Berching feiert Wintervolksfest: 101 Rösser und ein Redner zu viel

Von Isolde Stöcker-Gietl · 5. Februar 2025 um 16:40

Ministerpräsident Söder tritt beim Berchinger Rossmarkt (Landkreis Neumarkt) auf. Freie-Wähler-Chef Aiwanger ist schon zwei Stunden früher da, muss aber schweigen und darf nicht auf die Bühne. Die mindestens 8000 Besucher vergnügten sich trotz der eisigen Temperaturen.

Die meisten Wirtshäuser in Berching haben an diesem Mittwoch um 7.30 Uhr geöffnet. Um 8.30 Uhr wabert ein erstes Wehklagen durch die Besuchertrauben. „In den Wirtshäusern is koa Platz mehr frei“, heißt es. Der Bierfrühschoppen gehört halt auch zum Berchinger Rossmarkt – dem größten Wintervolksfest in Bayern.

So wie die prächtigen Pferde und so wie die Politik. Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hat sich als Festredner angekündigt. Doch Frühaufsteher Hubert Aiwanger (Freie Wähler) badet schon zwei Stunden vorher in der Menge. „Ja servus! Griaß eich“, winkt er Gästen zu. Winken ja, reden am Podium nein, heißt es heute für ihn.

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Die Polizei hat sich laut Einsatzleiter Gerhard Huf vom Polizeipräsidium Oberpfalz auf bis zu 20.000 Gäste eingestellt. Die Sicherheitsvorkehrungen sind höher als je zuvor. An den vier Zugängen in die historische Altstadt sind Lastwagen platziert, die als mobile Zufahrtssperren gekennzeichnet sind. Auch eine Polizeidrohne überwacht das Geschehen. Die Polizei-Reiterstaffel aus Mittelfranken ist angereist und überall sichern Bereitschaftspolizisten das Treiben.

Deftiges Frühstück

Am Vormittag flanieren vor allem ältere Besucher und Familien mit Kleinkindern durch die Stadt. Jakob (11) aus Pollanten ist einer der wenigen Schüler, die unterwegs sind. Er hat seine Homeschooling-Aufgaben schon erledigt und freut sich auf eine Seelachs-Semmel. Nicht jedermanns Sache, um kurz nach 8 Uhr. Doch auch an den Ständen mit den Rossbratwürsten bilden sich schon Schlangen. In den Grillrauch mischt sich der Duft von gebrannten Mandeln, frischem Brot und ein paar Pferdeäpfeln. Denn kleine Ponys, imposante Haflinger und prachtvoll geschmückte Mehrspänner machen sich bereit für die Pferdeschau. 101 Pferde sind es in diesem Jahr.

Bis aus Österreich sind die Fieranten angereist. So wie Franz Wagenleitner. Er kommt aus Ried im Innkreis. Dort sei er als Buchautor und helfender Engel bekannt, sagt er. Wagenleitner vertreibt an seinem Stand Cannabis-Hautcreme und Hämorrhoidensalbe. „Die hat bei meinem Bekannten Wunder gewirkt“, verspricht er den Vorbeiziehenden. Und er verspricht ein neues Lebensgefühl, denjenigen, die seine Bücher lesen. Ein paar Meter weiter schütteln sich die Passanten durch Rücklaufware von Online-Händlern. Überraschungseier für die Großen sozusagen.

Hot bis Schrott ist auch das weitere Angebot: Von Wollsocken, Staubwedel, Kochgeschirr bis hin zu allerlei Plastik-Krimskrams. Die Kauflust der Gäste ist hoch. Doch ab 9 Uhr zieht es die meisten Besucher dann Richtung Reichenauplatz, wo nach der Pferdeschau Ministerpräsident Markus Söder auf der Bühne erwartet wird. Es ist der fünfte Besuch des Franken. Damit zieht Söder gleich mit Franz Josef Strauß und Horst Seehofer. Und er werde gerne noch einen draufsetzen und ein sechstes Mal kommen, verspricht er.

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Die Besucher begegnen Söder anfangs überraschend reserviert. Kein minutenlanger Applaus, keine überschwänglichen Sympathiebekundungen. Allein an den eisigen minus zwei Grad Außentemperatur kann das nicht gelegen haben. Manche im Publikum sagen, dass man nicht immer nur die CSU auf der Rossmarkt-Bühne haben wolle. Söder gelingt es dann doch ziemlich schnell, das Eis aufzutauen. Ein paar Zoten über die Rösser unten und oben auf der Bühne und die Bundesregierung in Berlin. „In jedem bayerischen Dorf steckt mehr Verstand als im Berliner Regierungsviertel.“ Ein bisschen Mir-san-Mir: „Ein Leben ohne Bratwurst ist möglich, aber doch nicht sinnvoll!“

Halbe Stunde Wahlkampf

Dann reitet Söder in einer knappen halben Stunde durch den Parcours der Wahlkampfthemen. Stagnierende Wirtschaft („Wenn der Wohlstand wackelt, wackelt die Demokratie schneller als man denkt!“), Bekenntnis zum ländlichen Raum („Bayerisches Essen gehört zu den Exportschlagern und das soll auch so bleiben!“), Migrationspolitik und Grenzschutz („Ja zur Zuwanderung in Arbeit, nein zur Zuwanderung in die Sozialsysteme“) oder Gendern („Im öffentlichen Raum sollte keine ideologische Sprache gelten, sondern die deutsche Rechtschreibung!“) Söder mahnt – ohne die Bundestagswahl in gut zwei Wochen zu erwähnen: „Ich habe keine Lust, dass unser Land am Ende Radikalen überlassen wird. Das müssen wir verhindern!“ Der Applaus am Ende ist freundlich, nicht frenetisch. Söder eilt weiter zu einem Spatenstich, während ein paar Meter weiter Hubert Aiwanger im Festzelt ein Bad in der Menge nimmt. Reden darf er auch dort nicht. Aber mitfeiern schon.

Die Sicherheitsvorkehrungen auf dem Wintervolksfest waren so hoch wie noch nie. Auch die Reiterstaffel der Polizei war vor Ort. Foto: Stöcker-Gietl
Fierant Franz Wagenleitner aus Österreich verkauft Salben und seine Bücher. Den Besuchern begegnet er als eine Art Glücksbote und schüttelt viele Hände. Foto: Stöcker-Gietl