Darum predigte ein Regensburger Pfarrer auf der Dult über „Wir schaffen das“

Zweimal im Jahr predigt der Regensburger Stadtdekan auf der Regensburger Dult. Dieses Mal hat er sich den berühmten Satz „Wir schaffen das“ von Ex-Kanzlerin Angela Merkel ausgesucht. Im Interview spricht Gerl über seine Gründe für die Predigt – und wie Glaube helfen kann, die Gräben in einer Gesellschaft zu überwinden.
Herr Gerl, warum haben Sie sich diesen Satz für Ihre Dult-Predigt ausgesucht?
Roman Gerl: Ich möchte so eine Bühne nutzen, um den Menschen einen positiven Gedanken mitzugeben. Natürlich ist es ein heikles Thema, das auch für Zwiespalt sorgt. Aber der Dultgottesdienst war auf den Tag genau zehn Jahre nach dem Satz – da musste ich einfach darüber predigen.
Wie verstehen Sie diesen Satz?
Gerl: Es ist eine grundpositive Aussage. In der Predigt habe ich ein einfaches Beispiel gewählt. Wenn Eltern zu einem Kind sagen: „Du schaffst das“, gibt es keine Garantie, dass das Kind etwas schafft. Aber sie bringen zum Ausdruck: Ich stehe dir bei. Du bist nicht allein. Ich glaube, Angela Merkel wollte Vertrauen schaffen. Nur miteinander können wir die Situation meistern.
Sie haben nicht nur über positive Seiten gesprochen.
Gerl: Die Situation damals hat natürlich viele Ängste ausgelöst. Diese Ängste hat man zu wenig ernst genommen. Alles, was fremd ist, ist für viele – nicht für alle – befremdlich und schafft Angst. Das Wort Angst kommt von Enge. Wenn ich Angst abbauen will, muss ich schauen, was mein Leben weiter macht. Das kann Sicherheit sein, positives Denken und konkrete Handlungen.
Kann der Glaube die Angst lösen?
Gerl: Das ist genau der Ansatz. Der Religionsphilosoph Eugen Biser hat einmal gesagt, dass das Gegenteil von Glaube nicht der Unglaube ist, sondern die Angst. Als Pfarrer frage ich mich: Wie kann ich die Ängste der Menschen lösen?
Gute Frage: Wie geht das?
Gerl: Es geht um ein Zusammenspiel von Vertrauen und Angst. Vertrauen in mich selbst und in meine Mitmenschen ist die unglaubliche positive Kraft, die es für das Zusammenleben der Menschheit braucht. Je mehr Vertrauen, desto geringer ist die Angst. Je mehr Ängste ich habe, desto schwerer tue ich mich, Vertrauen zu finden. Vertrauen darf nicht blind, sondern begründet sein, denn Vertrauen wird leider oft auch missbraucht. Das haben wir schmerzhaft in der Kirche erleben müssen. Jetzt gilt es, durch harte Arbeit Vertrauen zurückzugewinnen.
Für Ihre Dult-Predigt gab es nicht nur Applaus.
Gerl: Ich erwarte gar keinen Applaus – aber ja, ich habe den Applaus als etwas verhalten wahrgenommen. Wenn inzwischen 25 Prozent die AfD wählen, dann ist das ein großer Teil unserer Gesellschaft. Diese Realität endet nicht an der Schwelle zur Kirche. Ich würde gerne mit diesen Menschen ins Gespräch kommen. Ich halte viele Einstellungen der AfD nicht für menschlich, schon gar nicht für christlich, sie verstärkt Ängste. Angst darf nicht zum Instrument werden, um eine Ausgrenzung zu rechtfertigen.
Passt das zusammen: Christ sein und Ausländer ablehnen?
Gerl: Nein. Mir geht es darum, das Gute im Menschen zu sehen. Leider werden unsere christlichen Werte von bestimmten politischen Gruppierungen hintenangestellt. Wenn ich den jesuanischen Weg gehe, kann ich Fremde nicht ablehnen.
Für das Christentum ist das Motiv der Nächstenliebe prägend.
Gerl: Ich habe in der Predigt Jesus zitiert: Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen. Die Geschichte vom barmherzigen Samariter ist vielleicht das beste Beispiel von Nächstenliebe. Einer wird von Räubern überfallen und die Leute, von denen man Hilfe erwarten würde, gehen vorbei – sie haben für sich gute Gründe oder Ausreden. Dann kommt ein Ausländer vorbei. Er sieht die Not und hilft. Es geht also darum, das Notwendige im richtigen Moment zu tun.
