Orientalische Mauerwespe hat sich ziemlich schnell „europäischen Markt“ erschlossen

Biologin Christine Linhard hat sich in ihrer Kolumne wieder einmal eine exotische Landkreisbewohnerin ausgesucht: die Orientalische Mauerwespe.
Noch ist es nicht so weit. Noch ist nicht Baubeginn im Ikea-Regal, hinter dem Fensterrahmen oder an der Gartenschürze im Schuppen. Aber der eine oder andere von Ihnen könnte beim anstehenden Frühjahrsputz hier oder dort auf solche Tönnchen aus dem Vorjahr stoßen … und sich dann vielleicht ein bisschen wundern, welche Töpfer dafür verantwortlich sind. Noch dazu, weil Töpferwerkstätten dieser Art in Deutschland erst seit verhältnismäßig kurzer Zeit betrieben werden.
Ihre Lehmkunst war lange Zeit nämlich nur aus Nepal und Indien bekannt, bevor einige „Handelsvertreter“ 1979 eher zufällig am Flughafen Graz landeten und sich von der Steiermark ausgehend ziemlich schnell den „europäischen Markt“ erschlossen. Ihr Name? Orientalische Mauerwespen. Nicht ganz zwei Zentimeter große Hautflügler aus der Familie der Grabwespen – mit einer Wespentaille, schlanker geht es kaum. Dass in diesem feinen „Rohr“ zwischen Vorder- und Hinterleib überhaupt Nervenstränge, Darm und Muskeln Platz haben! Kaum vorstellbar.
Die Lehmzellen, in denen sich die schlanken Insekten vom Sommer des einen bis in den Frühling des nächsten Jahres entwickeln, sind im Gegensatz dazu dick und rundlich … und zumindest anfangs prall gefüllt mit Spinnen. Bis zu 25 Kreuz-, Spring- oder Krabbenspinnen liegen dort auf- und übereinander – und ganz zuunterst an der ersten Spinne klebt ein „unschuldiges“ weiches Ei. Die Spinnen rundum sind durch das Gift völlig bewegungslos. Nur ihr Herz pumpt noch langsam vor sich hin … und hält die „Babynahrung“ dadurch schön frisch und so lange lebendig, wie nötig.
Schon irgendwie eine Horrorvorstellung, aber na ja, so dreht sich der Spieß der Natur eben wieder um. Hier ist es nicht die Krabbenspinne, die einer Biene beim Blütenbesuch auflauert, sie lähmt und schließlich aussaugt. Hier ist es eine Wespe, die einer Krabbenspinne beim Auflauern auf eine Biene beim Blütenbesuch auflauert, sie lähmt und schließlich … aussaugen lässt.
Wenn die kleine Mauerwespenlarve mit ihren Beißwerkzeugen so weit ist, dass sie sich ruckartig in den Spinnenkörper hinein … – na ja, lassen wir für sensible Seelen lieber den Lehmvorhang über diese „Horrorfilm“-Szene fallen und beobachten weiter die Töpfer bei ihrer Arbeit. Von Sonnenauf- bis -untergang schuften sie bei schönem Wetter, und eine „Amphore“ nach der anderen wird fertiggestellt.
Es dauert eine gute Schulstunde, bis genügend Lehmkugeln an einer geeignet feuchten Stelle zusammengekaut, zum ausgewählten Brutplatz im Flugtaxi transportiert und schließlich Schicht für Schicht zur Lehmzelle zusammengebaut sind. Weil diese Bauweise zwar sehr praktisch, aber nicht allzu wetterfest ist, bevorzugen Orientalische Mauerwespen menschliche Bauwerke als Überdachung. Dachboden, Fensterrahmen, Spannteppichrolle, eingerollte Markise, Buchrücken – so lauten (nicht nur) die ersten Fundorte aus Österreich. Kein Wunder, dass bald auch die Medien auf diese ominösen Röllchen im menschlichen Dunstkreis aufmerksam wurden. „Die Reporter interessierte“ – wie kann es auch anders sein – „vor allem die potenzielle Gefährlichkeit der Wespe“, so das Biologiezentrum Linz.
Die Assoziationen mit Killerbienen konnten aber dann doch bald ausgeräumt werden. Gefährlich ist der Neubürger, wie wir ja schon wissen, nur und wirklich nur für Spinnen.
Autorin: Christine Linhard ist Biologin und gibt - in Zusammenarbeit mit dem Landschaftspflegeverband VöF - regelmäßig Einblicke in die Natur in unserem Landkreis. Gerne können Sie dazu beitragen und uns ein passendes Foto mailen (naturfotos@mittelbayerische.de).
