„Odessa lebt“: Regensburger Grünen-Fraktionschef Gaittet besucht Partnerstadt

Von Philip Hell · 4. September 2025 um 11:36

Daniel Gaittet ist Co-Fraktionschef der Grünen im Regensburger Stadtrat. In der Sommerpause reiste der 33-Jährige für drei Wochen in die Ukraine. Im Interview spricht er über seine Eindrücke vom kriegsgebeutelten Land zwischen Luftalarm und Party am Strand.

Warum sind Sie in die Ukraine gereist?

Daniel Gaittet: Ich will die Ukraine unterstützen. Die Durchhaltefähigkeit zu erhöhen, ist nicht nur eine militärische Aufgabe. Auch zivile Zusammenarbeit hilft. Dafür ist eine Städtepartnerschaft eine gute Grundlage. Wir haben diese Partnerschaft schon lange. Mir ist aufgefallen, dass ich aus anderen Partnerstädten schon viele Menschen kenne – aus Odessa aber nicht. Die Städtepartnerschaft mit Odessa ist in meiner Generation noch nicht so gut verankert. Das wollte ich ändern.

Menschen aus einer politischen Generation vor Ihnen pflegen gute Kontakte – Joachim Wolbergs zum Beispiel.

Gaittet: Genau, nach ihm wurde ich auch gefragt. Ich soll ihm viele Grüße ausrichten.

Daniel Gaittet unterstützte die Johanniter bei der Lieferung von Hilfsmitteln. - Foto: privat

Bevor Sie nach Odessa gefahren sind, haben Sie die Johanniter bei Hilfslieferungen unterstützt. Was war Ihre Aufgabe?

Gaittet: Das Projekt ist Teil einer längeren Hilfskette, die bis in die Ostukraine reicht. Wir haben insbesondere haltbare Lebensmittel und Hygieneartikel transportiert. Aber auch Krankenhausbetten, Rollstühle und Rollatoren gehen diesen Weg. Ich bin beim Roten Kreuz aktiv, deshalb war diese Arbeit für mich interessant. Zugleich war es für uns auch ein einfacher erster Schritt in die Ukraine.

Wie laufen die Lieferungen ab?

Gaittet: Von einer Lagerhalle in Rumänien aus fährt man morgens in die Westukraine. Die Hilfsgüter werden dort ukrainischen Organisationen übergeben, die die Sachen weiter nach Osten bringen. Der Kontakt mit den Menschen vor Ort war super. Für die Nacht geht es dann wieder zurück nach Rumänien.

Nach etwa einer Woche sind Sie weiter nach Odessa. 700 Kilometer durch ein Land im Krieg. Was haben Sie dabei erlebt?

Gaittet: In der Westukraine merkt man noch recht wenig vom Krieg. Es ist ein großes Land, die Situation ist nicht überall gleich. Das ukrainische Militär hat Checkpoints eingerichtet. Dazu kommt zum Beispiel die Luftalarm-App, die brauchst du bei einer normalen Reise nicht.

Wegweiser in Odessa: Nach Regensburg sind es von hier aus 1419 Kilometer. - Foto: Daniel Gaittet

Wie ist es, wenn man nach Odessa hineinfährt?

Gaittet: Die Polizei kontrolliert, wer in die Stadt hineinfährt. Das Militär kuckt, ob man Waffen dabei hat. Ehrlicherweise dauert es ein wenig, bis einem auffällt, dass es eine Stadt im Krieg ist.

Wann ist Ihnen das aufgefallen?

Gaittet: So richtig bewusst wurde es mir, als es nach einem Luftalarm nachts auf dem Balkon stockfinster war. Vor dem Krieg lebten in Odessa über eine Million Menschen. Solche Städte werden bei uns nie dunkel, es gibt immer Straßenbeleuchtung, Leuchtreklame oder Gebäude, die angestrahlt werden. Odessa war wirklich finster, du hast die Sterne gesehen, aber keine Flugzeuge am Himmel.

Die Tagesthemen haben neulich über Menschen berichtet, die in Odessa Strandurlaub machen.

Gaittet: Die Gleichzeitigkeit ist schwer zu fassen. Wir waren auch am Strand, wo gefeiert wurde.

Ist das nicht verständlich?

Gaittet: Klar. Odessa lebt und das ist gut so. Es ist die große Stadt am Meer, natürlich wird da auch Urlaub gemacht. Dabei sind viele Strände noch vermint. Im Wasser sind Netze, die verhindern sollen, dass etwas angespült wird. Der Strand wird mit Metalldetektoren abgesucht. Es passiert gleichzeitig: Es gibt Luftalarme und Häuser ohne Fenster – und daneben findet der Alltag statt.

Wie gehen die Menschen mit dieser Zerissenheit um?

Gaittet: Die Menschen haben gelernt, damit zu leben. Sie unterscheiden zwischen gefühlten und tatsächlichen Gefahren. Der Luftalarm klingt immer gleich, die Menschen informieren sich dann, was genau dahintersteckt. Raketen sind relativ schnell. Da kann man eigentlich sitzen bleiben. Entweder die Raketen werden abgefangen, oder sie schlagen irgendwo ein. Aufklärungsdrohnen sind dagegen keine unmittelbare Gefahr.

Wie funktionieren kommunalpolitische Strukturen im Krieg?

Gaittet: Wir haben den stellvertretenden Bürgermeister getroffen und vor allem über die Situation von Jugendlichen gesprochen. Odessa hat Interesse an mehr Jugendaustausch. Für sie ist es eine wichtige Frage, wie man jungen Menschen trotz Krieg eine Perspektive bieten kann. Wir haben auch über Sport, mentale Gesundheit und Barrierefreiheit gesprochen.

Haben die Leute noch Hoffnung?

Gaittet: Natürlich wünschen sich die Menschen, dass die Kampfhandlungen schnell aufhören. Aber die Stadt lebt. Es wird gearbeitet, es gibt Tourismus, es gibt Stadtentwicklung. Odessa hat sich nicht aufgegeben.

Wie blickt Odessa auf Regensburg?

Gaittet: Wir haben in den vergangenen Jahren Hilfe geleistet. Ich glaube in der Stadtpolitik ist ein Bewusstsein dafür da – außerhalb der Blase aber nicht.

Ist das in Regensburg nicht genau so?

Gaittet: Ich würde sagen, es sollte uns mehr interessieren. In der Ukraine wird Geschichte geschrieben. Und egal, wie es ausgeht, es wird das Leben meiner Generation verändern. Wir in Regensburg haben doch Glück, diese Städtepartnerschaft zu haben. Ich fände es gut, wenn wir gerade wegen des Krieges mehr aus dieser Partnerschaft machen.

Es wäre doch der Job der Oberbürgermeisterin nach Odessa zu fahren.

Gaittet: Unsere Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer und ihr Hauptamt haben meine Reise unterstützt und Kontakte vermittelt. Zeitgleich mit mir war Andreas Bovenschulte, der Bürgermeister von Bremen, in Odessa. Man kann da schon hinfahren. Ich würde es nicht auf die leichte Schulter nehmen – aber es ist möglich.

Was können wir tun?

Gaittet: Es ist wichtig, die Menschen in Odessa nicht zu vergessen. Wir müssen die Durchhaltefähigkeit erhöhen. Da geht es nicht nur um Waffenlieferungen, auch eine aktive Städtepartnerschaft hilft.

Wann wird der Krieg enden?

Gaittet: Wenn wir Russland einen Grund geben, aufzuhören. Ich persönlich rechne nicht mit einem schnellen Ende.