So lief der Angriff ab: Polizei verrät neue Details zur Attacke im ICE bei Straßkirchen

Das Motiv des Syrers, der am Donnerstag in einem ICE auf Höhe der Gemeinde Straßkirchen im Landkreis Straubing-Bogen mehrere Zugpassagiere attackiert haben soll, ist noch unklar. Die Polizei verriet Details und gab bekannt, dass er unter Drogeneinfluss stand und wegen Körperverletzung vorbestraft ist.
Ein junger Syrer geht scheinbar verwirrt den Gang eines ICE-Waggons auf und ab. Einem Mann aus dem Landkreis Straubing-Bogen kommt dieses Verhalten merkwürdig vor. Er greift zum Telefon und möchte einen Notruf absetzen. Da zückt der Syrer plötzlich einen Zimmererhammer und schlägt ihm mit Wucht auf den Kopf. Dann wendet sich der Angreifer plötzlich ab und geht mit der Waffe auf eine dreiköpfige Familie los. Möglicherweise schreit er dabei auch „Allahu Akbar“.
Die Szene, die sich nach derzeitigem Ermittlungsstand so oder so ähnlich am Donnerstagnachmittag in einem ICE nahe Straßkirchen abgespielt hat, hält die Polizei weiterhin in Atem. Nach wie vor werden Zeugen vernommen, der Täter selbst ist – Stand Freitag – wegen einer Kopfverletzung noch nicht vernehmungsfähig. Trotzdem konnte das Polizeipräsidium Niederbayern am Freitag bei einer Pressekonferenz in Straubing weitere Erkenntnisse vorstellen.
Mitreisende überwältigen den Angreifer
Schon eine halbe Stunde vor Beginn ist der Pressesaal gut gefüllt. Die Mikrofone der großen Fernsehanstalten sind auf die Beamten gerichtet. Kriminalhauptkommissar Günther Tomaschko, Polizeivizepräsident Werner Sika, Oberstaatsanwalt Thomas Rauscher und der Leitende Kriminaldirektor Stefan Schillinger von der Kripo Straubing sitzen vor einer hellblauen Wand und blättern in ihren Unterlagen. In den hinteren Reihen stehen die Kameras. Kurz vor 13 Uhr drücken die Journalisten dann den Aufnahmeknopf – und erfahren neue Details zur Tat.
In unserem Newsblog zum Angriff im ICE bleiben Sie über alle Entwicklungen auf dem Laufenden.
Etwa, dass der 20-jährige Tatverdächtige wohl von mehreren Mitreisenden überwältigt wurde. „Darunter war auch ein uniformierter Bundeswehrsoldat“, berichtet Polizeivizepräsident Sika. Nachdem der Mann auf die Familie – drei Syrer im Alter von 15, 24 und 51 Jahren – losgestürmt sei, habe sich ein „Gerangel“ ergeben. Dabei habe der 24-Jährige ihm wohl den Hammer abgenommen und mindestens einmal auf den Kopf geschlagen. Weitere Passagiere seien dazugekommen und hätten den Tatverdächtigen überwältigt, festgehalten und fixiert. „Formal wurde er dann von der Polizei festgenommen“, so Sika, der von „nicht unerheblichen Verletzungen“ des Verdächtigen sprach.
Tatverdächtiger derzeit im Krankenhaus
Derzeit befinde er sich noch im Krankenhaus, sei stark sediert und daher nicht vernehmungsfähig. Eine Operation steht noch aus. Die Geschädigten sind Sika zufolge „außer Lebensgefahr“, zumindest „nach jetzigem Sachstand“. Sie werden in unterschiedlichen Krankenhäusern medizinisch versorgt. Der 15-Jährige habe Prellungen erlitten, die 51-jährige Mutter mehrere Verletzungen am Körper – und der 24-jährige Sohn eine Kopfverletzung. Genau wie der Deutsche, auf den der Angreifer zuerst losgegangen ist – und der, wie die Mediengruppe Bayern erfahren hat, aus dem Landkreis Straubing-Bogen stammt.
