Tanz, legendäre Partys und die große Liebe: Als Kelheims Fasching „wild“ war

Ein Garde-Girl und eine Prinzessin erinnern sich an eine wilde, bunte und turbulente Zeit in den Seventies. Von „Little Apple“ bis Gala-Nacht, von schweißtreibend vollen Sälen bis Kehraus am Stadtplatz, von Achsbruch bis Rüscherl und blauer Bols.
In den Siebzigern war nicht nur im „Little Apple“ in Kelheim die „Hölle“ los. Auch Fasching wurde „bunt, wild und ausgiebig“ gefeiert, sagen Renate Beck (damals Garde-Girl) und Gaby Reisinger (1975/76 Faschingsprinzessin der Narhallonia).
Beide lernten damals gerade ihre späteren Berufe (Einzelhandels- und Bürokauffrau). Reisinger war 18, Beck 17 Jahre alt. Beim Weggehen tranken sie am liebsten blauen Bols (Beck) und Rüscherl (Reisinger). Jedes Wochenende pilgerten sie „wie die ganzen Jungen“ in Kelheims „In-Disco“, das Little Apple, im Langkeller. Und auch Fasching war damals eine „große Sache“, für die Kelheimerin Gaby Reisinger (67) und Renate Beck (66) von der Brand.
Bis zu fünf Bälle am Abend
Da gab es die Faschingsgesellschaft Narhallonia und zig Bälle, oft vier bis fünf an einem Abend, erinnern sich die beiden. Beck und Reisinger steckten als junge Frauen mittendrin. Reisinger als Prinzessin Gaby I. Beck als eines von neun Gardemädchen der Narhallonia.
Gelegenheiten zum Auftritt gab es viele. Neben auswärtigen Garde- und Narrentreffen gab es Bälle ohne Ende. Allein in der Kreisstadt und den Ortsteilen. Da war der Promille-Ball, der der Seereiwa, der von Süd-Chemie, der Friseurinnung, der Ball jeder einzelnen Feuerwehr, der Naturfreunde, der Behörden, der Post, des SC, die Hausbälle der ansässigen Gasthäuser, der Marineball, Schlesier- oder ADAC-Ball. „Und jeder war voll und ausverkauft. Alle wollten dabei sein“, sagt Gaby Reisinger.
Vor 50 Jahren gab es auch noch viel mehr Wirtshäuser, in denen gefeiert werden konnte – den Saal des Weißen Brauhauses, die Klosterbrauerei Seitz, das Hotel Ehrnthaller, den Aukofer...
Gaby Reisinger war mehr durch Zufall Faschingsprinzessin geworden, sagt sie. „Ich bin der Ersatz gewesen.“ Dem Spaß am Amt tat das keinen Abbruch. Warum die Erstbesetzung ausfiel, weiß die Kelheimerin nicht mehr. Wohl aber, dass sie sich eigens drei Kleider in Landshut schneidern ließ. Zwei „einfachere“ und ein richtiges, pinkes Prinzessinnen-Kleid mit Reifrock. Renate Becks Gardeausstattung wurde von der Narhallonia gestellt. Dazu gab es diverse weitere Kostüme, als Haremsdamen, Schulmädchen oder im Rockabilly-Stil.
„Ich würde es gleich wieder machen, wenn ich jung wäre“, sagt die Ihrlersteinerin. „Das war ein schönes, wildes Jahr. Ich möchte die Zeit nicht missen.“
Die Ihrlersteinerin wollte „aus dem Elternhaus ausbrechen, tanzen, unter Leuten sein und feiern“, sagt sie. Das tat sie ausgiebig und lang, sagt Beck und grinst. Durch die monatelange Trainingszeit waren die Gardemädchen eine eingeschworene Gemeinschaft.
Renate Beck kam oft erst in der Früh nach Hause, was ihr einige Male Ärger mit den Eltern bescherte. Zur Arbeit schaffte sie es aber immer.
Große Liebe fungierte als Chauffeur
Auch ihren Mann Manfred lernte Beck in der Zeit kennen. Unter der Woche war der damalige Berufssoldat nicht da, am Wochenende tobte der Fasching. „Da musste er mit auf die Bälle und wurde zu unserem Chauffeur“, so Beck. Er kutschierte sie und drei Freundinnen mit seinem Auto von Auftritt zu Auftritt. Den Kofferraum stets voll bepackt mit Kostümen, Schuhen und Co.
„Ich weiß noch gut, wie wir eines Abends mitten im Donautor einen Achsbruch hatten und warten mussten, bis wir abgeholt worden sind“, sagt Beck. Aber ohne vier fehlende Garde-Girls ging eh nichts. Auch der Kehraus war legendär, erinnert sich Gaby Reisinger. Dicht an dicht verfolgten kleine und große Kelheimer am Ludwigsplatz Tänze, Reden und sonstigen Schabernack. „Das war noch Fasching“, sagt Renate Beck.















