Schüleraustausch zwischen Cham und Chicago: Wie viel Restrisiko ist tragbar?

Das Fraunhofer will mit 20 Schülern zum Austausch über den Teich. Doch ist eine Reise in die USA gerade empfehlenswert? Das Risiko scheint unberechenbar.
Sie erinnern sich? Lässig krächzt Jake Blues alias John Belushi im Kino-Klassiker „The Blues Brothers“ sein Sweet Home Chicago. Das wollen bald auch 20 Chamer Fraunhofer-Gymnasiasten kennenlernen, die vom 18. April bis 4. Mai zum Schüleraustausch über den großen Teich aufbrechen. Doch geht das überhaupt, in Zeiten, in denen unbescholtene Reisende an den US- Grenze willkürlich abgewiesen oder gar inhaftiert werden? Ist das Risiko tragbar?
Eine Frage, die schwer wiegt, und noch schwieriger zu beantworten ist. „Wir haben das in der Schule diskutiert“, sagt Uwe Mißlinger. „Das ist ganz schwierig!“, ergänzt der Fraunhofer-Direktor. Es habe schon einige Anrufe besorgter Eltern gegeben, ob die Reise sicher sei. Ob sie wirklich sicher ist und alle in Chicago, dem Ziel des Schüleraustauschs, am Ende ankommen, kann Mißlinger nicht beantworten. Jedoch werde die Reise, die von einem Lehrer und einer Lehrerin begleitet wird, nach jetziger Planung stattfinden.
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Jetzt die Reißleine zu ziehen, sei schwierig, da vieles von den 1500 Euro dann weg sei. „Es ist auch noch keiner der Teilnehmer abgesprungen“, betont Mißlinger. Und wenn, wäre das auch kein Problem, denn 20 weitere Schüler aus der 10. und 11. Jahrgangsstufe seien auf der Warteliste, um einzuspringen. Die USA sind demnach begehrt als Reiseziel – trotz der üblen Grenznachrichten. Es habe gar schon zwei Beschwerden aus dem Elternkreis der infrage kommenden etwa 180 Schüler gegeben, warum der oder die mitfahren dürfen und der eigenen Nachwuchs nicht, erklärt der Fraunhofer-Chef.
Rechtlich keine Schulfahrt
Er habe beim Kultusministerium in München nachgefragt, wie er das handhaben solle, oder ob es bereits Vorgaben gebe. Dort habe man auf das Auswärtige Amt und dessen Regeln zu Reisen in die USA hingewiesen, dass eine genaue Planung mit Visum wichtig sei, jedoch der Schüleraustausch aus Sicht des Kultusministeriums nicht abgeblasen werden muss.
Die Entscheidung liege aber bei ihm, so das Ministerium, was Uwe Mißlinger nicht wirklich weitergeholfen hat. Er werde auf jeden Fall noch einmal die Elternhäuser der Jugendlichen kontaktieren und ihnen die Situation erläutern. Wem es nicht wohl sei bei dem Gedanken an die Reise, der könne dann noch immer zurücktreten. Mißlinger weist zudem darauf hin, dass dieser Schüleraustausch zwar von der Schule organisiert wird, dass es aber rechtlich keine Schul- oder Klassenfahrt, sondern Privatsache für den sei, der hier mitfährt. Aufgrund der Kosten könnten leider auch nur Schüler aus „betuchtem Elternhaus“ teilnehmen. Nur, wenn eine ganze Jahrgangsstufe oder eben ein Klassenverband auf Tour gehe, sei es eine Schulveranstaltung.
Die Kooperation zwischen dem Fraunhofer und einer amerikanischen Schule in Chicago gebe es seit wenigstens 20 Jahren. Mit dem dortigen Schulleiter habe er noch nicht gesprochen, so der JvFG-Chef. Er befürchte jedoch, dass dabei nicht viel herauskommt, weil durch die neue US-Regierung vieles – auch im Bildungssektor – „gleichgeschaltet“ werde.
Schüler zurückgeschickt
Und es ist auch schon vorgekommen, dass ein Chamer Schüler bei der Einreise in die USA zurückgewiesen und wieder nach Hause geschickt wurde. Der Schüler hatte damals – nach der wagen Erinnerung von damaligen Mitschülern – einen Behördeneintrag, weil er gesprayt hatte. Er sei von den US-Grenzern deshalb als „bedrohlich“ eingestuft und wieder nach Hause geschickt worden. Dass die US-Grenzwächter wie auch die Polizei ein ganz anderes Auftreten haben wie bei uns, sei schon immer so gewesen.
Das habe ihm Ex-Englischlehrer und Schüleraustauschbegleiter der 90er Jahre Dr. Christian Nowotny bestätigt, wenn etwa bei Kontrollen gleich die Waffe gezogen werde. Wie die Behörden dort an solche Informationen etwa zu Gerichtsurteilen kommen, wisse er nicht, sagt Mißlinger. Er werde jedoch nicht die Schüler vor der Reise befragen, ob sich einer etwas zu Schulden kommen haben lassen, das gehe gar nicht, und solche Fragen zu stellen, stehe ihm auch nicht zu.
Willkür an der Grenze
Es bleibe ein Restrisiko, für das die Schule keine Verantwortung übernehmen könne, betont Mißlinger. Der Extremfall wäre sicher eine Inhaftierung eines Schülers bei der Einreise am 18. April. Soweit mag der Schulleiter nicht denken, doch herrsche offensichtlich eine gewisse Willkür der Grenzbeamten und „keine normale Demokratie mehr“, wenn schon Einreisende in Abschiebehaft müssten, weil sie ihre Tätowiermaschine dabei haben.
Auch Jake Blues hätte heute vermutlich nichts mehr zu lachen in den USA unter der Trump-Herrschaft. Denn er ist im Film gerade aus dem Gefängnis gekommen. Und der Schauspieler John Belushi hat albanische Wurzeln. Auch keine gute Basis für ein Sweet Home Chicago, eher für einen amerikanischen Alptraum.
Auf Schultour
Bisher gibt es am Fraunhofer einen Schüleraustausch mit Frankreich, mit England oder auch den USA. Der mit Togo ruht zur Zeit. Und auch um die Austausche mit Schulen in den USA und auch England sehe es in den kommenden Jahren schlecht aus. Es sei heute „unfassbar viel Bürokratie“, die mit solchen Veranstaltungen verbunden seien, so Uwe Mißlinger.
Bei England sehe er akut, dass dieser Austausch wohl sterben werde. Gestorben ist im Übrigen bereits die Fraunhofer-Skikursfahrt der 6. Klassen. Hier hätten Eltern vehement den Schneemangel angeführt und gegen die Fahrt argumentiert. Daher habe er den Skikurs gestrichen.