KZ-Überlebender Jakob Haiblum: „Saal war das schlimmste von allen“

Von Roland Kugler · 8. Mai 2025 um 11:00

Am 8. Mai 1945 endete mit der Kapitulation Deutschlands der Zweite Weltkrieg. 80 Jahre später gibt es nicht mehr viele Zeitzeugen, die das Grauen des Krieges erlebt haben und darüber reden können. Jakob Haiblum ist einer von ihnen: Die Jahre von 1939 bis zum Ende des Krieges waren für ihn als Zwangsarbeiter die Hölle, am schlimmsten war es im KZ-Außenlager in Saal an der Donau. Jakob Haiblum wurde im Oktober 1925 in Polen geboren. Als Jude litt er von Beginn des Krieges an unter der Terrorherrschaft und Verfolgung durch die Nazis. Zuerst wurde seine Familie im Ghetto interniert, dann wurden sie in Konzentrationslager deportiert. Jakob Haiblum hat überlebt, weil er als Zwangsarbeiter tauglich war. Seine Familie wurde ermordet. Die schrecklichen Erinnerungen haben ihn sein Leben lang nicht mehr losgelassen. Mehr als 50 Jahre später ist er nach Saal zurückgekehrt, wo er die schlimmsten Erfahrungen seines Lebens gemacht hat. Die Lehrerin Birgit Eisenmann hatte ihre Zulassungsarbeit über das Saaler Lager geschrieben und hält seit 2001 Kontakt zu Jakob Haiblum.

Zwangsarbeit für die Nazis

Vielleicht ahnte seine Mutter voraus, was Juden angetan werden würde: Sie hatte Jakob Haiblum zwei Jahre älter gemacht. Er wurde als Zwangsarbeiter in verschiedenen Fabriken und Konzentrationslagern eingesetzt und überlebte den Krieg. Anders als sechs Millionen Juden, die der Vernichtung durch die Nazis zum Opfer fielen. Auch Jakob Haiblum verlor seine Eltern, fünf Geschwister und alle Verwandten, nur er und ein Bruder überlebten den Holocaust. 1944 wurden sie ins KZ Auschwitz deportiert: Bei der Ankunft mussten er und sein Bruder nach rechts gehen, seine Eltern und Geschwister nach links. Er sah sie nie wieder. Über das KZ Flossenbürg ist Jakob Haiblum im Februar 1945 ins Außenlager nach Saal gekommen. Es wurde im November 1944 an der Teugner Straße errichtet, um für eine unterirdische Rüstungsfabrik Stollen in den Ringberg zu graben.

Ich wollte vergessen, aber ich konnte es nicht.

Jakob Haiblum

KZ-Überlebender

Zwölf Stunden am Tag mussten die Gefangenen graben, obwohl zu dieser Zeit der Krieg längst verloren war. Auch im Ort mussten sie arbeiten: Sie luden Züge aus, Jakob Haiblum arbeitete auch in einer Schlosserei. Das Lager wurde von Zwangsarbeitern in aller Eile gebaut, bis zu 750 Gefangene wurden in Baracken und Erdbunkern unter schlimmsten Bedingungen zusammengepfercht. Es gab keine Hütten zum Waschen oder für die Küche, wie in anderen Lagern. Die Zwangsarbeiter litten unter Läusen, Krankheiten, Hunger und der Gewalt der Aufseher. Das Krankenlager waren Löcher in der Erde, dort wurden die Kranken im Winter sich selbst überlassen. Wenn es etwas zu essen gab, dann eine dünne Suppe. Einmal hatte sich Jakob Haiblum dafür zweimal angestellt, weil er so hungrig war. Dafür wurde er von Aufsehern zusammengeschlagen.

Er musste auch die Leichen der Gefangenen zur Verbrennungsstätte schleppen, sie wurden in einem provisorischen Krematorium auf Eisenschienen unter freiem Himmel verbrannt. Am 20. April wurde das Lager aufgelöst, die Überlebenden wurden zu Fuß nach Dachau getrieben.

Auch auf dem Todesmarsch starben noch viele entkräftete Gefangene. Vier Tage später kam Jakob Haiblum im KZ Dachau an, am 29. April wurde er dort von der US-Armee befreit. „Ich war in zehn verschiedenen Lagern, Saal war das schlimmste von allen“, erinnert sich Jakob Haiblum. Nach der Befreiung hat er seinen Bruder in Eggenfelden gefunden, dort blieb er vier Jahre lang. Dann ging er nach Israel, gründete eine Familie und lebt heute in Tel Aviv.

Die Saalerin Birgit Eisenmann hält seit 2001 Kontakt zu Jakob Haiblum. - Foto: Roland Kugler

„Nie ein böses Wort gesagt“

„Er hat nie ein böses Wort über andere gesagt“, erzählt Birgit Eisenmann, trotz aller Grausamkeiten, die er erlebt hat. Sie hat Jakob Haiblum öfter getroffen und ihn auch in Israel besucht. Einige Male ist er nach Deutschland zurückgekehrt, zu Treffen von Überlebenden in Flossenbürg und nach Saal.

Hier wurde an der Teugner Straße ein Gedenkweg errichtet, damit die Geschichte des Saaler Lagers aufgearbeitet und nicht vergessen wird. „Ich danke allen, die die Erinnerung erhalten. Vor allem, weil der Holocaust wieder zunehmend geleugnet wird“, sagt Jakob Haiblum. Zum Gedenken an die Auflösung des Lagers vor 80 Jahren hat er eine Videobotschaft geschickt.

Sein Leben lang haben ihn die schrecklichen Erinnerungen gequält, er hat heute noch Albträume. „Ich wollte vergessen, aber ich konnte es nicht“, sagt Jakob Haiblum. Vergessen konnte er nicht, was er im Krieg und im Saaler Lager erfahren hat. Aber verziehen hat er, und seinen Frieden damit gemacht, sagt Jakob Haiblum. Birgit Eisenmann und andere Saaler sind Freunde für ihn geworden.

Jakob Haiblum (vorne links) 1949 mit amerikanischen Soldaten in Eggenfelden. - Foto: Eisenmann