Und dann kam Maria: Wie ein niederbayerischer Pater im Kloster seine große Liebe fand

Von Isolde Stöcker-Gietl · 14. April 2025 um 06:00

Als Pater Felix lebte Johannes Poiger fast zehn Jahre lang im Kloster Windberg im Landkreis Straubing-Bogen. Als er sich gegen die römisch-katholische Kirche und für die Liebe entschied, wurde er ohne Unterstützung vor die Tür gesetzt. Heute ist Poiger verheiratet, Pfarrer der alt-katholischen Kirche in Ostbayern und sehr glücklich im neuen Leben.

Sonntagabend. Ein Plakat weist den Weg. Rechts geht es zum alt-katholischen Gottesdienst. Die reich verzierte Kapelle im Rokoko-Stil liegt versteckt im Bürgerstift St. Michael in Regensburg. Der Weg ist etwas länger. Treppe hoch, durch eine Glastür, vorbei an schmucklosen Bürotüren. Hinter der nächsten Glastür taucht das Eingangsportal zur reich verzierten Kapelle auf. Und dort wartet Pfarrer Johannes Poiger im Messgewand, um jeden Gottesdienstbesucher persönlich zu begrüßen. Dieser Weg, der nicht schnurstracks verläuft, passt gut zu Poiger. Auch er musste Hürden überwinden, um hier anzukommen. Er, der sich einst als Pater Felix in den Dienst der Gemeinschaft stellte und den Zölibat praktizierte. Keine Ehe, kein Sex, keine Kinder. Doch dann kam Maria.

Wenn der 40-Jährige über die zurückliegenden fünf Jahre reflektiert, dann hat sich alles zum Guten gefügt. „Ich bin versöhnt mit meiner Vergangenheit“, sagt Poiger. Dennoch war der Weg nicht einfach.

„Wenn du das System verlässt, verlierst du alles“

Die römisch-katholische Kirche entlässt geweihte Priester, die neue Wege einschlagen, ins Nichts. „Wenn du das System verlässt, verlierst du alles.“ Das Kloster Windberg, in dem der gebürtige Kollnburger seit 2011 in der Gemeinschaft der Prämonstratenser lebte, war nicht länger sein Zuhause. Auch seinen Arbeitsplatz als Leiter der Jugendbildungseinrichtung musste Johannes Poiger aufgeben. Doch Groll auf diese harte Vorgehensweise habe er nicht zugelassen. „Ich wollte keine Last mit mir herumschleppen.“

Ein dreiviertel Jahr vor seinem Klosteraustritt hatte Pater Felix die Lehrerin Maria Poiger wiedergetroffen. Die beiden kannten sich von früher, hatten sich aber aus den Augen verloren. 2018 hatte sich die Niederbayerin vom Vater ihres Sohnes getrennt. Und nun war sie mit einer Schulklasse in der Jugendbildungsstätte. Mit Pater Felix knüpfte sie an alte Themen an. Schnell spürten beide ihre wiederaufkeimende Sympathie füreinander. Sie hielten den Kontakt über diesen Schulbesuch hinaus aufrecht. Und die Nähe wuchs und die Gefühle füreinander wurden immer stärker – mit jedem Spaziergang, den sie unternahmen. „Und dann ging‘s dahin“, formuliert es Johannes Poiger beim Interview und lacht.

Zurück zum Gottesdienst: Inzwischen haben die Gläubigen in den Kirchenbänken Platz genommen. Seit dem vergangenen Jahr ist die alt-katholische Gemeinde im Michlstift untergekommen. Beim Friedensgruß umarmen sich viele Gläubige und der Pfarrer geht von Bank zu Bank und drückt jedem die Hand. Jeder ist hier willkommen, betont Poiger immer wieder.

Etwa 16.000 Mitglieder zählt die alt-katholische Kirche in Deutschland, die synodal organisiert wird und sich nach dem 1. Vatikanischen Konzil gründete, aus Protest gegen die damals beschlossene Unfehlbarkeit des Papstes. Die Grundlage des Glaubens bildet die Bibel, auch die Sakramente werden zelebriert. Die Unterschiede zur römisch-katholischen Kirche liegen in der modernen Struktur. Ehelosigkeit von Priestern wurde als nicht begründbares Gesetz abgeschafft, im Jahre 1996 wurden die ersten Frauen zu Priesterinnen geweiht. Geschiedene und Wiederverheiratete dürfen alt-katholisch getraut werden – ebenso gleichgeschlechtliche Paare.

Poiger hat diese Zugewandtheit erfahren, als er seine Liebe zu Maria nicht länger verheimlichen wollte. In Deggendorf besuchte er einen alt-katholischen Gottesdienst. Der Pfarrer bat ihn herzlich herein und reichte ihm eine Decke – „weil es in der Kirche immer so kalt ist“. Und dieses Gefühl von Wärme blieb. Johannes Poiger fühlte sich willkommen. Maria und ihr Sohn Manuel folgten ihm später in die Gemeinschaft nach.

Das außerkirchliche Umfeld reagierte gelassen auf die radikalen Schritte des tief im Glauben verwurzelten Pfarrers. Seine Familie und die Familie seiner Frau Maria seien wichtige Stütze gewesen, um sich zu sortieren und neu Fuß zu fassen, wie er sagt. Im Kloster brachen einige Brüder mit ihm. Sie konnten den Weg nicht nachvollziehen.

2022 heirateten Maria und Johannes

Poiger arbeitete nach seinem Kloster-Ausstieg zunächst für die Lebenshilfe Deggendorf. Als Betreuer für Menschen mit psychischen Behinderungen. „Ich war dort mehr Seelsorger als die Jahre davor“, sagt er über die Zeit.

2022 heirateten Maria und Johannes in der Wallfahrtskirche Weißenberg. Den Traugottesdienst zelebrierte sein Kollege Daniel Saam, dem er kurz zuvor auf der alt-katholischen Priesterstelle in Regensburg nachgefolgt war. Heute betreut Poiger als zuständiger Pfarrer den ostbayerischen Raum bis nach Passau und steht kurz vor seinem Master in alt-katholischer Theologie.

„So schnell kann es gehen, dass Träume vergehen und Karrieren zu Ende sind“, kommt er auch in diesem Gottesdienst auf schwere Zeiten im Leben zu sprechen. Er selbst wisse heute, was ihm im Leben gefehlt habe, sagt der Pfarrer. „Der Austausch, die Nähe und sowas wie Familienleben.“

Eine Kloster-WG könne eine solche Beziehung niemals ersetzen. Durch die Familie hätten sich auch seine Predigten verändert, sagt Poiger. „Wirklich lieben und auch geliebt zu werden, das hat meiner Sicht auf die Liebe Gottes noch mal eine ganz neue Perspektive gegeben.“ Gott führe „und da muss man mitgehen“, ist er überzeugt. Und dabei manchmal eben auch einen Umweg mehr einplanen.

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Mit Ehefrau Maria und deren Sohn Manuel lebt Johannes Poiger Familie. Sie dürfe auch gerne noch größer werden, sagt er. − Fotos: privat