„Wir haben zuerst alle geheult“: Vorstände der Sozialen Initiativen haben Freund und Mentor verloren

Für Claudia Bernhard, Teamassistentin bei Kontakt e.V., war Reinhard Kellner der wichtigste Wegbegleiter. Er hat ihr geholfen, die Alkoholsucht zu besiegen. „Ich bin in einer Art Schockstarre“, sagt die 61-Jährige wenige Tage nach dem plötzlichen Tod des Mentors. „Am Samstag wollte ich wie immer zum Kaffeetrinken ins Goldene Kreuz fahren. Und dann ist mir eingefallen, der Reinhard ist nicht mehr da.“
Claudia Bernhard hat viel von ihm gelernt: über die Menschen und das Organisieren großer Veranstaltungen. Vor allem aber hat Reinhard Kellner einst ein frisch bestelltes Bier von Claudia Bernhard beim Kneitinger am Arnulfsplatz in einen Blumenkübel gekippt. An dem Tag hörte sie auf, Alkohol zu trinken.
Unzählige Erinnerungen
Wie der 61-Jährigen geht es vielen Menschen in Regensburg. Ob Obdachlose, Arme, Einsame oder Suchtkranke: Kellner hat zugehört und geholfen, wo es möglich war. „Ich habe unzählige Erinnerungen an ihn“, sagt Claudia Bernhard. Etwa die regelmäßigen Gardasee-Fahrten mit den Gästen der Frühstückstreffs Sofa (Sozial & offen für alle). „Er konnte schwierige Menschen aufbauen wie kein anderer.“
Nicht nur bei den von ihm vor mehr als 50 Jahren gegründeten Sozialen Initiativen, zu denen fast 40 Mitgliedsvereine zählen, hinterlässt er eine immense Lücke. Wer soll das alles übernehmen? Am Montagabend hat sich der jetzt nur noch vierköpfige Vorstand mit Sabine Watzlawik, Moatasam Yunes, Martina Groh-Schad und Petra Schrod zu einer ersten Besprechung nach dem Tod des Vorsitzenden getroffen. „Wir haben zuerst alle geheult“, schildert Groh-Schad (49). „Wir haben sechs Stunden bis Mitternacht getagt. Dann haben wir nicht mehr so schwarz gesehen – und uns ein bisschen besser gefühlt.“ Künftig arbeiten die Vorstandsmitglieder gleichberechtigt. Die Projekte werden auf alle Schultern verteilt. Langfristig soll wieder ein fünftes Mitglied dazukommen.

Reinhard Kellner wollte sich allmählich zurückziehen. Deshalb hat Sabine Watzlawik (58), hauptberuflich Leiterin einer Archäologie-Firma, die Organisation der Feste übernommen. Zurzeit geht es um die Vorbereitung der Sozialen Meile im Weißgerbergraben beim Bürgerfest ab 20. Juni. Watzlawik betont jedoch: „Der Reinhard war das Gesicht für uns, aber wir sind viele.“ Alles wird weitergeführt. Watzlawik sagt aber auch: Für sie persönlich bedeute Kellners Tod einen schweren Verlust. „Und seine riesenlange Erfahrung fehlt mir sehr.“
Martina Groh-Schad organisiert zusammen mit Kümmerern die Sofa-Frühstückstreffs, die inzwischen in vier Stadtteilen wöchentlich zusammenkommen: Im Stadtamhofer Schreiberhaus, im Café des Paul Gerhardt Hauses des Krankenhauses der Barmherzigen Brüder, im Nachbarschaftstreffpunkt „Kaufladen für Erwachsene“ von Stadtrat Jakob Friedl in der Guericke-straße und im Donaustrudl-Büro in der Engelburgergasse. Kellner hat das alles aufgebaut. Dort sind alle willkommen, Senioren, Einsame, psychisch Kranke oder Menschen in schwierigen Lebenssituationen. Sabine Watzlawik fragt sich: „Ob die Sofas weiterhin so gut angenommen werden, wenn der Reinhard nicht mehr jede Woche dabei ist?“ Schließlich gehe es häufig um Einsamkeit. Keiner der Vorstände könne unter der Woche vier Sofa-Treffs organisieren.
Immerhin ist die Finanzierung gesichert. Viele Sponsoren, vom BMW-Werk über das Donau-Einkaufszentrum und dm bis zu Zellner Recycling, tragen dazu bei.
Aufgaben für Obdachlose
Am meisten aber fehlt der Verstorbene im Sozialbereich den Gästen der Sofa-Treffs und den Obdachlosen, die den Donaustrudl feilbieten. „Was meinen Sie, wie es den Menschen von der Straße jetzt geht?“, sagt Martina Groh-Schad. Kellner hat Aufgaben an sie verteilt und ihren Tagen damit eine Struktur verliehen. Sie haben bei Festen aufgebaut. „Wenn einer mal betrunken kam, hat er ihn nicht weggeschickt.“
Claudia Bernhard ist mit ihrem Leben zufrieden. Ohne den Mentor wäre das vielleicht nicht gelungen. Sie arbeitet ehrenamtlich für das Sozialmagazin Donaustrudl, das Kellner ins Leben gerufen hat, und verdient bei Kontakt e. V. in einem Minijob dazu. Diese Anlaufstelle für Drogenkranke zählt zu KISS, Selbsthilfe in Stadt und Landkreis, und ist auch eine Gründung von Kellner.