Von Arbeit, Krieg und Neuanfang

Von Mittelbayerische Zeitung · 23. Februar 2025 um 21:30

Neustadt a.d. Donau. Der Andrang war wieder groß beim vierten Termin von „Neustadt erzählt“. Am Mittwoch war Martina Wenninger, geborene Scherer, zu Gast in der Stadtbücherei und gab vor mehr als 70 Zuhörern Einblicke in ihr arbeitsames, von Schicksalsschlägen gezeichnetes Leben. Es koste Mut, sich vor so vielen Menschen zu öffnen, betonte Autorin Eva Honold, der es mit ihrer einfühlsamen Gesprächsführung gelang, das Leben der 1936 als Bauerndearndl auf dem damals mitten in der Stadt gelegenen Schererhof geborenen Neustädterin zu veranschaulichen.

Nach der Begrüßung durch Bürgermeister Thomas Memmel, der sich bei Martina Wenninger für ihre Teilnahme an diesem besonderen Format bedankte, zeigte ein kurzer Einspielfilm die wichtigsten Stationen im Leben der 88-Jährigen. Dem Publikum war anzumerken, dass es mitlitt, wenn über die Kindersterblichkeit in dieser Zeit die Rede war, wenn Wenninger erwähnte, wie ihre an der „Lungenpest“ gestorbenen Geschwisterchen für ihren letzten Gang hergerichtet waren „wie Bräute“ und die Mutter und die Familie dennoch weitermachen mussten, trotz der Trauer.

Rettung aus brennendem Hof

Sie fühlten mit, wenn die alte Frau sich an den Zweiten Weltkrieg erinnerte, die toten Kühe, die nach einem Luftangriff mit halb geborenen Kälbern im Hof lagen, die zerstörten Häuser, darunter ihr Elternhaus, die Rettung, die aus dem brennenden Hof gelang, weil ein Nachbar mit einem „Reithau“ das Kellerfenster aufstemmen konnte.

Manche der Zuhörer erinnerte das an eigene schlimme Kriegserlebnisse, wie dem Raunen im Raum zu entnehmen war. Ein Foto aus dem Stadtarchiv zeigte im Einspielfilm die zerstörten Häuser und den Schererhof in der Rentamtstraße. Die Familie sei dann an die Regensburger Straße gesiedelt, das Leben sei weitergegangen, es musste weitergehen, so Martina Wenninger.

Es waren nicht nur traurige Erlebnisse, die an dem Abend geteilt wurden. Die betagte Frau, seit ein paar Jahren im Rollstuhl sitzend, sagte, ihre Kindheit sei trotz harter Arbeit und einem sie bis ins Alter begleitenden schweren Rückenleiden schön gewesen. Nach getaner Arbeit, wie dem Füttern der Hennen, Enten, Schweine, Kühe und dem Ausmisten im Stall, nach der Arbeit auf dem Feld und im Haus, „haben wir spielen dürfen, Räuber und Schande“ zum Beispiel im Pfarrhof mit den anderen Kindern.

Nicht nur die Enkel und Urenkel von Martina Wenninger lauschten, als es um die „Morgenroutine“ auf dem Schererhof in den Dreißiger- und Vierziger-Jahren ging. In den Spiegel schauen beim Waschen und Kämmen hatte der Vater verboten, sie sollten „nicht gspinnert“ werden die Scherer-Mädchen, doch sie haben selbstverständlich einen Weg gefunden, sich zu betrachten und zu sehen, dass sie hübsch waren.

Morgens schnell Brot in den „Muckefuck“, eine Art Caro-Kaffee, getunkt, dann zur Kirche. Das war Pflicht. Erst dann ging es zur Schule, doch Martina musste vor der Schule immer noch „frische Semmeln holen beim Wünschbeck“, um sie den Klosterschwestern zu bringen.

Martina war gut in der Schule, jedoch „das Elternwort“ galt, sie durfte nicht ihren Traum verfolgen und Säuglingsschwester werden, sondern musste nach der Volksschule am Hof weiterarbeiten, bis sie mit 20 Jahren heiratete. Einen Mann, der mit seiner Schwester und Mutter als Flüchtling aus Ostpreußen nach Neustadt gekommen war.

Erinnerungen an den Fasching

Harry war evangelisch – aber Pfarrer Fichtl, auf den Wenninger große Stücke hält, half dem Paar und ging auch über den damals noch heiklen Umstand hinweg, dass die erste Tochter schon vor der Heirat geboren wurde. Mit drei Kindern wurde die Eheleute gesegnet, doch neun Jahre später machte der Mann seinem Leben ein Ende.

„Er hat so viel Zucker gehabt, das hat kein Mensch gewusst.“ Als Martina Wenninger das mit leiser Stimme sagt, ist es still in der Stadtbücherei. Die Menschen fühlen mit ihr, man merkt die Bewunderung, als davon die Rede ist, wie sie die drei Kinder allein durchbringen musste, wie sie beim „Storchenwirt“ arbeitete und wie ihr dort ein Lebensglück begegnete: Sepp Wenninger aus dem Bayerischen Wald, mit der Raffinerie nach Neustadt gekommen, der sich verliebt hatte. Ein „guter Kerl“ zwar, aber Martina wollte nichts mehr von Heirat und Partnerschaft wissen, „ich habe ihn immer davongehaut“, sagt sie verschmitzt, und das Publikum lacht mit ihr. Doch er war hartnäckig und so kamen sie zusammen, heirateten, auch, um eine Werkswohnung zu bekommen, und führten bis zu seinem plötzlichen Tod vor fünf Jahren ein gutes, bescheidenes Leben.

Ein Leben, aus dem noch das Faschingstreiben in Neustadt eine Anekdote wert ist. Wie nämlich sie in einer Gruppe von sieben Frauen maskiert durch die Lokale zogen und feierten, „aber um halb zwölf bin ich heimgegangen“, so Wenninger. Denn um Mitternacht habe man seine Masken lüften müssen, da verschwand sie rechtzeitig, „ein wenig wie das Aschenputtel“, scherzte Honold unter dem Lachen der Zuhörer. Sie bat Wenninger noch um eine Zugabe, ein besonderes Wort: „Sternäherin“, eine Frau, die über mehrere Tage auf den Hof kam und die Kleidungsstücke der Bewohner nähte. Darüber und über viele Themen mehr kam das Publikum im Anschluss miteinander ins Gespräch, ein schöner Effekt, der schon bei vorigen Terminen von „Neustadt erzählt“ zu beobachten war.

Neustadt erzählt: Martina Wenninger im Gespräch mit Eva Honold Foto: Monika Weber
Martina Wenninger im Storchenwirt (mit weißer Schürze) Foto: Sammlung Anton Metzger