Ein Lottogewinn von 162 Millionen – und der Gewinner will das Geld nicht?

Keine schlüpfrigen Seitensprung-Geschichten mehr, keine Storys über resignierte Ehepaare beim letzten Aufbruch – seit Neuestem packt die Komödie im Bayerischen Hof kontroverse Themen an. Nach der heftigen Kirchenkritik der letzten Premiere „Kardinalfehler“ wird’s noch progressiver: „Nein zum Geld“ stellt den Kapitalismus auf den Prüfstand, so erfrischend, munter und provokativ, als sei die Linke Heidi Reichinnek mit von der Partie. Aber keine Angst, das Vier-Personen-Stück der französischen Autorin Flavia Coste ist perfektes Futter für den Boulevard mit spritzigen Dialogen, wenn auch durchaus nachdenklicheren Tönen im Subtext.
Unterhaltsame Kost
Wieder hat René Heinersdorff, Hausherr und Regisseur in Personalunion, sein Händchen für unterhaltsame Kost bewiesen, die er mit komödiantischen Profis serviert. Die Schauspieler sind passgenau für die Rollen als Mutter und Sohn, Gattin und bester Freund ausgesucht: Kathrin Ackermann, ewig jung und sexy im Tiger-Look, amüsant Pascal Breuer als verquerer Visionär und Weltretter, Sebastian Goder mit einem breiten Spektrum von Spiel, Tanz und Gesang und Dorkas Kiefer als Gattin zwischen Frust und Verständnis für die moralischen Kapriolen ihres Mannes. Sie sorgen mit temperamentvoller Spielfreude und forciertem Tempo für zwei Stunden bester Unterhaltung, bei welcher die Spannung tatsächlich nie absackt, im Gegenteil, nach der Pause geht’s erst so richtig los mit dramatischen Ereignissen und unvorhersehbaren Überraschungen.
Große Lebenslügen
Der Plot ist effektvoll. Bei einem zwanglosen Abendessen möchte Richard, ein ambitionierter Architekt mit schwer realisierbaren Entwürfen wie einem Altersheim auf Pfählen, etwas Umwerfendes verkünden: Zwar habe er im Lotto 162 Millionen gewonnen, wolle aber auf die Abholung verzichten. Diesem verwirrenden Geständnis folgen lange Erklärungen zur Bedeutung von Geld im Allgemeinen und der negativen Wirkung auf den menschlichen Charakter im Besonderen – gerade so viel, dass das Ganze nicht zum antikapitalistischen Thesenstück mutiert, sondern dank Heinersdorff witzig die Balance zwischen Aufklärung und Unterhaltung hält. Das Chaos ist erwartbar, Beziehungen werden auf den Prüfstand gestellt, alte Wunden brechen auf, es kommt zur gegenseitigen Abrechnung bis hin zum Geständnis großer Lebenslügen. Denn der anfänglichen Riesenfreude mit Jubelgeschrei und Luftsprüngen folgt die Enttäuschung und darauf die Diskussion möglicher Strategien, die bis zu Mord reichen. Was hätte man nicht alles mit „Money, money“, eingespielt mit anderen Moneten-Songs, also mit Kies und Knete, machen können? Zum Beispiel das Sammelsurium an Möbeln und Farben der typischen Erstwohnung eines jungen Paars auf Design-Level heben (Ausstattung: Mathias Betyna).
Unerwarteter Schluss
Dass der Lottoschein tatsächlich kurz vor Ablauf der Frist noch auftaucht, der Eine dem Anderen das wertvolle Stückchen Papier aus der Hand reißt, bis Richard es zu schlucken versucht, führt zu köstlichen Slapstick-Szenen, bei welchen besonders Breuer, der starrköpfige Besitzer des Jackpots, und Goder als sein Chef für furiose Auftritte sorgen. Nicht minder quirlig: Kathrin Ackermann als Mama und Dorkas Kiefer in der Rolle der gestressten Frau des Gewinners, die gerade ein Baby bekommen hat. Dessen Geschrei schiebt, respektive verzögert, immer wieder die Turbulenzen der Dramaturgie. Der absolut unerwartete Schluss sei nicht verraten – nur so viel: Hinter einem umgekippten Tisch wird brutal an der Leiche mit Lottoschein manipuliert.
ZUR PRODUKTION
• Komödie im Bayerischen Hof, Promenadeplatz 6
• Regie: René Heinersdorff
• Bühne: Mathias Betyna
• Vorstellungen: bis 29. Juni
• Kartentelefon (089) 292810