Flaschenturmin Schmidmühlen hat rätselhafte Vergangenheit

Radtouristen oder Wanderer, die entlang des Jurasteigs unterwegs sind, fragen immer wieder nach der Bedeutung des roten Ziegelturms, der am Ende der Hohenburger Straße steht. Sogar für viele Schmidmühlener ist das Bauwerk ein Rätsel. Es erinnert an den Turm aus dem Märchen Dornröschen, von wilden Obstbäumen und Sträuchern zugewuchert.
Der Turm befindet sich inmitten eines kleinen Steinbruchs, wo die Pflanzen seit Jahrzehnten wild wachsen. Um Antworten zu finden, was es mit dem Turm auf sich hat, muss man den Blick zurück in die Nachkriegszeit lenken, in eine Zeit zwischen Zerstörung und Wiederaufbau. Er ist eines der wenigen Industriedenkmäler im Landkreis Amberg-Sulzbach.
Pläne nach dem Krieg
Großes war in den Nachkriegsjahren geplant, aber es kam anders. Beim Turm handelt es sich um einen Kalkofen. Einen zweiten gibt es noch in Reisach, einem kleinen Ort bei Vilseck. Nach dem Zweiten Weltkrieg stand lange nicht fest, ob der Truppenübungsplatz Hohenfels aufgelöst werden werden sollte. Die Anfänge einer Wiederbesiedelung des Übungsplatzes waren bereits unmittelbar nach dem Kriegsende zu verzeichnen, obwohl die politischen, beziehungsweise militärischen, Verhältnisse überaus unklar waren. Der sich abzeichnende Bauboom und der Bedarf an Brandkalk in den zerstörten Großstädten gaben letztlich dem Schmidmühlener Geschäftsmann Ludwig Sir den Impuls, diesen Kalkofen zu bauen.
Der Familie gehörte ein Großteil des dahinter liegenden Weinbergs und so waren auch die Grundstücksvoraussetzungen gegeben, hier den Abbau des Kalksteins langfristig zu betreiben. In den Nachkriegsjahren begann der Bau des Kalkofens und einiger Nebengebäude. Als die Anlage fertig war, sollte sie in Betrieb gehen. Doch bereits bei seiner Inbetriebnahme bekam der Ofen einen Riss. Die Reparaturen schlugen fehl und eine Grundsanierung war zu teuer. Was die Ursache für den Riss war, konnte nicht mehr ermittelt werden. Wohlmöglich wurde der Ofen zu schnell und zu stark angeheizt. Oder es lag ein Materialfehler bei den Ziegeln vor.
Als die amerikanischen Besatzungstruppen 1951 den Übungsplatz wieder in Betrieb nahmen, kam das endgültige Aus für den Kalkofen. Von diesem Fehlschlag hat sich die Familie Sir wirtschaftlich nicht mehr erholt. Ludwig Sir verstarb Anfang der 60er Jahre. Teilweise verfielen die Nebengebäude und wurden abgerissen.
Sprengung stand im Raum
Das Gelände um den Ofen herum wurde durch einen Bauaushub eines angrenzenden Bauplatzes noch aufgeschüttet. In den 1970er Jahren bestand das Angebot, den Ofen durch Pioniere der Bundeswehr sprengen zu lassen. Das wollte die Familie jedoch nicht.
Damit war dieses Projekt endgültig beendet, das damals auch von Seiten der Gemeinde unterstützt wurde. Man hatte sich Arbeitsplätze und entsprechende Gewerbesteuereinnahmen erhofft. Schließlich wurden die umliegenden Grundstücke als Bauplätze verkauft.
Damals gab es noch keinen Mörtel
Anders als heute war der Bau von Gebäuden damals eine langwierige Sache. Es gab den Mörtel nicht wie heute fertig in Säcken oder in Silos. Zum Mauern und Verputzen verwendete man früher ausschließlich reinen Kalkmörtel. Der Bedarf war wohl tatsächlich gegeben.
Aber wie funktionierte das Kalkbrennen? Zum Brennen eigneten sich besonders die oberen Lagen des Werkkalks mit ihren glasharten, sehr reinen Kalksteinen. Der Ofen wurde in Schichten über einen Schrägaufzug mit einem Kalk-Koks-Gemisch beschickt. Beim Brennen mit einer Temperatur von 1100 Grad Celsius zerfiel der Kalkstein (Kalziumcarbonat) in Branntkalk (Kalziumoxid) und Kohlendioxid, das über den Schornstein entwich.
Dabei verlor das Gestein knapp die Hälfte seines Gewichts. Der fertige Branntkalk wurde auf der Baustelle mit Wasser gelöscht. Daraus entstand Löschkalk, der mit Sand zu Kalkmörtel angemacht wurde. Beim Abbinden im Mauerwerk nahm der Löschkalk unter Wasserabgabe Kohlendioxid aus der Luft auf und wurde wieder zu Kalk.
Fakten zum Gebäude:
Bau: In den Nachkriegsjahren begann der Bau des Kalkofens. Der dortige Steinbruch bestand zum Teil schon vorher.
Voraussetzungen: Das Gestein eignete sich laut Gutachten von Fachleuten besonders für dieses Vorhaben. Die Familie Sir wurde zudem durch einen Ingenieur des Kalksteinwerkes in Vilshofen beraten und zum Bau der Anlage ermuntert. Alles hätte eigentlich gepasst, doch in Betrieb ging die Anlage nie.