Regensburger Autor Andreas Ehl macht sich auf die Spuren berühmter Weintrinker

Von Harald Raab · 10. Juli 2025 um 18:00

Von Schluckspechten und Genießern: Andreas Ehl, Regensburger Lyriker, Dramatiker, Autor von Kurzprosa und Connaisseur, befasst sich mit großen Männern und ihrer Liebe zum Wein.

Er ist ein Flaneur, ein Kulturmensch, für den die Aufklärung der Moderne noch ein einzulösendes Projekt ist. Die Kurzatmigkeit und Belanglosigkeit der Postmoderne ist ihm fremd wie der Mars: Andreas Ehl, Regensburger Lyriker, Dramatiker, Autor von Kurzprosa und Connaisseur geistiger und leiblicher Genüsse – speziell des Weins.

Gottfried Kellers „Trinkt, o Augen, was die Wimper hält, von dem goldenen Überfluss der Welt“ ist ihm als Lebensmotto auf den Leib geschrieben. Bewundern, staunen, auch mal schaudern: Kants bestirnter Himmel über uns und das moralische Gesetz in uns sind ihm Antrieb, schreibend sich selbst und die Welt zu erkunden. Die Sprache, ihr Aufklärungs- und Emotionspotenzial ist sein Weinberg: Ihrer Schönheit, Bilderbuntheit, ihrem Rhythmus, ihrer Melodie, ihrer Philosophiefähigkeit gilt seine Fürsorge. Mal federleicht, mal gedankenschwer ist die erarbeitete Lyrik-Lese in drei Bänden. Es gelingt ihm, erlebte und beobachtete Zeit in klare und berührende Gedanken zu fassen. Auch in die Abgründe der Folter blickt er. Damit befasst er sich in seinem Drama „Die kupferne Zunge“. Es wurde bei den Bayerischen Theatertagen aufgeführt.

Von Bismarck bis Baudelaire

Wenn dann einer wie Andreas Ehl auch noch im Brotberuf Mittelsmann für Weinkultur ist, liegt nichts näher, als sich mit großen Männern und ihrer Liebe zum Wein zu beschäftigen. Daraus ist nun ein Buch geworden – mit dem verheißungsvollen Titel „Bis zum letzten Schluck – Auf den Spuren berühmter Weintrinker“, erschienen im Verlag Lichtschlag.

Große Schluckspechte und philosophische Genusstrinker ruft Autor Ehl in den Zeugenstand. Den Dichterfürsten Goethe natürlich („Ohne Wein und ohne Weiber hol‘ der Teufel unsere Leiber“), auch dessen Zeitgenossen im jungen Amerika, US-Präsident Thomas Jefferson, Sklavenhalter und Winzer mit mäßigem Erfolg („Good vine is a a necessity of life for me“), Shakespeare („Der Wein steigt in das Gehirn, macht es schnell, sinnig und erfinderisch.“), Napoleon, Bismarck und Alexander den Großen, den Sagentölpel Polyphem, Tucholsky und Dürrenmatt, Lord Byron, Charles Baudelaire („Betrinkt euch ohne Unterlass. Sei es mit Wein, mit Poesie oder Tugend.“).

Besonderes Augenmerk richtet Ehl auf das wohl berufsbedingte gute Verhältnis von Philosophen zum Wein. Sagenhafte drei Liter soll Hegel täglich gepichelt haben. Ob damit seine schwer verständlichen Texte hinlänglich zu erklären sind? „Im Wein liegt Wahrheit, und damit stößt man überall an“, resümiert er trotzig. Die Französische Revolution ließ er am 14. Juli aber stilgerecht mit Champagner hochleben: Liberté, Égalité, Fraternité!

Maßvoller ging es Ludwig Feuerbach an. Er positionierte sich zum Thema Wein und Genuss gesundheitsbewusst: „Das Leben muss wie ein kostbarer Wein mit gehörigen Unterbrechungen Schluck für Schluck genossen werden.“

Platons Symposion ist der eindrucksvollste Beweis, dass der Wein den Geist beflügelt. Man disputiert zu Ehren des Liebesgottes Eros. Platon selbst machte sich für ein Alkoholverbot für Jugendliche stark – es sei falsch „Feuer dem Feuer“ hinzuzufügen. Der trinkfeste Sokrates plädierte ebenfalls für Altersbegrenzung: „Wein ist Öl für die erlöschende Flamme des Lebens.“

Ein Buch wie guter Wein

Ein Monumentalgemälde des Suffs nach Art niederländischer Meister hat Ehl jedoch nicht im Sinn. Er ziseliert bar jeder Hagiographie Charakterskizzen, umkreist seine Protagonisten kritisch und respektvoll, mäandert, schweift ab. Wie man sich bei einem Glas edlen Weines eben Geschichten erzählt. Seine literarisch-essayistische Textform ist poetisch grundiert, gibt den weingetränkten biografischen Reminiszenzen Zauber – und verschafft ein heiter-gelassenes, erkenntnisreiches Leseerlebnis. Ehl reportiert, kommentiert und konstruiert Diskurse im Karussell der Lebensspannen interessanter, erfolgreicher, nichtsdestotrotz auch scheiternder Menschen. Der Autor lässt an seinem literarischen, philosophischen und historischen Wissen teilhaben – weniger als Fachspezialist, denn als aufgeklärter Feuilletonist. Auf ungewöhnliche Zeit- und Gedankensprünge muss man sich gefasst machen, in labyrinthischen Irrgärten existenzieller Zufälligkeiten verliert er aber nicht den Ariadnefaden der Ratio.

Sagen wir es mit den Adjektiven der Vinophilen: Ehls neues Buch ist blumig, erdig, gehaltvoll, spritzig und vollmundig. Prosit – Wohl bekomm’s!