Das Motiv der Nächstenliebe ist sehr grundlegend für das christliche Abendland, das die Menschen, die gegen Ausländer hetzen, mitunter vorgeben retten zu wollen. Verlieren wir bisweilen den Bezug zu unseren Wurzeln?
Gerl: Habe ich Ihnen schon einmal den Unterschied zwischen Religiosität und Spiritualität erklärt?
Nein.
Gerl: Mit Religiosität verbinden wir Rituale, Institution, Heilige Schrift, Lehre, Gebäude, Predigt, Unterricht – getragen von einer langen Geschichte und reichen Tradition. Spiritualität meint das persönliche Ergriffenwerden von der göttlichen Wirklichkeit, aber auch das Aushalten von Gottferne, Leere und Trostlosigkeit. Sie zeigt sich in einer Haltung, die von christlichen Werten wie Liebe, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit getragen ist. Es geht um die Erkenntnis: Ich bin durchdrungen von göttlicher Liebe. Ihr Leben ist durchdrungen von göttlicher Liebe. Diese Welt ist durchdrungen von göttlicher Liebe. Wenn ich das spüre, kann ich erfahren, wie Jesus gedacht, gefühlt und gehandelt hat. Wenn ich Jesus in mir spüre, weiß ich, was im jeweiligen Moment zu tun ist. Viele Menschen, die das christliche Abendland verteidigen wollen, verteidigen die Religiosität – das ist aber nur ein Aspekt unseres Christseins – sie verlieren aber den Geist, aus dem wir leben sollten.
Die Spiritualität.
Gerl: Genau. Das versuche ich zu predigen. Die Religiösität wird keine Zukunft haben, wenn sie nicht von Spiritualität durchdrungen ist. Wir sehen, dass alles säkularer wird. Ein reines religiöses Handeln wird nicht mehr funktionieren. Wenn ich den göttlichen Geist in mir spüre, wenn ich mich geliebt fühle, ist das etwas, was ich dankbar feiern kann. Dann wächst der Respekt und die Achtung den Menschen gegenüber, weil ich in jedem Menschen Christus sehe. Dann kann ich einen Fremden nicht einfach abwehren, weil er fremd ist. Arno Birkenfelder (Chef der Rengschburger Herzen, Anm. d. Red.) sagt immer: Liebe braucht auch Ordnung.
Das hört sich nach Arno an.
Gerl: Ich finde das nicht schlecht, darüber denke ich oft nach. Liebe heißt nicht Beliebigkeit, Liebe heißt auch, Grenzen zu setzen. Wie in der Erziehung eines Kindes. Das heißt aber nicht, dass man Menschen mit Gewalt bestrafen soll – das hat mit Liebe nichts zu tun. Was ich im Alltag allerdings schon wahrnehme, ist, dass die Aggression der Menschen zunimmt. Zum Beispiel im Straßenverkehr. Was da geschimpft wird... Will ich mit einem anderen Menschen so umgehen?
Manchmal hat man das Gefühl, in unserer Welt herrschen nur Krieg, Krisen und Hass. Herr Gerl, wie schaffen wir es, den Glauben an das Gute nicht zu verlieren?
Gerl: Gäbe es ein Patentrezept dafür, müssten wir das alle sofort anwenden. Ich bin Seelsorger aus Leidenschaft. Ich bleibe bei der Spiritualität, die sich auf Christus bezieht. Der Kreislauf aus Gewalt und Angst kann nur durch Friedfertigkeit und Liebe durchbrochen werden. Das fängt immer bei einem selbst an. Wir haben die Kraft, alles mit unserer Liebe zu durchdringen.
Veranstaltungen der Dompfarreiengemeinschaft
• Klassik: Am Samstag, 20. September, findet die „Nacht der Musik“ in der Kirche St. Emmeram statt. Dazu lädt Pfarrer Roman Gerl herzlich ein. Dabei wird unter anderem „Messiah“ von Georg Friedrich Händel zur Aufführung gebracht.
• Nachwuchsmusiker: Schon an diesem Sonntag spielt die „Junge Philharmonie Ostbayern“ in St. Emmeram. Die Nachwuchsmusiker werden ab 17 Uhr verschiedene Werke darbieten. Der Eintritt zu der Veranstaltung ist für die Besucher frei.
• Kaffee: Das Emmeram Café im neuen Emmeram Forum ist von Mittwoch bis Sonntag geöffnet. Dort gibt es bei einem Kaffee die Möglichkeit zur Begegnung und zum Austausch. Beginn ist jeweils um 14 Uhr, Ende stets um 17 Uhr. Es gibt einen Garten.