheim bis Cham sprechen von steigendem Bedarf. „Bücher, die das thematisiert haben, gab es früher auch, aber nicht in der Breite wie heute“, sagt Ulrike Meier. Sie liest gerade „Ziemlich neben der Spur“. Dort geht es um Kinder mit Ticks oder betroffen von Mobbing, die auf einem Roadtrip Freunde werden. Meiers Appell an Lehrer im Landkreis und vor allem Eltern: Ihren Kindern solche Bücher vermitteln, die zeigen, dass es Ok ist, man selbst zu sein. „Kinder lieben Bücher, nehmt sie mit in die Buchhandlung.“

Booktok-Hits werden gern mal kopiert – auch optisch. - Foto: Daniel Pfeifer

Buch 7: Romantik und die Tiktok-Revolution: „The Game Changer“

Für dieses letzte Buch übernimmt Marlies Lang das Wort. Monikas Tochter hilft in der Bücherstube mit, seit sie acht Jahre alt ist und ist Expertin für das vielleicht neueste Phänomen des Buchmarkts: „Booktok“. Darunter versteht man die Literatur-Gemeinschaft auf der App Tiktok, dominiert von jungen Frauen. Hier in Regenstauf sei es nicht so stark präsent wie in Regensburg und anderen Städten, wo junge Frauen eben zum studieren leben würden, „aber es ist so ein großes Thema geworden, dass Verlage hinterherlaufen und manchmal die Qualität gar nicht mehr prüfen“, sagt Marlies Lang. Oft werden Hits dann in Masse kopiert, teils sogar deren Cover, zum Beispiel bei den gerade beliebten Sport-Romanzen. „Bei uns waren das die Schmacht-Romane mit Lord und Lady“, sagt Monika Lang. „Bei uns jetzt der Millionär mit dem schwarzen Aston Martin“, ergänzt Marlies und lacht. So ändern sich eben die Zeiten. Und die Bücher mit.