Wo Piloten das Nähen lernen: Volkshochschule Neumarkt wird 75

Von Heidi Bauer · 18. Januar 2025 um 05:00

Mit Maschinen kennt sich Peter Kellermann aus. Sein ganzes Berufsleben lang hatte er als Pilot bei der Lufthansa jedoch eher mit größeren, nämlich mit Flugzeugen zu tun. Im Ruhestand hat er sein Faible für kleinere entdeckt: Der 84-Jährige schneidert an der Nähmaschine Strampler für seine Urenkel. Geweckt hat seine Leidenschaft die Volkshochschule (VHS) Neumarkt.

Es war eine andere Zeit, in der alles begann: „In der Gartenstraße brennt jetzt eine elektrische Lampe“, lautete eine der Schlagzeilen im Neumarkter Tagblatt am 23. Januar 1950 – genau in der Ausgabe, als auch der Bericht über die Gründung der Volkshochschule Neumarkt erschien, zitiert Geschäftsleiterin Sommer aus der Chronik der VHS.

Letztere war drei Tage zuvor, am 20. Januar 1950, ins Leben gerufen worden. Der Monatsbeitrag belief sich vor 75 Jahren auf 25 Pfennige. Vorsitzender wurde Studienrat Dr. Karl Höpfner, sein Stellvertreter Oberbürgermeister Theo Betz.

35000 Stunden Unterricht und rund 1000 Kurse

Auch die Logistik war etwas simpler als heute, wie die Chronik belegt: Als 1959 Studienrat Ernst Reischböck den Vorsitz übernahm, war das Büro sein Wohnzimmer, die Kasse eine Keksdose und die Teilnehmer meldeten sich erst am ersten Kurstag an.

Eine Vorgehensweise, die heute bei rund 35 000 Unterrichtsstunden, über 13 000 Teilnehmern, fast 330 Kursleitern sowie etwa 1000 Kursangeboten pro Jahr nicht mehr möglich wäre, schmunzelt Geschäftsleiterin Sommer. Ihr und ihrer Stellvertreterin steht aktuell in der Geschäftsstelle ein achtköpfiges Team für die Verwaltung zur Seite.

Gisela Ellert turnt seit 53 Jahren bei der Volkshochschule

Stolz berichtet Sommer, dass es bei der VHS Neumarkt ein Phänomen sei, dass sowohl die Mitarbeiter, als auch die Dozenten und Kursteilnehmer in der Regel über lange Jahre treu sind: „Meist will keiner raus aus den Kursen. 80 Prozent der Teilnehmer kommen wieder. Da entstehen Freundschaften. Dieser soziale Aspekt ist enorm.“

Das veranschaulicht Gisela Ellert mit vielen Fotos und Erzählungen. Seit 53 Jahren turnt sie bei der VHS Neumarkt. „Ich habe in meinem Beruf 49 Jahre hinterm Schreibtisch gesessen, da brauchte ich einen Ausgleich.“ Gefunden hat ihn die heute 76-Jährige mit der Frauengymnastik und anderen Gesundheitskursen.

Nach der Babypause Nähkurse angeboten

Mit vielen der Menschen, die sie dabei getroffen hat, verband sie bald mehr als nur die Kursteilnahme: Sie trafen und treffen sich auch privat, unternehmen Ausflüge: „Wir sind eine tolle Truppe“, berichtet Ellert begeistert.

Ungebrochen ist nach 42 Jahren auch die Nachfrage nach den Nähkursen von Sonja Rupprecht, die sich freut: „Das boomt seit 15 Jahren.“ Die ausgebildete Schneiderin und Schnittdirektrice kam 1979 nach Neumarkt. Als sie ein Baby bekommen hatte, habe es keine Möglichkeit gegeben, wieder richtig in ihren Beruf einzusteigen, berichtet Rupprecht. Zufällig jedoch suchte die VHS jemanden, der einen Anfängerkurs im Nähen gab.

„Die VHS verbindet die Menschen“

Dabei blieb es nicht: In den vier Jahrzehnten bis heute hat Rupprecht eine breite Kurspalette angeboten. In den Jahren 2013, 2017 und 2019 veranstaltete sie mit den Teilnehmern nach Workshops sogar Modenschauen Eine Neuauflage ist zum Tag der offenen Tür am 20. Mai bei der Volkshochschule geplant. Nähen sei keinesfalls aus der Zeit gefallen, sagt Rupprecht. Menschen aller Altersschichten besuchten ihre Kurse, darunter viele junge Frauen – „eine näht inzwischen ihren 15. Mantel“ –, aber auch einige Männer.

