Sex, Macht, Medien – und eine Männerfreundschaft, die zerbricht: Stuckrad-Barres Bestseller im Theater

Von Barbara Reitter-Welter · 4. Juni 2025 um 17:00

Blauweißer Ringelpulli unterm dunkelblauen Business-Anzug, dazu Turnschuhe – so präsentiert sich Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Barre gern bei seinen öffentlichen Auftritten. Die Botschaft: Ich bin in allen Welten zuhaus. Das manifestiert sich nicht nur im Modischen, sondern auch bei den Publikationen des unter dem Label „Popliterat“ medial vermarkteten Erfolgsautors. Vor zwei Jahren wurde der Schlüsselroman „Noch wach?“ so stark gehypt, dass er binnen kürzester Zeit zur Nummer Eins auf allen deutschen Bestseller-Listen avancierte.

Dasselbe Outfit trägt nun das Schauspieler-Kollektiv in Lea Ralfs Inszenierung im Zentraltheater. Das ist klug, denn dadurch löst sie das Problem konkreter Rollenzuweisungen, was heißt, alle übernehmen reihum abwechselnd die im Text vorkommenden Figuren. Auch den einzigen Mann, der im Buch unverkennbar ein Alter Ego Stuckrad-Barres ist. Dass ihn hier der zwar temperamentvoll agierende Benjamin Berger als soften Frauenversteher spielt, passt ins Konzept, rückt er doch damit in den Hintergrund der Bühnenhandlung. Vordergründig sollte der Roman ein Lehrstück über Moral und Machtmissbrauch sein, in Wahrheit ging es dem Verfasser, selbst jahrelang in Diensten des Springer-Konzerns, um die Aufarbeitung der gescheiterten „Bromance“, der Männerfreundschaft mit Verlags-Chef Mathias Döpfner. Dieser hatte sich nach unzähligen Vorwürfen gegen den BILD-Chef Julian Reichelt wegen sexueller Übergriffe gegenüber weiblichen Mitarbeiterinnen bis zum Compliance-Verfahren zunächst hinter ihn gestellt, während Stuckrad-Barre die männliche Stimme der #MeToo -Bewegung wurde.

Rasanter Rhythmus

Soweit zur Vorgeschichte. Auf dem kleinen Bühnenpodest rasen die Schauspielerinnen Isabell Fischer, Anna von Haebler, Yana Robin la Baume und Emma Schall im Turbo durch eine Szenenfolge, die permanent zwischen Berlin und Los Angeles switcht, als wollten sie einen Wettbewerb in Schnellsprech und Body Motion gewinnen. Kaskadenhaft werden Sätze und Begriffe ausgestoßen, manchmal rausgeschrien, pure Atemlosigkeit bestimmt den zweistündigen Abend. Immer wieder tritt eine Person aus der Gruppe heraus, meist jedoch bilden sie, nuancenreich choreografiert, einen Körper, recken die Köpfe in dieselbe Richtung oder bewegen die Gliedmaßen synchron. Das gibt der Aufführung einen rasanten Rhythmus, eine fast musikalische Dimension, denn oft sprechen sie auch als eine einzige (Frauen-)Stimme im Chor.

Die Eitelkeit des Autors

Berlin, das steht für den fiktiven Fernsehsender, wo der Chef die Berufsanfängerinnen durch geschickt austariertes Grooming für avisierte spätere Affären präpariert. Er bestärkt, lobt, fördert, baggert sie mit nächtlichen Mails an: „Bist du noch wach?“, so lange, bis er sie ins Bett gekriegt hat – dann lässt er sie fallen. Auf Laufbändern aus dem Fitnessstudio müssen sich die Frauen symbolisch abstrampeln, während sie ununterbrochen quasseln. Sprachwitz und kreative Formulierungskunst beherrscht der Verfasser neben der ironischen Verwendung des pseudo-lässigen Szene-Jargons wie kein Zweiter. Dem zuzuhören, ist ein ungetrübtes Vergnügen – auch wenn es viel über die Eitelkeit des Autors erzählt!

Der zweite Schauplatz ist das legendäre Chateau Marmont, Tummelplatz der Jeunesse dorée von Hollywood, aber auch Fluchtort für den Ich-Erzähler, den die authentischen Berichte der Schauspielerin Sophia über Harvey Weinstein für die Problematik sensibilisieren. Hier ist Relaxen angesagt, und so lümmeln die Darstellenden pittoresk in pinken Plastik-Sesseln à la Colani, bei denen man ständig Angst hat, dass die Luft entweicht. Der Aufführung jedenfalls geht die Luft bis zum Ende nicht aus.

ZUR PRODUKTION

• Theater: Zentraltheater, Paul-Heyse-Straße 28, München

• Regie: Lea Ralfs

• Vorstellungen: bis 2.Juli

• Kartentelefon (089) 3065 9486