Wie der zwölfjährige Korbinian Seiderer aus Wettzell zum Trickreiten kam

Von Christina Hainzinger-Feigl · 22. Januar 2025 um 11:00

Mit dem Reiten ist es wie mit dem Kochen. Erst bei den Spitzenköchen und -sportlern steigt die Männerquote. Korbinian Seiderer (12) aus Wettzell ist das egal. Neben Feuerwehr und Schützenverein hat er ein Hobby, das sonst keiner seiner Freunde ausübt: eben Reiten. Das konnte er schon, bevor er richtig laufen lernte. Seit knapp einem Jahr belässt er es nicht mehr dabei, nur im Sattel zu sitzen: Korbinian ist unter die Trickreiter gegangen.

„Schuld“ daran ist vor allem Mama Nicole. Die gelernte Pferdewirtin, die schon ihr ganzes Leben lang reitet – und unter anderem mal drei Jahre lang Fiaker in Salzburg fuhr –, hat ihrem Sohn das Pferde-Gen vererbt. Papa Heiner Seiderer durfte 2024 die Fahne für seine 40. Teilnahme beim Pfingstritt entgegennehmen. Vier Pferde, davon drei eigene, stehen auf dem Hof in Wettzell, wo die Seiderers auch ihr „Käseparadies“ betreiben. Klar, dass Korbinian selbst zu Hause ausreitet – am liebsten mit Spirit, dem Pferd von Nicoles Freundin – und Reitunterricht in Bad Kötzting und Grafenwiesen hat.

Eltern sind nicht dabei

Im Frühjahr 2024 las Nicole in einer Pferde-WhatsApp-Gruppe „zufällig etwas über das Kunstreiten“. Sie erzählte Korbinian davon, der sofort Feuer und Flamme war. Dreimal war der Zwölfjährige seitdem bei einem jeweils dreistündigen Kurs im Ausbildungszentrum Mensch und Pferd Natural Horsing in Neuhaus am Inn bei Passau. Nicole erzählt, dass Eltern erst während der letzten halben Stunde des Kurses zuschauen dürften. „Eltern verunsichern die Kinder einfach.“

Anfangs machten die Kinder „Trocken-Übungen“ mit Holzpferd und Trampolin, um das Aufspringen aufs Pferd zu trainieren. Nach dem Holz- komme das echte Pferd: Zunächst im Schritt, dann im Trab, zuletzt im Galopp wurden die akrobatischen Übungen einstudiert . „Da geht’s schon rasant ab, Trickreiten ist ja immer im Galopp“, sagt Nicole Seiderer.

Üben, üben, üben

Wer Trickreiten will, muss ein Gefühl fürs Gleichgewicht und das Pferd bekommen, weiß Korbinian. Und noch etwas: „Üben, üben, üben.“ Aufs Pferd raufspringen, das gelang ihm erst beim dritten Kurs. Trotzdem kennt er keinen Muskelkater, hat sich noch nie beim Trickreiten verletzt oder hatte gar Angst. „Je spektakulärer eine Übung, desto besser.“ Zum Beispiel die „Pistole“, bei der der Reiter ganz auf der Seite des Pferds verschwindet. Ein Ziel, das er mit dem Kunstreiten erreichen will, hat Korbinian nicht. „Es macht einfach Spaß.“ Ein Ziel für dieses Jahr hat er aber doch: So oft wie möglich einen Kurs zu besuchen.

Trick-, Kunst- oder Kosakenreiten

In Europa, besonders in Frankreich und Italien, wurde das „Voltigieren“, bei dem Reiter während des Reitens akrobatische Figuren vollführten, im 18. und 19. Jahrhundert ein Bestandteil der Zirkuskünste.

In Nordamerika erlebte das Trickreiten im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert einen Boom, vor allem durch die berühmten Wildwestshows. Vor der Zirkus- und Showzeit hat das Trickreiten auch eine militärische Vergangenheit. Soldaten nutzten ihre Reitfähigkeiten, um schwierige Manöver auf dem Schlachtfeld zu vollführen.

Das Kosakenreiten (russisch: Dshigitovka) ist insbesondere in Südrussland und bei den Völkern des Kaukasus, in der Ukraine sowie in Mittelasien heute noch populär. Djigitovka war die Grundlage der Kampfeskunst der Kosaken und besteht aus einer Reihe von akrobatischen Übungen und Tricks, die auf einem galoppierenden Pferd möglichst schnell hintereinander ausgeführt werden, und den Umgang mit Waffen wie dem Kosakensäbel und der Lanze einüben sollten. Heute wird Dshigitovka entweder als Sport auf einer geraden Laufbahn (ab 300 Meter Länge) oder in der Zirkusarena ausgeführt.

Korbinian übt beim Kurs in Neuhaus am Inn eine Arabesque-Pose. Fotos: Nicole Seiderer
Schon mit sechs Jahren versuchte sich Korbinian mit ein bisschen Akrobatik auf dem Haflinger.