„Es ist normal, anders zu sein“ – Flashmob für Inklusion und Barrierefreiheit in Regensburg

Von Martina Groh-Schad · 6. Mai 2025 um 18:00

In der Domstadt leben 24 011 Menschen mit einer Behinderung. Aktivisten fordern längst fällige Schritte für deren bessere Teilhabe ein. Mehrere Dienste der Offenen Behindertenarbeit hatten zu der Aktion auf dem Neupfarrplatz in Regensburg aufgerufen.

Auf großen Plakaten hielten sie Sätze wie „Nicht über uns ohne uns“ oder „Es ist normal, anders zu sein“ in die Höhe. Über den Neupfarrplatz in Regensburg hallte laute Musik und aus allen vier Ecken kamen Menschen mit und ohne Behinderung langsam aufeinander zu.

Normalerweise hätten sie bunte T-Shirts als Zeichen für Vielfalt, Sichtbarkeit und Zusammenhalt tragen wollen, um deutlich zu machen: Wir sind viele, wir sind bunt. Doch der plötzliche Kälteeinbruch zwang dazu, dicke Jacken zu tragen. Anlässlich des Europäischen Protesttages zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung luden Dienste der Offenen Behindertenarbeit wie Phönix, die Lebenshilfe und die Caritas sowie die Kontaktstelle Behinderter Nichtbehinderter zu einem Flashmob ein, um auf Barrieren im Alltag aufmerksam zu machen.

Überfällige Schritte

„Wir stehen hier, um konkrete, längst überfällige Schritte einzufordern“, betonte Phönix-Vorsitzende Marion Thätter. Konkret gehe es den Aktiven um Barrierefreiheit in allen Bereichen, baulich, digital und sprachlich. „Nicht irgendwann, sondern jetzt.“ Dringend notwendig sei Wohnraum, der bezahlbar, barrierefrei und selbstbestimmt sei. „Schöne Konzepte helfen nichts, wenn Menschen faktisch keine Wohnung finden.“

Von Nöten sei zudem verlässliche persönliche Assistenz, die unabhängig von Pflegestufen und Haushaltslagen sei. „Als Grundrecht, nicht als Gnadenakt“, rief sie unter dem Beifall der Anwesenden. Thätter forderte zudem eine inklusive Bildung mit echten Ressourcen, mit multiprofessionellen Teams, Fortbildung und dem politischen Willen, Schule zu verändern. „Wir brauchen echte berufliche Teilhabe, nicht nur Beschäftigung und faire Entlohnung für alle.“

Derzeit würden in Regensburg 24 011 Menschen mit einer Behinderung leben. 15 578 Menschen hätten einen Grad der Behinderung über 50. „Davon haben nur 303 Personen eine Schwerbehinderung seit Geburt“, erklärte Thätter. Etwa 16 000 Einwohner hätten ihre Behinderung im Lauf ihres Lebens durch einen Unfall oder eine Krankheit erworben. „Diese Zahlen machen deutlich, Inklusion betrifft uns alle“, sagte Thätter. „Die Realität in Regensburg, wie in vielen Städten, ist unbequem und sie ist beschämend.“ Menschen mit Behinderung würden Monate, manchmal Jahre auf bezahlbaren, barrierefreien Wohnraum warten. Öffentliche Gebäude seien nur teilweise für Rollstuhlfahrer oder Menschen mit Sehbehinderung zugänglich.

Ein Lippenbekenntnis

Inklusion in Schulen bleibe ein Lippenbekenntnis, solange es an Assistenz, qualifiziertem Personal und echter Bereitschaft fehle. „Viele Menschen mit Behinderung arbeiten nicht dort, wo sie könnten, sondern dort, wo man sie duldet, oft unterbezahlt mit wenig Entwicklungsperspektiven“, kritisierte sie. Wer auf persönliche Assistenz angewiesen sei, werde mit Antragsfluten, Wartezeiten und Verunsicherung konfrontiert statt mit Lösungen.

Für die Stadt Regensburg nahm Sozialbürgermeisterin Astrid Freudenstein am Flashmob teil. „Wir haben schon vieles erreicht, aber es gibt noch viel zu tun“, räumte sie ein. Als Beispiele nannte sie entfernte Gehsteigbarrieren und den Lift in den ersten Stock im Alten Rathaus, der realisiert werden konnte. „Wir schaffen es aber nach wie vor nicht, das Kopfsteinpflaster aus unserer Stadt zu verbannen“, sagte sie. Im Anschluss hatten weitere Einrichtungen sowie Zuhörer die Möglichkeit, konkrete Wünsche nach Veränderung zu formulieren.

Auch Sozialbürgermeisterin Astrid Freudenstein nahm am Flashmob teil, hier mit Phönix-Geschäftsführer Tobias Schusser. - Foto: Martina Groh-Schad
Viele Aktive hielten Tafeln mit Gedanken und signalisierten damit ihre Unterstützung für Barrierefreiheit. - Foto: Martina Groh-Schad
Mehr Inklusion ist vielen Regensburgern ein Anliegen. Das demonstrierten sie bei der Aktion am Neupfarrplatz. - Foto: Martina Groh-Schad
Phönix-Vorsitzende Marion Thätter und ihre Kollegin Anna Piendl ermutigten Menschen mit Behinderung, sichtbar zu werden. - Foto: Martina Groh-Schad