Brüssel auf Landpartie: So fördert und fordert „Leader“ den Landkreis Kelheim

Von Martina Hutzler · 10. April 2025 um 15:00

Vor gut 20 Jahren hat sich im Landkreis Kelheim die „Leader-Aktionsgruppe“ gegründet und seither Dutzende Projekte begleitet. Millionen Euro, die zuvor an Steuermitteln nach Brüssel flossen, sind als Fördergelder in den Landkreis zurückgekehrt. Oft begleitet von Stress, Schweiß und Flüchen, ausgelöst von Bürokratie, strengen Fristen und peniblen Kontrollen. Warum und wann Projekte trotzdem erfolgversprechend sind und wie finnisches Bier den Weg zum „Cabrizio“ in Offenstetten ebnete, schildern Leader-Projektmanagerin Anne-Katharina und Leader-Geschäftsstellenleiter Klaus Amann im Gespräch.

Am Anfang vom „Cabrizio“ stand Ratlosigkeit. Eine finnischen Delegation informierte sich vor gut 20 Jahren im Landkreis Kelheim über den Hallertauer Hopfenanbau, und irgendwie war der damalige Leader-Manager Klaus Amann auf die Referentenliste geraten. Ohne recht zu wissen, wie er den Bogen schlagen würde vom Brauen zu „Leader“. Aber aus dem Besuch nahmen er und andere die Erkenntnis mit, dass die Finnen beim Thema Inklusion dem Landkreis und Deutschland weit voraus waren. Prompt reiste Amann mit einer Delegation aus Kelheim und von der Katholischen Jugendfürsorge zum Gegenbesuch. Und brachten die Idee für ein Leader-Projekt mit: ein integratives Veranstaltungszentrum.

„Das Cabrizio wurde eines der schönsten und interessantesten Leader-Projekte“ und schlägt seither die Brücke zwischen Menschen mit Behinderung im KJF-Cabrini-Zentrum und Nicht-Behinderten. Es verkörpert auch bestens die „Leader“-Zielsetzung: innovative Ideen realisierbar machen, Neues etablieren.

Fast alle Orte abgedeckt

„Mittlerweile gibt es im Landkreis kaum mehr Ecken, in denen noch kein ,Leader‘-Projekt realisiert wurde“, sagt Anne-Katharina Mahle, und wundert sich selbst ein bisschen. Denn die Förderung will hart erarbeitet sein; und ist sie mit (üblicherweise) 50 Prozent der Kosten auch noch niedriger als manch anderes Programm. Sinnvoll also nur für langfristig angelegte Projekte, für die vor Ort wirklich der Bedarf besteht.

„Wir erstellen vorab eine Defizit-Analyse“, die zeigt, ob es zum Beispiel das Dorfgemeinschaftshaus oder den Radlparcours wirklich braucht, erklärt Klaus Amann. Nachgefragt wird unter anderem bei relevanten Fachstellen und Behörden. Das eindeutigste Indiz sei freilich, wenn sich von Anfang an Bürgerinnen und Bürger vor Ort einbringen. Wobei im Kreis Kelheim mehr und mehr die „Tandem-Variante“ zum Tragen kommt.

Denn oft ist es ein bestehender oder eigens gegründeter Verein, von dem die Initiative für ein Projekt ausgeht und der sich um das, was dabei herauskommt, dann auch kümmert: die „Sternfreunde Kelheim“ zum Beispiel, die mit ihrer „Donausternwarte“ schon unzähligen Interessierten den Himmel auf Erden geholt haben; oder das „Hopfenhaus Steinbach“ bei Mainburg, ein vom gleichnamigen Kultur- und Förderverein betriebenes Zentrum für dörfliche Kultur. Und oft klinkt sich dann die Gemeinde als Projektträger mit ein; sozusagen als langfristiger Stabilitätsanker.

In Saal etwa haben auf die Weise die Gemeinde und der eigens gegründete Radsportverein gemeinsam den „PumpTrack Saal“ als radsportlichen Freizeittreff realisiert. Letztlich brauche es aber einen oder wenige Engagierte vor Ort, die die Verantwortung fürs Leader-Projekt übernehmen und sich dessen straffes Bürokratie-Korsett überstülpen.

