Baustart für Stromtrasse Suedlink: „Bayern hat riesigen Energiehunger“

Von Mareike Kürschner · 26. Juli 2025 um 05:00

Die neue Ära der Energieversorgung in Süddeutschland beginnt in einer Turnhalle in Unterfranken. Nicht mit einem Spatenstich oder einer Grundsteinlegung, sondern mit einem Puzzlestück, das Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU), Bundestechnologieministerin Dorothee Bär und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (beide CSU) am Freitag auf einer überdimensionalen Deutschlandkarte einfügen. Damit soll der Beginn des Baus der Stromtrasse SuedLink in Bayern symbolisiert werden, das der Netzbetreiber TransnetBW als „größtes Infrastrukturprojekt der Energiewende“ bezeichnet.

Eine Baustelle ist weit und breit nicht zu sehen, sie befindet sich zwei Kilometer entfernt. Noch stehen da nur ein paar Bagger, die Kabelgräben sind noch nicht ausgehoben. Doch schon Ende 2028 sollen über vier 15 Zentimeter dicke Erdkabel zehn Millionen Haushalte im Freistaat und in Baden-Württemberg mit grünem Strom aus Norddeutschland versorgt werden. Besonders profitieren werden die energieintensiven Unternehmen; darunter Autobauer, Rechenzentren und die Chemieindustrie. Der Chef des Betreibers, Werner Götz, hält den Zeitplan für „ehrgeizig“. Doch die Politik drängelt: Söder spricht davon, dass Bayern „Strom, Strom, Strom braucht“, damit Industriearbeitsplätze am Standort Deutschland verbleiben.

700 Kilometer Erdkabel für zehn Milliarden Euro

Dafür werden 130 Kilometer Kabel unterirdisch in Bayern verlegt, knapp 100 sind es in Baden-Württemberg – von insgesamt 700 Kilometern, die durch sechs Bundesländer führen. Mit dem Bauabschnitt in Bayern ist die Planung für die Stromtrasse endlich abgeschlossen. Nach fast zwölf Jahren.

Auf Drängen Bayerns wurde das 2014 begonnene Projekt, das zuerst auf Oberleitungen ausgelegt war, umgeworfen und auf Erdkabel umdisponiert. Der Grund: Freileitungen sind sichtbar und deshalb wenig beliebt, besonders bei Anwohnern. Erdkabel sind quasi unsichtbar, allerdings darf die Schneise für die Kabelschächte nicht bebaut werden. Trotzdem sind sich alle Anwesenden einig, dass mit Erdkabeln eine größere Akzeptanz der Bevölkerung für die Energiewende erreicht wurde. Aber: Diese Akzeptanz hat sich die Politik teuer erkauft.

Rund zehn Milliarden Euro kosten die 700 Kilometer Stromautobahn, die durch das Erdreich von sechs Bundesländern führen soll. „Wir müssen Klimaschutz, Kosteneffizienz und Versorgungssicherheit zusammen denken“, mahnt Wirtschaftsministerin Reiche. Sie dürften nicht gegeneinander ausgespielt werden. Zwar hätten Erdkabel geholfen, die Akzeptanz vor Ort besser in den Griff zu bekommen, gleichzeitig kostet das Erdkabel viermal so viel wie oberirdische Stromleitungen. Diese Mehrkosten müssten von allen Stromnetznutzern gezahlt werden, betont die Ministerin. Wo möglich, sollten jetzt wieder Freileitungen geplant werden. Diese grundlegende Änderung hatte die neue Regierung aus Union und SPD bereits im Koalitionsvertrag festgehalten. Noch gilt ein Erdkabelvorrang bei Strom-Großprojekten wie SuedLink. Reiche bekräftigt mit ihrem Auftritt in Oerlenbach, dass sie in Zukunft stärker auf die Kosten-Nutzen-Rechnung schauen wird – auch wenn das Akzeptanz bei den Anwohnern kosten dürfte.

Trotz Erdkabel ist SuedLink mit massiven Protesten konfrontiert. Am Freitag haben sich Trassengegner vor der Halle eingefunden. „Energiewende Ja, SuedLink Nein“, steht auf einem Schild, das die zwei Dutzend Demonstranten aufgestellt haben. Sie machen darauf aufmerksam, was das Projekt für die 400 Gemeinden in ganz Deutschland bedeutet, die von der Trasse betroffen sind, aber keinen Strom dadurch bekommen. Sie halten die Vier-Gigawatt-Trasse für ökologisch unsinnig und unwirtschaftlich.

Söder und Reiche weichen Trassengegnern aus

Auch TransnetBW weist in der Halle darauf hin, dass die Planung und Genehmigung viel Zeit und Energie in Anspruch genommen hat. Klagen liegen immer noch vor, durch die Gesetzesänderung der Vorgängerregierung konnte dennoch mit dem Bau an einigen Orten bereits angefangen werden.

Während die Ministerin erläutert, warum sie neben grünem Strom auch wieder vermehrt auf Gaskraftwerke setzt, isst Söder ein Eis. Danach spricht er vom „riesigen Energiehunger“, den Bayern hat, „weil wir das Zentrum der wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands sind“. Auf der Bühne distanziert er sich von der Entscheidung seines Vorgängers bezüglich der Erdkabel. Denn Söder muss jetzt rechtfertigen, warum die Industrie so lange auf ihren Strom warten muss und warum der so teuer ist. Er erklärt aber auch: „Wir hätten ganz andere Demonstrationen gehabt, wenn wir hier in Deutschland generell auf Erdverkabelung verzichtet hätten.“ Ins Gespräch mit den Trassengegnern geht aber keiner. Die Wagen von Söder und Reiche fahren einen Umweg vom Parkplatz runter, um den Demonstranten nicht zu begegnen.