Tote 23-Jährige in der Goldbergklinik war für die Landshuter Kripo zunächst nur Routine

Von Christian Eckl · 17. März 2025 um 17:16

Im Fall der im Dienst verstorbenen Krankenschwester Ronja H. sagten im Prozess gegen einen früheren Arzt des Kreiskrankenhauses Kelheim vier Polizisten aus. Dabei kamen neuerlich Schlampereien der Ermittler zur Sprache. Das Gericht ließ erstmals durchblicken, wie es den Fall bewertet.

Schlampige Ermittlungen: Am dritten Tag des Prozesses im Todesfall von Ronja H. gerieten erneut die anfänglichen Fehler und Schlampereien der Polizei in den Fokus. Doch ausgerechnet ein Antrag der Verteidigung des angeklagten Arztes ließ den Vorsitzenden Richter Thomas Polnik durchblicken, in welche Richtung der Prozess sich neigt. Dem Angeklagten wird vorgeworfen, der 23-Jährigen eine zum Tode führende Dosis Ketamin und Propofol verabreicht zu haben. Die junge Mitarbeiterin der Kelheimer Goldbergklinik wurde am Morgen des 15. Dezember 2021 tot in der Notaufnahme aufgefunden – während ihres Dienstes.

Kripo schickt Beobachter

„Ab dem heutigen Tag ist auch die Kripo Landshut anwesend“, bemerkte Richter Polnik zu Beginn des Prozesses. Die Behörde hat wohl entschieden, dem Prozess nun auch zu folgen, da schon bei den letzten Verhandlungstagen Kritik an den Ermittlungen geäußert wurde. Die beiden Polizisten, die gleich an jenem frühen Morgen 2021 eintrafen, bestätigten, dass die Leiche von Ronja bereits aus einem ehemaligen Schockraum der Notaufnahme in einen anderen Raum verbracht wurde. Mehrere Zeugen sagten aus, dass der Angeklagte die Leiche in den anderen Raum geschoben und zudem ein volles Fläschchen Propofol in seinen Kittel gesteckt haben soll.

Die Schwester, die Ronja einen Zugang gelegt hatte, brachte dabei einen möglichen Suizid ins Spiel. Lange blieb dies die Hypothese der Ermittler. Eine Polizistin sagte aus, das Verhalten des Angeklagten sei ihr damals komisch vorgekommen. Sie hatte auch wahrgenommen, dass davon gesprochen wurde, der Angeklagte solle ein Verhältnis mit der Toten gehabt haben. „Er war besorgter als die anderen, ein bisschen komisch“, sagte die Polizistin aus. „Mir ist das im Polizeiauto nochmal durch den Kopf gegangen, dass da ein Verhältnis gewesen sein soll“, so die Polizistin im Zeugenstand. „Ich hatte das Gefühl, irgendwas war nicht stimmig.“

Offenbar anders sah das der Kripo-Beamte aus Landshut. Er vernahm zwar den Arzt, der den Totenschein Ronjas ausfüllte. Dass die Leiche verlegt und – völlig unüblich – damit der Tatort verändert wurde, das sei ihm schon komisch vorgekommen. Aber er habe das so zur Kenntnis genommen.

Eine Art von Generalabrechnung mit den Ermittlern und dem Kripo-Ermittlungsleiter nahm dann Verteidiger Dr. Georg Karl vor, der selbst einst als Staatsanwalt tätig war. So unterstellte er dem Kripo-Mann, der nach den anfänglichen Schlampereien seiner Kollegen den Fall im Auftrag der Regensburger Staatsanwaltschaft übernommen hatte, selektiv Beweise in die Akten aufgenommen zu haben. So hätten die Zeugen doch häufig stark abweichend vor Gericht ausgesagt, was noch bei der Polizei so klar geklungen habe.

Und auch einen langen Chatverlauf hatte er nicht in die Akten aufgenommen. Richter Polnik nutzte die Gelegenheit, um klarzumachen, in welche Richtung das Verfahren gehen könnte. „Ich will versuchen, diese früheren Aussageinhalte zu rekonstruieren.“ Es sei aus Sicht des Richters nur „ein möglicher Ansatz“, dass der Kripo-Mann diese Zeugenaussagen „sinnentstellend“ wiedergegeben hätte.

Jener Polizeibeamte, der die Ermittlungen schließlich etwa ein Jahr nach dem Tod Ronjas übernahm, hatte schließlich Ordnung in die Ermittlungen gebracht. Keinen Zweifel ließ der Kripo-Mann dann daran, dass seine dokumentierten Zeugenaussagen auch jene waren, die die Zeugen damals tatsächlich getätigt hatten.

Ermittler verglich Aussagen

Die Ermittlungen seien auf den Mediziner deshalb fokussiert worden, weil ein Pfleger einen Anruf von ihm erhalten hatte. Dieser Pfleger wollte sich im Zeugenstand nun nicht mehr so detailliert erinnern, was der Arzt gesagt haben soll – man habe „Ronja schlafen gelegt“ und entweder, er habe ihr „etwas gespritzt“, damit sie schlafe, oder er habe ihr Propofol gegeben. Abgeglichen hatte der Kripo-Mann diese Aussagen mit jenen Zeugen, denen der Pfleger das Gespräch unmittelbar danach mitgeteilt hatte. Das war zwei Tage nach dem Tod Ronjas – dem Richter scheinen diese Aussagen plausibler zu sein als jene abweichenden Aussagen heute.

Der Angeklagte am dritten Prozesstag mit seinem Anwalt Georg Karl Foto: Eckl