Härtetest für die Lebensretter: In Neumarkt trainieren Feuerwehrleute für den Ernstfall

Es sind Neumarkts härteste 53 Meter: die Übungsstrecke in der Neumarkter Feuerwache. Jedes Jahr stellen sich hier etwa 900 Feuerwehrleute einem Test für Körper und Geist. Nur wer bis zum Schluss durchhält, darf als Atemschutzgeräteträger in den Einsatz. Doch an der Konstruktion nagt der Zahn der Zeit...
Max Reischböck ist als Kreisbrandmeister Atemschutz für die Strecke zuständig. Vor Beginn der Übung inspiziert er die große Konstruktion aus Drahtkäfigen in dem fensterlosen Kellerraum. Sie erstreckt sich über drei der vier Wände und enthält mehrere Ebenen. Darin ist alles versammelt, was Feuerwehrleuten bei einem Einsatz im Weg stehen kann: verschlossene Türen und unebene Böden, Luken und Sackgassen. Dinge die am Boden liegen oder von der Decke baumeln.
„Mein Lieblingshindernis ist die grüne Röhre“, sagt Reischböck. „Weil ich da gerade noch durch passe und weil man die Sauerstoffflasche abnehmen und vor sich herschieben muss. Das ist schon sehr herausfordernd!“
Atemschutzmaske statt Sportanzug
Nur eines gibt es nicht: echtes Feuer. Der Parcours ist eine sogenannte Kalt-Übungsstrecke, an der nur an einer Stelle Heizstrahler etwas Hitze abgeben. „Das ist aber eher symbolisch“, sagt Reischböck. „Im Schutzanzug merkt man die paar Grad gar nicht.“ Denn die Feuerwehrleute trainieren hier nicht in Sportkleidung, sondern mit Schutzanzug, Atemmaske und einem Sauerstofftank der ein Gewicht von etwa 15 Kilo hat. Jeder, der als Atemschutzgeräteträger der Feuerwehr aktiv sein will, ist gesetzlich verpflichtet, sich einmal im Jahr dieser Prüfung zu stellen. Und da es im Landkreis aktuell 900 solcher Personen gibt, wird die Strecke zweimal in der Woche intensiv genutzt.
Ausdauertraining für Feuerwehrleute
Nachdem Reischböck mit der Inspektion fertig ist setzt er die Gitterwände wieder ein und löscht das Licht. Denn der Kurs muss bei völliger Dunkelheit bewältigt werden. So können die Geräteträger lernen, sich im wahrsten Sinne blind aufeinander zu verlassen. Gestartet wird nämlich sowohl bei der Übung, als auch bei den echten Einsätzen immer mindestens in Zweierteams, erklärt Kreisbrandmeister Daniel Gottschalk. „Falls einer Person etwas passiert, kann die andere sie rausbringen.“ Zudem sei es sinnvoll, Feuerwehrleute mit unterschiedlichen Stärken zu kombinieren: Etwa einen schmaleren, der enge Bereiche betreten kann, und einen kräftigeren, der notfalls einen Menschen allein aus der Gefahrenzone tragen kann. Etwa zwanzig Minuten brauchen die Teams für einen Durchlauf. Doch damit ist das Training noch nicht zu Ende. Es folgt ein Ausdauertest mit Laufband, Trainingsrad, Leiter und Gewichten – immer noch in kompletter Montur. Erst wer das hinter sich gebracht und dabei eine bestimmte Leistung erbracht hat, darf für ein weiteres Jahr als Geräteträger aktiv sein.
Raumschiff Orion
Überwacht wird das Ganze von Kollegen aus einem Kontrollraum mit Infrarot-Monitoren, abgerundeten Fenstern und einem riesigem Kontrollpult. Die Feuerwehrleute nennen diese Schaltzentrale liebevoll ihr „Raumschiff Orion“ – in Anspielung auf die legendäre deutsche Weltraumserie aus den 1960er Jahren, bei der Bleistiftspitzer und Bügeleisen moderne Raumschiff-Technik darstellten. Ganz so alt ist der Feuerwehr-Kontrollstand zwar nicht – er stammt aus den 1980ern –, aber der Zahn der Zeit nagte auch hier. So zeigt der Hitzemesser irgendeine zufällige Zahl an, die sich ändert, wenn man draufklopft. Da es in der Strecke kein Feuer gibt, ist das zwar nicht wichtig, zeigt aber doch den dringenden Modernisierungsbedarf.
Geräteträger im Landkreis Neumarkt
Vor allem, weil die Zahl der Geräteträger stetig steigt. „In den 80er Jahren hatten 19 der Wehren im Landkreis Atemgeräte“, sagt Reischböck. „Inzwischen sind es über 60.“ Bei allen Einsätzen, bei denen Gas oder Giftstoffe vorkommen, spielen die Geräteträger eine entscheidende Rolle. Deshalb machten die Feuerwehrleute sich beim Kreistag für eine Modernisierung der Übungsstrecke stark. Die Kreisräte stimmten zu, dass es nötig sei, hier zu investieren: Wenn die Feuerwehr in etwa zwei Jahren in ihre neue Wache umzieht, soll sie auch eine neue Übungsstrecke bekommen.
Kreistag investiert in Feuerwehr
Dort wird dann die Leistung der Feuerwehrleute mit Sensoren gemessen, die direkt an der Kleidung getragen werden. Zudem wird es Umkleideräume für Männer und Frauen geben. Denn als die jetzige Wache gebaut wurde, engagierten sich nur wenige Frauen in der Feuerwehr. Ganz anders als heute. Die Modernisierung hat ihren Preis: Gerechnet wird mit Baukosten von etwa 1,5 Millionen Euro, sowie jährlichen Kosten von über 10 000 Euro. Dennoch beschloss der Kreistag diese Unterstützung bis 2051 zu garantieren.