Die gibt es seit Anbeginn „und hat sich seither ungefähr verdoppelt“, seufzt Klaus Amann. Sie geht los mit einem bis ins kleinste Detail auszuführenden Projektantrag, setzt sich fort in genauen Vorgaben zur Ausschreibung von Arbeiten und in zahlreichen Fristen, die es während und zum Ende des Projekts einzuhalten gilt, und mündet in eine haarkleine Abrechnung.

Strenge Prüfungen drohen

All das wird dann auch genau geprüft. Mindestens ein Mal vom zuständigen Amt für Ernährung, Landwirtschaft, Forsten – die AELF‘s sind der „verlängerte Arm“ des bayerischen Landwirtschaftsministeriums und werden wiederum vom Ministerium geprüft, auch anhand einzelner Projekte. Das Ministerium schließlich wird von der EU kontrolliert wird, die dafür ebenfalls vereinzelt Prüfbesuche vor Ort abstattet.

Weil so viel Bürokratie wohl viele, gerade kleinere Projekte schon im Keim ersticken würde, haben Leader-Regionen Geschäftsstellen. Im Landkreis Kelheim ist sie in den Landschaftspflegeverband Kelheim, im Donaupark, integriert. Dorthin, rät Leader-Managerin Anne-Katharina Mahle, sollten Projekt-Interessierte schon im Ideen-Stadium kommen: Gemeinsam könne man das Projekt entwickeln – entweder so, dass es ins Leader-Konzept passt, oder vielleicht auch hin zu einem anderen, womöglich lukrativeren Förderprogramm.

Dieses gemeinsame Entwickeln führt oft dazu, dass sich zum Beispiel eine Dorfgemeinschaft mit der Historie auseinandersetzt: so etwa im Rohrer Ortsteil Bachl, wo man fürs Leader-geförderte „Oxen-Haus“ den jahrhundertelangen Handel auf der „Ochsenstraße“ beleuchtete, aber auch das Zwangsarbeiter-Lager in der NS-Diktatur. Oft lassen sich in Projekte auch noch „Bonus-Aspekte“ einarbeiten, etwa Barrierefreiheit oder eine umweltbewusste Wahl der Baumaterialien. Diese erste Entwicklungsphase sei denn auch die schönste, findet Anne-Katharina Mahle. „Und dann die Einweihungsfeier“, schiebt sie lachend hinterher.

In einer lockeren Serie werden wir einige Leader-Projekte vorstellen, die seit dem Start des Förderprogramms im Landkreis Kelheim realisiert wurden.

Das ist „Leader“

Begriff: Das englische Wort „Leader“, mit der auf Deutsch etwas unglücklichen Bedeutung „Führer“, gibt die Anfangsbuchstaben einer französischen Bezeichung wider. Diese bedeutet übersetzt „Verbindung zwischen Aktionen zur Entwicklung der ländlichen Wirtschaft“. Unter diesem Titel fördert die Europäische Union modellhafte Projekte im ländlichen Raum.

Kelheim: Der Landkreis ist seit 2002 bei „Leader“ dabei, hat seit 2004 eine „Lokale Aktionsgruppe“ (LAG) mit Mitgliedern aus dem Sozial-, Umwelt-, Wirtschafts-, Kulturbereich und Behörden. In jedem Leader-Gebiet ist die LAG die örtliche Entscheidungsinstanz für Projektanträge.

Geld: In den vergangenen drei „Leader“-Förderperioden (2002-2006, 2007-2013, 2014

-2021) wurden in der LAG Kelheim Projekte mit fast 35 Millionen Euro Brutto-Gesamtkosten umgesetzt. Viele davon per „Leader“ gefördert, etliche wurden in andere Programme gehievt. In der aktuellen Phase 4 (bis 2027) kann die LAG Kelheim 1,67 Mio. Euro Leader-Mittel verteilen. Rund die Hälfte davon ist bereits verplant.

Kontakt: Wer sich für Leader-Förderung interessiert, kann sich an Projektmanagerin Anne-Katharina Mahle wenden: Tel.: 09441/207-7320, Mail anne-katharina.mahle@voef.de. Weitere Infos auf leader-landkreis-kelheim.de .