Wie Lothar Fischer zur Farbe kam: Schlüsselwerk für Museum in Neumarkt in gesichert

Von Michael Scheiner · 1. September 2025 um 11:39

Ein Coup: „Notre dame des Fleurs I“ , inspiriert vom Skandalautor Jean Genet, wurde jetzt in die Oberpfalz geholt - zu einem Preis, der deutlich unter dem Schätzwert lag.

Spannend wie ein Krimi sind Entstehung und Weg von „Notre dame des Fleurs I“ von Bildhauer Lothar Fischer (1933-2004). Es dauerte mehr als 60 Jahre, bis das Werk, 1962 entstanden, im Stifterhaus des Künstlers einen prominenten Platz fand. Seit Juli ist das eineinhalb Meter hohe, rundplastische Werk aus Keramik nun im Obergeschoss des Museums Lothar Fischer öffentlich zugänglich. Zum Schutz steht es unter einer Vitrine, die der Förderverein anfertigen ließ.

Museumsleiterin Pia Dornacher und Stiftungsvorstand Heiko Graeve studieren die Tonplastik in allen Einzelheiten. - Foto: Michael Scheiner

Bereits den poetisch-sanften Titel umweht ein Hauch des Verruchten und Gefährlichen. Benannt ist die Arbeit nach dem gleichnamigen Roman des französischen Schriftstellers Jean Genet, der zur Entstehungszeit seines Buchs – wieder einmal – in Paris im Gefängnis einsaß. Der notorische Dieb und Häftling genoss damals aufgrund seiner freizügigen, von seiner Homosexualität geprägten Dramen, Romane und Texte hohe Anerkennung unter Künstlern und Intellektuellen.

Solidarisch mit Jean Genet

Auch in der von Lothar Fischer mitgegründeten avantgardistischen Gruppe Spur wurde Genets Roman von allen Mitgliedern gelesen. Die Solidarisierung mit dem mehrfach wegen Unzucht und Pornografie angeklagten französischen Autor wurde intensiviert, weil einige Mitglieder der Gruppe selbst 1962 in München wegen der Verbreitung „unzüchtiger Schriften“ angeklagt waren. Lothar Fischer, hebt Museumsleiterin Pia Dornacher in einem Telefoninterview hervor, „stand nicht mit vor Gericht.“ Als das inkriminierte Spur-Heft Nr. 6 veröffentlicht wurde, war der Bildhauer als Stipendiat der Villa Massimo in Rom.

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Ein Jahr später wurde die Plastik „Notre dame des Fleurs I“ erstmals in der Gruppenschau „Visione Colore“ im Palazzo Grassi in Venedig ausgestellt. Aufgrund des Titels der Ausstellung war Fischer gezwungen, die Arbeit farbig zu gestalten. Eigentlich wollte er seine Tonarbeiten „nie bemalen“, weil es ihm „einzig um Form ging und Farbe nur ablenken“ könne. Insofern stellt die zweiteilige Arbeit „ein Schlüsselwerk des Künstlers dar“, sagt Pia Dornacher über „Unsere liebe Frau der Blumen“. Erworben hatte das Werk der italienische Kunstsammler Graf Paolo Marinotti, der den Künstler über den Spur-Galeristen Otto van de Loo und den dänischen Maler Asger Jorn von der Gruppe CoBrA kennengelernt hatte.

Es war ein glücklicher Zufall, als ein langjähriger Mitarbeiter des Museums Jahrzehnte später bei einer Internetrecherche auf eine Auktion in Brescia aufmerksam wurde, bei der das Kunstwerk im Angebotskatalog stand. Umgehend informierte er Dornacher und Stiftungsvorstand Heiko Graeve, die zusammen mit dem Förderverein entschieden, die Plastik möglichst nach Neumarkt zu holen. Eine größere Spende zum 20-jährigen Bestehen des Kunsthauses, das selbst über keinen Ankaufsetat verfügt, sollte dafür eingesetzt werden.

Ein riskantes Spiel

Es begann ein riskantes Spiel. Den Auktionszeitraum ließen die Neumarkter verstreichen. Sie kalkulierten damit, dass die zerbrechliche Tonarbeit keinen potenten Käufer finden würde. Als das tatsächlich passierte, konnten sie über Verhandlungen mit dem Auktionshaus einen fürs Museum guten Preis aushandeln, von dem der Förderverein die Hälfte übernahm. „Deutlich unter dem angesetzten Schätzwert“, freute sich Dornacher über den erfolgreichen Coup. Geholfen hat dabei, dass die Besitzer der Arbeit, aus deren Sammlung Fischers „Notre dame des Fleurs I“ zum Aufruf kam, den Erwerb durch eine öffentliche Institution wie das Museum befürworteten.

Den heiklen Transport von der Lombardei in die Oberpfalz übernahm ein Mitglied des Vorstands. Gut verpackt in einer eigens angefertigten Kiste, nahm die spitzhütige, rot, weiß, schwarz und blau bemalte Figur im Juni den vorbereiteten Platz im Stifterhaus ein.

Im Museum Lothar Fischer wird das Werk bei einer Matinee am 20. November (10.30 Uhr) vorgestellt. Anmeldung: info@museum-lotharfischer.de; (0 91 81) 51 03 48