Neuer Regensburger Museumschef über NS-Zeit: „Wir haben uns lange genug weggeduckt“

Von Juliana Ried · 19. Juni 2025 um 19:00

Schlechte Besucherzahlen, eine veraltete Dauerausstellung und spontane Schließungen von Abteilungen wegen Personalproblemen – das Historische Museum in Regensburg ist eine Großbaustelle. Im Interview erzählt der neue Chef Sebastian Karnatz, wie er damit umgeht - und was er mit Walter Boll vorhat, seinem Vorgänger mit NS-Belastung.

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Herr Dr. Karnatz, die seit Langem geplante Neukonzeption des Historischen Museums ist eine Mammutaufgabe. Wieso tun Sie sich das an?

Dr. Sebastian Karnatz: Das ist eine Riesenaufgabe, aber auch eine Riesenchance. Eine Kulturstadt wie Regensburg hat ein tolles, funktionierendes Stadtmuseum verdient.

Sie haben in Regensburg studiert, dann aber Jahre für die Bayerische Schlösserverwaltung gearbeitet. Wie waren Ihre Erinnerungen ans Historisches Museum?

Karnatz: Das Museum hat diesen Charakter der Wundertüte. Es hat den Anspruch, die ganze Bandbreite städtischen Lebens wiederzugeben von der Vor- und Frühgeschichte bis etwa ins 17. Jahrhundert. Den Wundertütencharakter würde ich gerne behalten, aber städtisches Leben endet nicht im 18. Jahrhundert. Wir müssen unseren Zeitrahmen erweitern bis in die Jetztzeit.

Wie war Ihr Eindruck vom Museum, als Sie sich hier beworben haben?

Karnatz: Mich hat ein bisschen überrascht, dass die Sonder-Ausstellungstätigkeit in den letzten Jahren relativ gering war. Es ist wichtig für ein dynamisches Museum, dass sich Dinge in der Präsentation ändern.

Was wollen Sie ändern?

Karnatz: Das kann man jetzt schon lösen: über Veranstaltungen, Sonderführungen, kleine Präsentationen wie das All Eyes On der Staatsgemäldesammlung, bei dem ein Kunstwerk für zwei, drei Monate im Mittelpunkt steht, aber auch mit größeren Ausstellungen wie zu Regensburg in den 50er Jahren, was für 2026 geplant ist. Wir haben eine starke Sammlung, die wir auch mal aus dem Kontext der Dauerausstellung rücken müssen – und anders als andere Gott sei Dank auch noch das Budget dafür. Die Dauerausstellung ist in großen Teilen über 20 Jahre alt, in manchen sogar älter und die Bedürfnisse haben sich verändert. Aber es ist nicht richtig, sie nur mit neuen Medien aufzuhübschen, das führt zu keinem konsistenten Ergebnis. Was wir wollen, ist ein Museumsbesuch, der ein Erlebnis ist, an einem Lernort, an dem man sich beteiligen kann.

Im Museum steht immer noch die Büste von Walter Boll, obwohl die NS-Belastung des ersten Museumschefs unstrittig ist. Muss sie weg?

Karnatz: Nein. Das wäre ein falsches Signal, wir wollen ja unsere Vergangenheit aufarbeiten, nicht verstecken. Herr Boll wird in den nächsten Wochen eine Rahmung bekommen, die erklärt, was wir gerade machen. Es gibt ein großes Forschungsprojekt mit der Uni. Es gibt die Forschung von Herrn Dr. Smolorz zum Thema Raubkunst, es gibt Forschungen des Leiters der städtischen Denkmalpflege, Herrn Dr. Trapp, über Bolls Denkmalpflege, die im Juli veröffentlicht werden. Da wird es eine Vorstellung geben, die vor der Boll-Büste stattfindet. Bis dahin möchte ich sie kontextualisiert haben. Wir haben uns lange genug weggeduckt. Das war eines der ersten Themen, die ich in unserer internen Runde angesprochen habe.

Wir wollen unsere Vergangenheit aufarbeiten, nicht verstecken.

Sebastian Karnatz, Leiter der städtischen Museen

Sie holen also die Leiche im Keller des Kulturreferats, wie die Grünen Boll nennen, ans Licht?

Karnatz: Die Leiche steht bei uns nicht einmal im Keller, sondern im ersten Obergeschoss. Es wird eine kleine Installation geben, die darauf hinweist, dass wir das Problem kennen, mit Partnern daran arbeiten und keine kontextlose Heldenverehrung betreiben. Mit der Geschichte, die auch unseren Sammlungsbestand durchaus geprägt hat, müssen wir umgehen, und eine Ausstellung zur Geschichte des Hauses gehört zu den Ausstellungen, die ich in den nächsten Jahren gerne machen würde.

Welche Ausstellung oder welches Museum hat sie zuletzt besonders beeindruckt?

Karnatz: Als Museumsneugründung finde ich zum Beispiel das Deutsche Romantik-Museum in Frankfurt spannend. Dort wird eine so komplexe Angelegenheit wie die kulturelle Epoche der Romantik in Deutschland mittels Originalobjekten, Installationen und neuen Medien so aufbereitet, dass eigentlich jede Altersgruppe mit Spaß und trotzdem einem großen Zuwachs an Wissen durch das Museum gehen kann.

Ihre Stelle war eineinhalb Jahre unbesetzt, weil Ihre Vorgängerin, Frau Dr. Gerstl, auf die neue Stelle der Generalkuratorin versetzt wurde – obwohl sie Museumschefin bleiben wollte. Wie war die Übergabe?

Karnatz: Die Übergabe war eigentlich mit dem stellvertretenden Leiter der Museen, Herr Dr. Boos, und der Verantwortlichen für die Neukonzeption, Frau Dr. Demberger. Mit Frau Dr. Gerstl, die weiterhin Teil des Teams ist, gab es ein freundliches Gespräch darüber, an was sie gerade arbeitet und was unsere Zielvorstellungen sind. Da gibt es kein böses Blut.

Bei Ihnen im Büro riecht es nach frischer Farbe, hier ist renoviert worden. Wie lang dauert es noch, bis Sanierung und Neukonzeption beginnen?

Karnatz: Das muss gut geplant sein. Den Bürgerinnen und Bürgern bringt es nichts, wenn wir holterdiepolter Geld fordern, wir müssen auch wissen, wo wir hinwollen. Die Ausstellung hatte ihre Zeit und ist immer noch zeigbar. Aber in Bezug auf das, was unsere Besucherinnen und Besucher von einem zeitgemäßen stadtgeschichtlichen Museum erwarten, gibt es noch Aufgaben zu lösen. Für 2028 ist der Architektenwettbewerb geplant. Dann wird die Entscheidung fallen müssen, ob die Stadt das will. Dann beginnt die Feinplanung. Das werden jetzt einige spannende und für das Museum wegweisende Jahre sein.

Lebenslauf

Beruf: Der promovierte Kunsthistoriker Sebastian Karnatz (44) tritt an der Spitze der städtischen Museen die Nachfolge von Doris Gerstl an, die seit 1. Januar 2024 die Position als wissenschaftliche Generalkuratorin im Leitungsdienst der Regensburger Museen bekleidet. Karnatz ist damit für das Historische Museum, sieben Documente (authentische historische Orte) und ab 2026 auch für das Naturkundemuseum zuständig. Zuvor war Karnatz wissenschaftlicher Referent in der Museumsabteilung der Bayerischen Schlösserverwaltung in München.

Werdegang: Sebastian Karnatz ist in Burglengenfeld aufgewachsen, studierte in Regensburg und lebt mit Frau und Sohn in Burglengenfeld.