ChatGPT im Praxis-Check: Kann Künstliche Intelligenz die Steuererklärung erleichtern?

Jedes Jahr aufs Neue, und doch für viele immer wieder eine Herausforderung: die Steuererklärung. KI-Tools bieten hier Unterstützung. Doch Vorsicht: Auch ChatGPT und Co. sind nicht unfehlbar. Das hat ein Test gezeigt.
Begriffe wie außergewöhnliche Belastungen, doppelte Haushaltsführung oder haushaltsnahe Beschäftigungsverhältnisse können schnell überfordern. Steuerkanzleien und Lohnsteuerhilfevereine übernehmen die Erstellung der Steuererklärung, sind aber zum Teil schwer erreichbar und kosten Geld. Günstiger sind Steuersoftwares. Kostenlos ist Elster, das Online-Portal der deutschen Finanzverwaltung – allerdings erfordert die Abgabe mit Elster Eigenleistung und die Sprache ist durchaus kompliziert. Abhilfe kann da Künstliche Intelligenz schaffen, Experten ersetzt die KI allerdings (noch) nicht.
Das KI-Tool ChatGPT, das etwa Fragen beantwortet oder Texte zusammenfasst, erfreut sich großer Beliebtheit. Auch im Berufsalltag kann der Chatbot unterstützen – sogar bei der Steuererklärung. „Für jemanden mit wenig Erfahrung mit Steuern kann ChatGPT ein hilfreiches Tool sein, um Begriffe wie ‚Werbungskosten‘ zu erklären oder erste Einschätzungen zu geben“, sagt Seraphin Schwarzbauer, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Wissenschaftlichen Fakultät Ingolstadt der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Er untersucht in einem Forschungsprojekt die Abzugsmöglichkeiten bei der Einkommenssteuer im internationalen Vergleich.
ChatGPT macht Fehler und erfindet Fakten
„Ich habe diese Fälle auch testweise in ChatGPT eingegeben. Da hat sich schnell gezeigt, dass es Fehler macht“, so Schwarzbauer. Die Homeoffice-Pauschale habe die KI zwar erkannt, aber mit einem veralteten Betrag gerechnet. Die Antworten sind zum Teil noch ungenau. „Ein Risiko ist, dass ChatGPT Informationen ‚halluziniert‘, also etwas erfindet, das es gar nicht gibt. Besonders problematisch wird das, wenn diese falschen Informationen wie Fakten präsentiert werden“, sagt Schwarzbauer.
Die Mediengruppe Bayern hat den Chatbot getestet. „Ich benötige Hilfe bei der Steuererklärung 2024“, lautet der erste Befehl an ChatGPT. Die KI antwortet innerhalb von Sekunden. Um helfen zu können, fragt ChatGPT weitere Informationen wie Angaben zu Tätigkeit, Wohnsituation, Arbeitsweg und Versicherungen ab. Mit den näheren Angaben berechnet die KI das Jahresbruttoeinkommen, Werbungskosten, Sonderausgaben und Versicherungen. Zum Schluss folgen das zu versteuernde Einkommen sowie Hinweise zur Abgabe. Es fällt auf, dass ChatGPT nicht bei allen Punkten auf dem neuesten Stand ist. So schreibt der Chatbot: „Damit liegst du über dem Grundfreibetrag (voraussichtlich 11 604 Euro in 2024) und bist steuerpflichtig.“
ChatGPT hilfreich für Erklärungen
Das „voraussichtlich“ war Anlass für eine Überprüfung, der Grundfreibetrag wurde rückwirkend für 2024 auf 11 784 Euro erhöht. Nur wenn man selbst auf die Richtigkeit achtet und ChatGPT korrigiert, kann die KI durch die Steuererklärung führen. ChatGPT erklärt, Daten würden nur zur Antwortgenerierung genutzt und nicht gespeichert. Nicht nur für Privatpersonen sei KI ein Hilfsmittel, auch für Kanzleien, so Schwarzbauer. In einem Leitfaden für Kanzleien werde darauf hingewiesen, „dass man auf keinen Fall Kundendaten oder sensible Informationen eingeben sollte“, sagt Schwarzbauer. Außerdem betont er: „Eingaben in ChatGPT dienen der Modell-Optimierung.“ Wer das nicht will, könne „in den Einstellungen den Haken entfernen“.
„Die wichtigere Frage ist vielleicht nicht, ob die KI – in diesem Fall ChatGPT – hilfreich für Personen mit wenig Erfahrung in Steuerfragen ist, sondern ob sie nützlich sein kann für Menschen, die wenig Erfahrung mit KI haben“, sagt Schwarzbauer. „Es ist extrem wichtig, wie man mit ChatGPT interagiert. Aktuell habe ich die Fälle einfach so, wie sie sind, in ChatGPT eingegeben. ChatGPT hatte also genau die gleichen Informationen wie die Steuerberater. Aus der Forschung weiß man jedoch, dass es auf Dinge wie Prompt Engineering ankommt.“ Prompt Engineering, oder kurz Prompts, sind präzise Anweisungen für generative KIs, um gezielt gewünschte Ergebnisse zu erhalten. Generative KIs erzeugen Antworten, sind jedoch nicht dafür konzipiert, bestehende Daten zu ordnen oder zu modifizieren.
Genaue Anweisungen für genaue Ergebnisse
Um ein möglichst akkurates Ergebnis von ChatGPT zu erhalten, empfiehlt Schwarzbauer dem Modell zum Beispiel eine Rolle zuzuweisen. „Indem man sagt: ‚Du bist jetzt Steuerberater und kennst dich sehr gut mit den Abzugsmöglichkeiten in Spanien aus, nach dem aktuellen Steuergesetz von 2024‘.“ Durch präzise Anweisungen liefert ChatGPT in unserer Test-Steuererklärung genauere Antworten. Es kann jedoch nicht selbstständig die Steuererklärung erstellen oder ans Finanzamt übermitteln. Die Angaben müssen immer überprüft werden, sodass sowohl Steuer- als auch KI-Wissen erforderlich sind. Spezielle kostenpflichtige Steuersoftwares wie Steuerbot, Wiso oder Taxfix dagegen können die Steuererklärung durch das Abfragen der Daten erstellen und übermitteln.
Schwarzbauer schließt nicht aus, dass KI und speziell ChatGPT in Zukunft immer genauer arbeitet und bald mehr als Antworten geben kann. „Es hängt aber wahrscheinlich nicht nur von den technischen Fähigkeiten ab, sondern auch von rechtlichen Fragen: Was passiert, wenn ChatGPT oder eine andere KI einen Fehler macht? Wer haftet in so einem Fall – bin das ich oder der KI-Betreiber?“, fragt sich Schwarzbauer. Zudem bleibe offen, ob es gesellschaftlich gewünscht sei in allen Lebensbereichen eine KI die Arbeit machen zu lassen.
