Der ewig grantelnde Dirigent

An wenig ausgeprägtem Selbstbewusstsein mangelte es dem Jahrhundertdirigenten Karl Böhm zeitlebens sicherlich nicht. Wer im Buch „Karl Böhm – Biografie, Wirken, Rezeption“ stöbert, findet in den vielen Zitaten, Briefen und biografischen Anekdoten keinerlei Hinweise auf eine kritische Reflexion seiner künstlerischen, aber auch politischen Haltungen.
In den vielen Interviews, die der Dirigent für das damals noch junge Medium Fernsehen gab, sitzt ein meinungsstarker und eloquenter Maestro, der zu jeder Zeit eine unverrückbare, klar definierte Position seiner Interpretationskunst hatte. Einer Kunst, für die er auch immer energisch grundlegende Handwerklichkeiten einforderte, sei es am Instrument, in der Disziplin, oder auch in der intensiven Beschäftigung mit der Partitur.
Ein Mozart-Kenner
Dass Böhms zweifellos großen Verdienste und teils legendären Interpretationen und Aufführungen als großer Mozart-Kenner, Strauss- und Wagnerexperte über 40 Jahre nach seinem Tod nahezu verblasst sind, mag auch am helleren Glanz und den größeren Attitüden seiner Zeitgenossen und Konkurrenten Leonard Bernstein, Herbert von Karajan, Georg Solti oder später Nikolaus Harnoncourt auf dem Feld der historischen Aufführungspraxis liegen, die sich in vielerlei Dingen publikumswirksamer und medienaffiner zu bewegen wussten.
Geblieben ist in der jüngeren Generation das Bild eines altersstarren, ewig grantelnden, streitbaren und strengen Perfektionisten am Pult, der sich nie eindeutig zu seiner Rolle im Dritten Reich positionieren wollte, obwohl er nachweislich zu den Profiteuren des Kunstbetriebs in Hitlers Unrechtsstaat gehörte.
Andererseits zählt der von vielen hochverehrte Kapellmeister alten Schlags zu jenen, die nach dem zweiten Weltkrieg an den Pulten in Wien, Salzburg, Berlin und Bayreuth den kulturellen Wiederaufbau betrieben und der zeitweise – freilich neben Karajan – als populärster Dirigent der deutsch-österreichischen Tradition galt. Während die Böhm-Verehrer bis heute die Dirigate seines Kernrepertoires als das Maß aller Dinge bezeichnen, ist vor allem für jüngere Ohren die Lesart seiner Mozart-Sinfonien mittlerweile seltsam dröge und uninspiriert.
Herausgeber ist Thomas Wozonig
Im neuen Buch formt sich unter der Herausgeberschaft des Salzburger Musikforschers Thomas Wozonig in teils anspruchsvollen musikwissenschaftlichen Betrachtungen ein umfassendes Bild des Menschen Böhm, seiner Karriere und seiner Interpretation. Die vielen Briefen an Intendanten und insbesondere an die Familie Wagner in Bayreuth sind im Stil und in der Wortwahl ein Abglanz monarchischer Zeiten, eine überhöhte Form der fast aristokratischen Selbstzueignung. Man griff nicht zum Telefon, sondern trug die Fehde mit ausufernden und wortgewaltigen Pamphleten aus.
Wozonigs Publikation ist das vielleicht vollständigste Kompendium zu Karl Böhm. Das Gesamtbild des Ouevres komplettiert sich mit vergleichenden Interpretationsbetrachtungen und historischen Abhandlungen, die in ihrer Summe vor allem einen geweiteten Blick auf Klassik- und Kulturwelt des 20. Jahrhunderts über das direkte Wirken Karl Böhms hinaus zulassen. Diese Welt, in der Böhm musikalisch sozialisiert wurde, starb spätestens mit Herbert von Karajan 1989 – sieben Jahre nach Böhms eigenen Tod in Salzburg, mitten in den Proben zu Richard Strauss’ Oper „Ariadne auf Naxos“ für die anstehenden Festspiele.
„Karl Böhm – Biographie, Wirken Rezeption“ ist erschienen in der Edition text + kritik, hat 612 Seiten und kostet 48 Euro.