„Du weißt, ich liebe das Leben“: Ein Abend mit Goldrand

Von Marianne Sperb · 22. Juli 2025 um 14:12

Vicky Leandros zeigt bei ihrer Show in Regensburg Stil und Klasse – und jagt den Elefanten vom Hof.

Es dauert keine fünf Minuten, da klatschen die Menschen schon mit: Die achtköpfige, bestens aufeinander eingespielte Band tippt als Intro im Medley Lieblingssongs an, die bis weit nach 23 Uhr das Publikum schwelgen lassen. Vicky Leandros präsentiert sich bei den Schlossfestspielen als Show-Profi alter Schule, als reifer Star mit Stil und Klasse und einer – bis fast zuletzt – immer noch schönen Stimme.

Die Chemie stimmt von Anfang an

Als die Sängerin in goldglänzender Paillettenrobe auf die Bühne kommt, fliegen ihr die Herzen schon zu. Mit dem wunderbar performten Titel „Apres toi“ setzt sie zum Start einen starken Punkt. In ihrem Superhit, der ihr 1972 den Sieg beim Eurovision Song Contest für Luxemburg brachte, singt sie über den Schmerz eines Abschieds, Leere im Herzen. Die Wechselfälle des Lebens, die abgeklärte Einsicht, dass auch schwierige Zeiten vorüberziehen und es sich lohnt, weiter zu gehen und dabei bei sich zu bleiben: Das sind Themen, die immer wieder auftauchen in nostalgischen Chansons, die die dunklen Farben in ihrer Stimme schön zur Geltung bringen und zu den stärksten des Abends zählen.

In „Free again“ feiert sie eine Trennung als das Geschenk ihrer „kostbaren Freiheit“, gibt alles an Drama hinein und kommt Barbra Streisand ganz nah. Und in „Ich fange ohne dich neu an“ gibt sie einem die Botschaft mit: „Und außerdem weißt du genau, ich war schon immer eine Frau, die immer gerade Wege geht.“

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Den Elefanten – den Besuch von Kassengift Alice Weidel bei den Festspielen – jagt Vicky Leandros schon nach den ersten Nummern vom Hof, durch die Blume, aber durchaus deutlich. Sie erzählt, wie sie als Kind von Athen nach Hamburg zog, mit unterschiedlichen Mentalitäten aufwuchs. „Ich habe das als Bereicherung empfunden“, bekennt die Sängerin, die zuvor gegen die Politisierung der Show und den Besuch der AfD-Vorsitzenden interveniert hatte. Toleranz, Respekt und Menschlichkeit, sagt sie, „waren mir immer wichtig“. Das Publikum klatscht spontan – und ein entspannter Abend mit Goldrand kann sich entrollen.

Fast 60 Jahre Karriere hat Vicky Leandros gemeistert – skandalfrei, aber keineswegs seicht, wie sie mit einer Anekdote illustriert: Der Chef einer Plattenfirma riet ihr in den 1980ern ab von einem Song: Das wolle keiner hören, das sei ein Tabubruch, der ihr schade. „Ich dachte: Jetzt erst recht“, sagt Leandros – und stimmt „Valentin“ an, ihr Lied über einen schwulen Nachbarn im zweiten Stock, den sie so prickelnd findet.

Bestens aufeinander eingespielt: Vicky Leandros und ihre Band bei den Schlossfestspielen - Foto: Tino Lex

Melancholische Töne wie in „Le Temps des Fleurs“ (Those were the days my friends) bestimmen nur einen Teil des Abends. Vicky Leandros pickt aus ihrem reichen Schatz an Titeln, die sie auf Englisch, Französisch, Deutsch und sogar Japanisch singt. Sie tanzt dazu, kreist die Hüften, breitet die Arme weit aus, als wolle sie alle umarmen, und wirkt sehr gelöst. Ein Lied muss sie vor Lachen sogar unterbrechen.

Auf Tuchfühlung mit den Fans

Als endlich, relativ spät, „Ich liebe das Leben“ und natürlich „Theo“ erklingen, singt der ganze Schlosshof mit und fällt in wohligen Taumel. Balladen, Schlager, griechische Folklore und jazzig- rockig Angehauchtes versammelt die Playlist – und sehr persönliche Lieder. „Ich bin wie ich bin“, singt sie, „hab ein Herz wie die andern. Bin nicht gern allein, doch ich liebe die Freiheit.“ Die Sängerin hat auch hier eine Anekdote parat und erzählt von einem Musikkritiker, der der 13-Jährigen prophezeite: „Dieser pummelige Teenager wird nur eine Eintagsfliege sein.“ Wie man sich täuschen kann. 55 Millionen Tonträger hat Leandros verkauft, unglaubliche 500 Alben veröffentlicht, viele Auszeichnungen erhalten, auch für soziales Engagement. Zuletzt spendete sie mit ihrem Ex-Mann Enno von Ruffin 100 000 Euro für „Ein Herz für Kinder“.

Reife Leistung einer 72-Jährigen

Die innigsten Momente entstehen, als Vicky Leandros auf Tuchfühlung zu den Fans geht, vorsichtig die Stufen zum Publikum hinunter stöckelt und mit Charme und Herzlichkeit Sympathiepunkte sammelt. „Blau wie das Meer“ singt sie Seite an Seite mit einigen Gästen ins Mikro und schaut jedem von ihnen bei den Worten „jeder Tag unserer großen Liebe“ kokett in die Augen.

Hin und wieder zapft Leandros aus einer Thermoskanne auf der Bühne Kaffee. „Kaffee, bild ich mir ein, tut der Stimme gut“, sagt sie. Bei den letzten Songs hört man ihrer Stimme in den Höhen die Anstrengung der langen Show an. Da hilft auch kein Kaffee. Aber hey, das war auch nicht das Debüt einer Newcomerin – sondern die Abschiedstour einer Frau von 72.