Neumarkt und Nürnberg verbindet viel mehr als manchem Franken lieb sein dürfte

Wo die Nürnberger Straße in Neumarkt liegt, das weiß angesichts ihrer Größe jeder Neumarkter. Aber die Neumarkter Straße in Nürnberg? Das dürften viele Nürnberger nicht ohne weiteres beantworten können. Das Beispiel unterstreicht es: Neumarkt und Nürnberg sind nicht nur wegen der Größe ein ungleiches Paar. Trotzdem verbindet beide vieles – und Neumarkt hat mehr Einfluss auf den großen Nachbarn als mancher denkt.
Der geografischen Nähe von – je nach Fortbewegungsmittel – rund 40 Kilometern steht eine gewisse kulturelle Distanz gegenüber. Auf der einen Seite die protestantischen Franken, auf der anderen Seite die katholischen Oberpfälzer. Derartige Grenzen verwischen heutzutage zusehends, aber diese geschichtlichen Wurzeln sind nach wie vor die Basis der Frotzeleien, wenn Nembercher auf Neimacker trifft.
Aus Sicht des Nürnbergers bellt der Oberpfälzer – zumindest, wenn er oder sie noch des Dialekts mächtig ist. Letzteres kann nicht mehr jeder Nürnberger Großstädter von sich behaupten. Wenn doch, dann sollte er oder sie sich aber bewusst sein: Es steckt mehr Oberpfälzer Gebelle im Nürnberger Dialekt als mancher stolze Franke glauben möchte.
Nürnberger sind sprachlich mehr mit Neumarktern verwandt als manchen lieb ist
Sprachwissenschaftler wissen: Der Nürnberger Dialekt ist nicht eindeutig fränkisch, sondern überschneidet sich mit dem oberpfälzer Dialekt. Ein Beispiel dafür sind die im oberpälzer Zungenschlag markanten „ou“-Laute, die das vermeintliche Bellen ausmachen. Auch der Nürnberger kennt das. Der Schuh wird zum Schou und die Kuh zur Kou.
Die Wurzeln dieser Entwicklung liegen in der allmählichen Besiedlung von wenig bewohnten Gegenden im tiefsten Mittelalter. Die Beziehung des Nürnberger mit dem Neumarkter Raum hat eine lange Geschichte. Am Erfolg und Aufstieg von Nürnberg zu einer der bedeutendsten und wohlhabendsten Städte im Mittelalter und der frühen Neuzeit waren auch Neumarkter beteiligt.
Allen voran die Familie, deren Name ihre Herkunft noch verdeutlichte, als sie im 13. Jahrhundert zu den wichtigen Familien in der Stadt aufstieg: die Neumarkter. Wer heute Konzerte in der Katharinenruine besucht, wandelt auf ihren Spuren. Konrad, ein bedeutendes Familienmitglied stiftete einst das im Weltkrieg zerstörte Kloster.

Wie diese Familie haben auch die Weigel und die Muffel Wurzeln im Neumarkter Raum. Zu Reichtum kamen diese Familien meist durch Handel und mit dem Geld zu Besitz, der teils im Raum Neumarkt lag.
Manche aus den Nürnberger Patrizierfamilien gingen den umgekehrten Weg: So schickten die Noblen der Reichsstadt ihre Töchter in das Kloster Gnadenberg (Gemeinde Berg).
Als die Nürnberger die Stadt Neumarkt belagerten
Derart friedlich kamen die Nürnberger nicht immer in den Raum Neumarkt. Zu sehen ist das in der Hofkirche. Roter Stein kam dort bei den Bauarbeiten für das neue Pfarrheim zutage, obwohl es in Neumarkt gar keinen solchen Stein gibt. Es könnten die Reste von Geschossen sein, die die Nürnberger Truppen 1504 bei ihrer Belagerung im Zuge des Landshuter Erbfolgekrieges über die Stadtmauer geschossen haben. Das sei zumindest die Lesart der Archäologen gewesen, die vor dem Neubau des Pfarrheims den Boden untersucht haben, berichtet der Pfarrer der Hofkirche, Stefan Wingen.

Umgekehrt war Nürnberg für evangelische Neumarkter Zufluchtsort, als im 17. Jahrhundert die katholische Gegenreformation einsetzte. Meist ging es aber ums berufliche Fortkommen, wenn ein Neumarkter nach Nürnberg ging. Die Industrialisierung brauchte Arbeitskräfte und die kamen in Nürnberger Unternehmen nicht selten aus der Oberpfalz.
Auch heute noch ist das so. Allerdings zog und zieht es Menschen auch wieder in die Gegenrichtung, was Grenzgemeinden wie Pyrbaum und Postbauer-Heng einen Bevölkerungswachstum beschert hat. Gelebt wird auf dem oberpfälzer Land, gearbeitet in der Nürnberg. Nirgendwo anders pendeln so viele Menschen aus dem Landkreis Neumarkt hin wie nach Nürnberg. 5511 waren es laut Statistiken im Jahr 2023.
Dehn, Bionorica und Co.: Neumarkt lockte Firmen aus Nürnberg an
Die wirtschaftliche Verbindung zwischen dem Neumarkter Raum und Nürnberg ist von jeher eng – und das keineswegs nur in eine Richtung. Das zeigen etliche Firmengeschichten. Dehn und Bionorica, heute nicht mehr aus Neumarkt wegzudenken, entstanden einst in Nürnberg (1910 bzw. 1933). Umgekehrt lernte Carl Marschütz im späten 19. Jahrhundert in Neumarkt seinen Beruf (Kaufmann) und das Fahrrad zu lieben. Er war ein Mitbegründer der Express-Werke und ging schließlich nach Nürnberg, wo er die Hercules-Werke aufbaute. Es sind namhafte Beispiele, die sich im Kleinen vielfach wiederfinden.
Zu verdanken ist die wirtschaftliche Verflechtung auch der günstigen Verkehrsverbindung. Heute sind Neumarkt und Nürnberg enger miteinander verknüpft denn je. Was mit einer seit langer Zeit bestehenden Handelsstraße begann, mit dem Ludwig-Main-Donau-Kanal und der Eisenbahn ab 1871 weiterging, ist heute mit Autobahn, Bundesstraßen und S-Bahn verfestigt.
Rot-schwarz verbindet Neumarkt und den 1. FC Nürnberg
Auch jenseits von Wirtschaft und Verkehr sind Neumarkt und Nürnberg noch enger zusammengerückt. Beide arbeiten in der Metropolregion über administrative Grenzen hinweg zusammen, um in der großen Welt sichtbar zu sein. Dass die Ohm-Hochschule aus Nürnberg Neumarkt als Standort für sich entdeckt hat, ist ebenfalls ein Beweis dafür.
Aber vor allem: Die Stadt Neumarkt und der 1. FC Nürnberg teilen die rot-schwarzen Farben. Selbst das legendäre Stadion-Lied des Clubs, „Die Legende lebt“, stammt aus der Feder eines Neumarkters, Mark Bender. Braucht es mehr, um zu unterstreichen, dass sich Nürnberg und Neumarkt näher sind als es die kulturelle Grenze zwischen Franken und Oberpfalz suggeriert?

Übrigens, für jene, die bis jetzt erfolglos in ihren Hirnen gekramt haben: Die Neumarkter Straße in Nürnberg findet sich im Stadtteil St. Peter. Sie zweigt gegenüber den riesigen Gebäuden der Bundesagentur für Arbeit von der unweit größeren Regensburger Straße ab und führt durch ein von Mehrfamilienhäusern aus der Nachkriegszeit dominiertes Wohngebiet.