Hier sehen Sie: Im Video: Ermittler teilen Erkenntnisse mit zum Angriff in ICE bei Straßkirchen
Der Rest der insgesamt 429 Passagiere war am Donnerstag noch lange am Bahnhof Straßkirchen untergebracht, bevor er in zwei dortigen Turnhallen als Zeugen vernommen werden konnte. „Das war wegen der Hitze eine Herausforderung“, erklärt Sika. Auch psychisch sei die Situation nicht leicht gewesen. Acht Fahrgäste hätten sich ein „weiteres Betreuungsangebot“ gewünscht.
Die Kameras machen einen Linksschwenk, die Mikrofone richten sich neu aus – Kriminaldirektor Schillinger gibt den „Ist-Stand“ der Ermittlungen bekannt. Auch er hat Neues zu berichten. So stand der Verdächtige zum Tatzeitpunkt unter Drogeneinfluss. „Er hatte drei Betäubungsmittel im Blut“, so Schillinger zum toxikologischen Gutachten. Genaueres zu den Substanzen kann er nicht sagen, wohl aber, dass die Wechselwirkungen den Bewusstseinszustand des Mannes beeinflusst haben könnten.
Täter und Opfer kannten sich wohl nicht
Trotz derselben Nationalität haben sich der Tatverdächtige und die syrische Familie wohl nicht gekannt. „Das schließen wir derzeit aus“, erklärt der Kriminalpolizist, der noch keine Mutmaßungen zu einem Motiv anstellen will. Auffällig: Der Tatverdächtige hatte einen Laptop und gleich drei Mobiltelefone dabei, von denen eines bereits ausgewertet worden sei. Hinweise auf „Vorbereitungshandlungen“ gebe es allerdings keine – ebenso wenig wie auf mögliche Komplizen.
Zum Thema: Pressekonferenz im Ticker zum Nachlesen: Ermittler zum Angriff in ICE bei Straßkirchen
Was sicher ist: Der Syrer, der als anerkannter Asylbewerber in Wien wohnt, ist dort bereits zweimal rechtskräftig verurteilt worden – wegen schwerer Körperverletzung sowie versuchten Widerstands gegen die Staatsgewalt. Laut dem österreichischen Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl ist deshalb im Mai ein Asyl-Aberkennungsverfahren eingeleitet worden. „Er durfte sich aber einige Tage in Deutschland aufhalten“, stellt Schillinger klar.
Staatsanwaltschaft geht von „heimtückischem Mord“ aus
Oberstaatsanwalt Rauscher von der Staatsanwaltschaft Regensburg geht derzeit von „versuchtem heimtückischem Mord in zwei Fällen“ sowie von Körperverletzung in vier Fällen aus. Der Grund: „Die Schläge gegen den Kopf passierten in klarer Tötungsabsicht“, sagt Rauscher über die Angriffe auf den 38-Jährigen und den 24-Jährigen, die beide „arglos“ gewesen seien. Bei den anderen beiden Opfern geht er dagegen davon aus, dass der Tatverdächtige eine Verletzung „billigend in Kauf genommen“ hat – ohne Tötungsabsicht.
Wie es mit dem Beschuldigten nun weitergeht? „Die Staatsanwaltschaft Regensburg hat Haftbefehl erlassen“, sagt Rauscher. Ob er in eine Justizvollzugsanstalt überführt werden kann, sei allerdings unklar. Zunächst muss geklärt werden, ob er zum Tatzeitpunkt zurechnungsfähig war.
Wenn ja, droht ihm eine lebenslange Freiheitsstrafe. Wenn nicht, könnte er in eine psychiatrische Einrichtung kommen. „Das kann dann auch bis ans Lebensende gehen“, erklärt Rauscher.
Hat der Angreifer „Allahu akbar“ gerufen?
Ein „extremistisches Motiv“ will der Oberstaatsanwalt aktuell weder bejahen noch ausschließen. Die Faktenlage sei uneindeutig. Zumindest ein Zeuge will den Syrer bei der Tat beten gehört haben. Angeblich sei dabei auch der Ausspruch „Allahu akbar“ – Gott ist groß – gefallen. Der Anfang vieler muslimischer Gebete, jedoch auch typisch für islamistische Terroranschläge.
