Schreibmaschinen statt Sprachnachrichten: Wolfgang Kuglers große Leidenschaft

Von Beate Weigert · 15. Januar 2025 um 11:00

70 Schreibmaschinen, darunter Design-Klassiker aus fast 100 Jahren: Wolfgang Kugler aus Kelheim sammelt nicht nur nostalgische Apparate, sondern bringt sie 2025 mit Workshops zurück ins Rampenlicht. Und er weiß, warum das @-Zeichen längst vor dem Internet auf Tastaturen zu finden war.

Kindern und Jugendlichen dürften die Kästen mit Tastatur, die Wolfgang Kugler liebevoll in großen Glas-Schränken stehen hat, seltsam vorkommen. Viele von ihnen tippen nicht einmal mehr Textnachrichten am Smartphone. Lieber verschicken sie Sprachnachrichten.

Wolfgang Kuglers Herz aber schlägt für die Schreibmaschine. Sein nostalgisches Hobby will er 2025 mit öffentlichen Workshops verbinden. Zudem weiß er, warum das scheinbar sehr moderne @-Zeichen schon fast 150 Jahre auf vielen Schreibmaschinen-Tastaturen prangt.

70 Schreibmaschinen nennt Wolfgang Kugler sein Eigen. Darunter viele Design-Klassiker, der inzwischen quasi ausgestorbenen „Spezies“. Auf ihr tippten Generationen von Frauen und Männern Geschäftskorrespondenzen, Protokolle, Rechnungen, Feldpost.

Sperrig, klein oder knallorange

Bei Kugler Zuhause stehen große, sperrige Maschinen, wie eine „Remington 7“ von 1897 oder portable Reise-Schreibmaschinen von Underwood. Auch eine „Adler 7“, die erste deutsche Schreibmaschine um 1900, besitzt er. Ebenso eine Mignon von AEG, die zwar die Schriftart wechseln, sich aber nicht am Markt durchsetzen konnte. Eine zusammenklappbare Perkeo aus den 1930ern hat er wie eine Schmitt Express aus Bakelit, von der in den 1950ern nur 3000 Stück hergestellt worden sind. Eine leuchtend orange „Olympia Monica“ aus den 1970ern wie eine Olivetti Lettera 22. Vor allem italienische Fabrikate haben es ihm wegen des Designs angetan, schwärmt Kugler.

@-Zeichen ist eine alte Kiste

Auf seinen ältesten Schätzchen findet sich – der Betrachter reibt sich erstaunt die Augen – das @-Zeichen. Heute ist es grundlegender Bestandteil von Mail-Adressen oder steht für das Internet an sich. Kugler weiß, was es mit dem „Klammeraffen“ auf den Maschinen ab den 1880er-Jahren auf sich hat. In den USA wurde das @ als kaufmännisches Zeichen genutzt. Mit dem „Commercial A“ ließen sich Preisangaben schreiben. Man tippte „5 apples @ 10 p“, was bedeutete, dass fünf Äpfel zu je 10 Pence zu haben waren.

Wolfgang Kugler steht mit seiner Begeisterung für die nostalgischen Apparate nicht allein da. Auch Hollywood-Stars wie Tom Hanks teilen die Passion. Der Oscar-Preisträger sammelt nicht nur Maschinen von Olympia, Remington oder IBM. Vor ein paar Jahren tippte er auch Kurzgeschichten („Uncommon Type“) darauf.

In Deutschland gibt es eine kleine Sammler-Szene, sagt Kugler. Entsprechend der eher geringen Nachfrage seien auch die Preise nicht besonders hoch. Höchstens mal dreistellig.

In seinem Beruf beschäftigt sich der Bauingenieur mit Tragwerksplanung. Weit hergeholt sei seine Liebe für mechanische Schreibmaschinen nicht, findet der 54-Jährige. Schon immer hätten ihn Gebäude und Dinge mit Geschichte interessiert.

Zu Schulzeiten spielte die Schreibmaschine schon keine Rolle mehr. Seine Facharbeit am Gymnasium schrieb er 1992 am Personal-Computer.

Auf Ebay-Kleinanzeigen fing alles an

Erst kurz vor Corona begann Kuglers Leidenschaft für alte Schreibmaschinen. Die erste Maschine, die er auf Ebay-Kleinanzeigen kaufte, war eine Remington. Der US-Waffenhersteller gründete in den 1870ern einen neuen Geschäftszweig und ließ in einer Gewehrfabrik Schreibmaschinen industriell fertigen. Schnell eroberten sie die Schreibstuben.

Anfangs begeisterte Kugler vor allem die Mechanik, sagt er. „Das sieht einfach aus, ist es aber nicht.“ Viele Federn, Hebel, etcetera. Das faszinierte ihn. Ebenso, dass die Maschinen heute immer noch funktionieren. Wenn auch oft verbunden mit einem Höllenlärm. Kaum vorstellbar, wie laut es da in großen Schreibbüros gewesen sein mag. Wohltuend war da sicher das Aufkommen der „Noiseless“-Apparate. Wenn auch nicht geräuschfrei, so klackten sie doch deutlich leiser.

Wolfgang Kuglers Sammlung erstreckt sich über fast 100 Jahre. Von 1897 bis 1990. Sehr unterschiedliche Typen sind darunter. Der normale und bekannte Anschlag geht so an die Walze, dass der Schreiber sieht, was er tippt. Früher landeten Anschläge aber auch an Unter- oder Oberseite der Walze, so dass Schreibende erst spät sahen, was sie eigentlich geschrieben hatten.

Wolfgang Kugler schmiedet Pläne mit Eva Honold für Mai

Inzwischen geht Kuglers Enthusiasmus längst über das „Besitzen“ hinaus. Bekanntermaßen mag er es in seiner Freizeit gerne künstlerisch. Malen, Theaterspielen, andere kreative Ideen aushecken, sind sein „perfekter Ausgleich“.

Nun schmiedet er mit Eva Honold Pläne für eine Ausstellung, verknüpft mit Führungen und Workshops, bei denen die Teilnehmer selbst tippen und mit den Maschinen auf Zeitreise gehen können. Geplant ist das Ganze von 1. bis 4. Mai in der Kulturkantine.

Für erblindete Gräfin

Geschichte: Das erste Schreibmaschinen-Patent datiert laut Wikipedia auf 1714. Das erste funktionierende Gerät soll 1808 in Italien für eine erblindete Gräfin hergestellt worden sein. Industriell in Serienproduktion gingen die Maschinen um 1870 in den USA.

Entwicklung: Gut 100 Jahre war die Schreibmaschine „State of the Art“. Dann kamen die Computer. 2003 wurde die Schreibmaschine aus dem Verbraucherpreis-Index gestrichen, nachdem sie fast vollständig durch computergesteuerte Drucker verdrängt worden war.

Verguckt? Nein, ab Ende des 19. Jahrhunderts fand sich das @-Zeichen bereits auf US-amerikanischen Schreibmaschinen.
Getippte Liebeserklärung des Kelheimer Sammlers Wolfgang Kugler
Auch eine „Remington 7“ um 1897 gehört zur Sammlung.
Setzte sich nicht durch: Die Zeigerschreibmaschine Mignon von AEG konnte die Schriftart wechseln.
Auch in seiner Lieblingsfarbe Orange besitzt Wolfgang Kugler eine Schreibmaschine, die Olympia Monica war in den 1970ern beliebtes Schreibgerät. Fotos: Beate Weigert