Kabarettist Matthias Egersdörfer in Regensburg: Avantgarde-Jazz als Vitaminspritze

Matthias Egersdörfer begeistert in der Alten Mälzerei mit seinem etwas unausgegorenem neuen Programm „Langsam“.
Über was hat er gerade noch gesprochen? Geschlechtsverkehr? Richtig, das sei „etwas sehr schönes, aber kein gutes Wort“, sinniert Matthias Egersdörfer auf der Bühne über seine eigenen Worte nach. Also spinnt er den Faden weiter, fragt das Publikum in der ausverkauften Mälzerei nach einem besseren Ausdruck. Nach einigem Zögern, währenddessen der Kabarettist die Bibel zitiert, wagt sich der eine und andere mit einem Vorschlag aus der Deckung. Meist verwirft Egersdörfer diese gleich wieder. Hängen bleibt er bei „pudern“. Letztlich ist ihm das aber zu „staubig“, meint er trocken und spricht den derben österreichischen Ausdruck mit fränkischem Zungenschlag korrekt als „budern“ aus.
Wilde Gedankensprünge
Über das in Regensburg unvermeidliche „schnacksln“, das dem Nürnberger eine Vorlage bietet über Fürstin Gloria zu spötteln, landet er bei Charles Mingus. Wie er unversehens auf den „angry man of jazz“, den „zornigen Mann des Jazz“, kommt, ist wie manche seiner Gedankensprünge etwas rätselhaft. Was dann aber folgt, ist ein Lehrstück für paradoxe Intervention. Weil „man seine Musik kennen sollte“, stellt er den Jazzbassisten und Cellisten vor und zitiert aus dessen Biographie „Beneath The Underdog“, spielt der das orchestral wirkende „Solo Dancer“ vom 1963er Album „The Black Saint and the Sinner Lady“ in voller Länge vor.
Das auch bei Jazzliebhabern und Kennern selten zu hörende kraftvolle Stück ist eine Herausforderung. Konfrontiert mit diesem Meilenstein des damaligen Avantgarde-Jazz, reagieren die Zuhörenden, die gekommen waren, um zu lachen und sich unterhalten zu lassen, erstmal verunsichert – hören aber zu. Derweil sitzt Egersdörfer wie ein Gastgeber, der sich nicht um die Meinung seiner Gäste schert, hinter einem einfachen Holztisch und blinzelt unter halb gesteckten Augen lauernd ins Publikum. Hin und wieder zuckt ein verhaltenes Grinsen in den Mundwinkeln des thematisch mäandernden Grantlers, der die gezielt eingesetzte Cholerik zu seinem Markenkern gemacht hat. Als dann vereinzelt erst Pfiffe und eine paar verstörte Applaudierer eine bedrohliche Welle Abneigung aus dem Publikum ankündigen, spannt sich der subtil gerundete Körper des Kabarettisten leicht an.
Geschafft! Das großartige Stück Jazzmusik mit intensiven Saxofonsoli endet und wird laut beklatscht. Wobei nicht klar feststellbar ist, ob aus Erleichterung darüber, dass es vorbei ist oder ob diese Inszenierung tatsächlich einige Zuhörende im Innern erreicht und zu Jazzfans gemacht hat.
Egersdörfer kommt noch einmal auf die nur auf englisch erhältliche Biografie zu sprechen. Darin beschreibt sind Mingus in den ersten Sätzen als drei – verschiedene – Personen. Das sollte doch für alle gelten, meinte der Kabarettist, auch er sei doch nicht nur cholerisch und schreie ein Leben lang herum. Nach diesem musikalisch-biografischen Zwischenspiel kehrt der Franke, der sich vom Bauchansatz bis zur schicken Dreiviertelglatze gern über die eigenen körperlichen Mängeln lustig macht, zum ursprünglichen Thema zurück.
Apokalyptische Fantasien
„Langsam“ steht in großen Lettern über seinem neuen Programm. Damit biegt er altersgemäß vermutlich in die vorletzte berufliche Kurve ein, stemmt sich andererseits aber auch gegen ein scheinbar immer mehr beschleunigendes Leben im Zeitalter disruptiver Sprünge in Politik, Gesellschaft und in der Natur. Vielleicht ist das etwas weit hergeholt, stiefelt der im wenig elegant sitzenden Anzug Erzähler doch vom erfrischenden Urlaubsdesaster mit seiner Frau durch Jugend und Schulzeit in ein steinaltes Wirtshaus.
Es sind lokale und persönliche Themen, in die sich Egersdörfer mit typischem Hang zur Katastrophe hineinsteigert. Wüsste man es nicht besser, man könnte in ihm einen Produzenten von Verschwörungserzählungen sehen, wenn er seinen apokalyptischen Fantasien hinterher jagt. Insgesamt wirkt das Programm als sei es noch nicht ganz ausgegoren – trotz des großartigen Kniffs mit der Vitaminspritze des Mingus-Jazz.