Da sei beispielsweise einer gewesen, der für seine Marionetten Kostüme nähte, ein anderer, der Bezüge für die Sitze seines Wohnmobils brauchte und da ist seit drei Jahren eben auch Peter Kellermann, der eigentlich nur einen Strampler für den Urenkel schneidern wollte.

Über das Nähen von Kinderkleidung kam auch Hauswirtschaftslehrerin Marianne Weber zur VHS und seit 28 Jahren begeisterte Besucherin von Kunst-Kursen. „Die VHS verbindet die Menschen“, darin sind sich Dozentinnen, Kursteilnehmerinnen und Geschäftsleitung einig und sie sei bestrebt, am Puls der Zeit zu bleiben. Deswegen orientiere sie sich an aktuellen Trends.

Rock Sixties und Schloss-Spiele

So entstehen auch mal außergewöhnliche Kursangebote, wie das Bratwurstseminar, oder welche mit Langzeitwirkung, wie der Workshop „Wir gründen eine Band“, aus dem die „Rock Sixties“ hervorgingen. Und auch die Schloss-Spiele haben ihren Ursprung bei der VHS.

Aktuell werde der Bereich berufliche Bildung weiter ausgebaut: „Wir sind überzeugt, dass sich der Arbeitsmarkt verändern wird“, lässt Sommer wissen, und da wolle die VHS maßgeschneiderte Kursangebote liefern. Seit Corona-Jahren stiegen die Teilnehmerzahlen wieder kontinuierlich und sie sei zuversichtlich, dass die VHS weiter wachse.

Diese trage sich zu 90 Prozent selbst über die erwirtschafteten Teilnahmegebühren. Mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit ist die VHS sowohl in punkto Besucher als auch Dozenten nach wie vor eine Frauendomäne, stellt die Geschäftsleiterin fest. Geändert habe sich der Anspruch: Deswegen investiere die VHS kontinuierlich in Ausstattung und Räume, 2025 in neue Böden fürs Studienzentrum.

Auch Näh-Kursteilnehmer Kellermann hat sich übrigens für das neue Jahr viel vorgenommen: Er will für seine Frau einen Rock schneidern. Das Nähen sei für ihn jedoch inzwischen fast Nebensache: .„Die Freundschaft ist das Entscheidende.“

Blick in die Geschichte der VHS Neumarkt und wichtige Daten

Gründung: Gegründet wurde die Volkshochschule Neumarkt am 20. Januar 1950. Im Jahr 2025 gibt es neben der Hauptstelle in Neumarkt 17 Außenstellen im gesamten Landkreis Neumarkt.

Leitung: 1. Vorsitzender der VHS Neumarkt ist Henry Pillipp. Helga Sommer ist seit 2017 Geschäftsleiterin, Mania Thienemann Stellvertreterin.

Bereiche: Aufgeteilt ist das Kursangebot in die Bereiche Gesellschaft, Gesundheit, Kultur, Sprachen und Beruf.

Jubiläumsfeier: Ihr 75-jähriges Bestehen wird die Volkshochschule (VHS) Neumarkt exakt am Jahrestag ihrer Gründung am Montag, 20. Januar, um 18 Uhr mit einem Festabend im Saal des Landratsamtes in Neumarkt feiern. Die Festrede hält der Geschäftsführende Vorstand des Bayerischen Volkshochschulverbandes, Christian Hörmann.

Tag der offenen Tür: Zu ihrem Jubiläum plant die VHS am 20. Mai einen Tag der offenen Tür. Dabei sind unter anderem eine Modenschau, bei der die Kursteilnehmer eigene Kreationen vorstellen, und Kunstausstellungen mit Werken aus den einzelnen Kursen geplant.

Kontakt: Volkshochschule Landkreis Neumarkt e.V., Gartenstraße 1, 92318 Neumarkt, Tel.: (0 91 81) 2 59 50, Mail info@vhs-neumarkt.de, www.vhs-neumarkt.de

Wissen zum Jubiläum der Volkshochschule Neumarkt aus ihrer langjährigen Tätigkeit und Kursteilnahme so manche Anekdote zu berichten (v.re.): Marianne Weber, Sonja Rupprecht, Gisela Ellert, Geschäftsleiterin Helga Sommer und stellvertretende Geschäftsleiterin Manja Thienemann. Foto: Heidi Bauer
Seit Jahrzehnten steht Nähen bei der VHS Neumarkt hoch im Kurs. Im Mai 1990 besuchten der damalige VHS-Leiter Richard Scheuringer (rechts) und der damalige 1. Vorsitzende Hans Bradl eine Stunde bei Sonja Rupprecht (links).