„Der Männerkörper galt lange als Goldstandard“: Ärztin erklärt, warum es geschlechtersensible Medizin braucht

Von Medikamentenunverträglichkeit bis zum unerkannten Herzinfarkt: Werden Unterschiede zwischen den Geschlechtern nicht berücksichtigt, kann das in der Medizin schwerwiegende Folgen haben. Warum geschlechtersensible Medizin nicht nur am Weltfrauentag mehr in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt werden muss, erklärt Prof. Dr. med. Martina Müller-Schilling, Direktorin der Klinik und Poliklinik für Innere Medizin I am Universitätsklinikum Regensburg, im Interview.
Frau Müller-Schilling, werden Frauen und Männer unterschiedlich krank?
Martina Müller-Schilling: Zuerst einmal muss man zwischen dem biologischen Geschlecht – auf Englisch „sex“ – und Gender – also der sozialen und kulturellen Geschlechtsidentität – unterscheiden. Das biologische Geschlecht kann das Risiko und den Verlauf von Krankheiten durch genetische Faktoren oder hormonelle Mechanismen beeinflussen. Was die Geschlechtsidentität betrifft, tragen Geschlechternormen und Rollenbilder, die Sozialisation und auch der Zugang zu Ressourcen im Gesundheitssystem dazu bei, dass es Unterschiede bei Gesundheit und Krankheit gibt.
Wie sehen diese Unterschiede aus?
Müller-Schilling: Männer neigen beispielsweise zu höherem Risikoverhalten. Sie haben häufiger Unfälle, zum Beispiel beim Autofahren. Außerdem gehen sie seltener zum Arzt und nehmen weniger Vorsorgeuntersuchungen wahr. Dazu tragen Geschlechterzuschreibungen bei. Das fängt schon bei Sätzen an wie: „Ein Indianer kennt keinen Schmerz.“ Aber es ist auch so, dass sich Krankheiten unterschiedlich zeigen. Das prominenteste Beispiel ist wohl der Herzinfarkt. Bei Männern sind Symptome wie Brustschmerzen, die in den linken Arm ausstrahlen, ganz typisch. Frauen leiden dagegen unter Rückenschmerzen, Übelkeit und Erbrechen. Das führt dazu, dass Herzinfarkte bei Frauen später erkannt werden.
Also haben Frauen einen Nachteil, weil Krankheiten seltener erkannt werden?
Müller-Schilling: Ob weiblich, männlich oder nicht-binär: Es hat für alle Geschlechter Vorteile, wenn wir deren Unterschiede in Krankheit und Gesundheit kennen, ihre Auswirkungen verstehen und adäquat behandeln können. Bei der Diagnose von Depressionen leiden Frauen häufiger unter klassischen Symptomen wie Traurigkeit, Selbstzweifel und Antriebslosigkeit. Männer zeigen eher Verhaltensweisen wie Ärger und Aggression, die fehlinterpretiert werden und zu einer späteren Diagnosestellung führen können.
Abseits von Diagnosen: In welchen Bereichen der Medizin spielt Geschlechtersensibilität noch eine Rolle?
Müller-Schilling: Beispielsweise bei der Gabe von Medikamenten. Einer guten Behandlung muss gute Forschung zugrunde liegen. Deshalb werden Medikamente zuerst in Studien im Labor getestet, anschließend in Tierversuchen und dann in klinischen Studien an Patienten. Über einen sehr langen Zeitraum hinweg ist das allerdings nur mit überwiegend männlichen Testpersonen passiert. Am 31. Januar 2022 hat die Europäische Union dann schließlich gefordert, dass in solchen Studien eine repräsentative Verteilung der Geschlechter und auch des Alters angestrebt werden muss. Das war ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.
Das ist noch nicht lange her…
Müller-Schilling: 1899 durften Frauen erstmals in Deutschland studieren. Erst 1913 wurde die erste Frau in Deutschland Professorin der Medizin. Da die Wissenschaft sehr lange männlich dominiert war, fehlt daher der weibliche Blick. Das ist im Übrigen nicht nur in der Medizin der Fall. In der Autoindustrie etwa war für Crashtest-Dummies lange Zeit die männliche Anatomie Maßstab. Selbst, als dies aufgrund des höheren Verletzungsrisikos für Frauen kritisiert wurde, wurden Dummies nicht dem weiblichen Körper nachempfunden, sondern nur kleiner und leichter gemacht. Ein anderes Beispiel sind Klimaanlagen. Diese sind auf eine Temperatur von 22 Grad eingestellt – ein Standardwert, mit dem sich ein Männerkörper wohlfühlt. Frauen hingegen bevorzugen 24 Grad, unter anderem, da sie weniger Wärmeenergie produzieren. Der Männerkörper galt sehr lange in vielen Bereichen als Goldstandard.
Wie präsent ist das Thema denn am Uniklinikum und in Ihrem eigenen Arbeitsalltag?
Müller-Schilling: Da es sehr wichtig für die Ausbildung von Studierenden und Pflegenden ist, haben wir das Thema in unsere Vorlesungen und Lehrpläne integriert. Außerdem berücksichtigen wir die differenzierte, geschlechtersensible Betrachtungsweise in der Patientenversorgung. Darüber hinaus bieten die Universität Regensburg und die OTH Regensburg gemeinsam ein Zusatzstudium für Genderkompetenz an, das allen Fachrichtungen offensteht. Wir erhalten auch vermehrt Anfragen aus der interessierten Bevölkerung zu diesem Thema, weshalb wir uns regelmäßig an Vorträgen und Informationsveranstaltungen beteiligen. Es ist gut zu sehen, dass immer mehr Menschen ein Bewusstsein für das Thema entwickeln.