„Es ist schon schön, zwei Heimaten zu haben“: Jürgen Kirner hat Hemau nie vergessen

Jürgen Kirner, gebürtig aus Hemau (Landkreis Regensburg), doch längst in München und dem Fernsehen daheim, erhielt den Verfassungsorden. Nun erzählt er, wie es um diese bayerische Kultur steht, ob er an Weihnachten und Silvester noch Zeit zum Abschalten hat und warum er kürzlich wieder an den früheren Supermarkt am Hemauer Stadtplatz denken musste.
Er ist vielbeschäftigt, in ganz Bayern bekannt, in München zuhause aber eigentlich längst im Fernsehen daheim. Doch seine Wurzeln in Hemau hat er nie vergessen. Volkssänger und Kabarettist Jürgen Kirner wurde diesen Monat vom Bayerischen Landtag „für seine Verdienste um die bayerische Kultur“ mit dem Bayerischen Verfassungsorden ausgezeichnet.
Ein Blick, 40 Jahre zurück
Suchend wandert sein Blick umher, er lehnt sich in seinem Stuhl zurück und runzelt die Stirn, als er kurz die Jahrzehnte seines Lebens vor dem inneren Auge passieren lässt und durchzählt. „40 Jahre ist es jetzt bald her“, sagt Jürgen Kirner mit einer Mischung aus Freude über die erfolgreiche mathematische Rechnung und Erstaunen über das Ergebnis. Seit 1986, fast vier Jahrzehnte, lebt der gebürtige Hemauer nun schon in Bayerns Landeshauptstadt. Per Video ruft er aus seiner Münchner Wohnung an. Eigentlich wollte er in der Weihnachtszeit die alte Heimat besuchen, doch das „Showbusiness“ spannt ihn erbarmungslos ein.
„Private Sachen müssen immer hinten anstehen, es ist anders als bei einem 40-Stunden-Job“, sagt Kirner. Auch in der „staaden Zeit“. Für ihn ist das aber kein Problem, denn er arbeite leidenschaftlich gern, sagt er. „Und ich hab’ einen wunderbaren Mann an meiner Seite, der immer da ist und mich unterstützt.“ In den letzten Wochen des Jahres hat Kirner alle Hände voll zu tun mit den Vorbereitungen auf die „Brettl-Spitzen“, seine Volkssängershow im BR. Mit zwei Sendungen am 1. und 6. Januar startet er ins Jahr. Ganz nebenbei absolviert er zahlreiche Gastspiele im Rahmen der Jubiläums-Tour seiner „Couplet AG“ und tüftelt auch noch an der Idee für ein neues, aber noch geheimes, Fernsehformat. „Ab 2025 machen wir noch etwas mehr“, sagt er. Wenn der umtriebige Entertainer andauernd unterwegs ist, verschlägt es ihn eher selten nach Hemau. An Allerheiligen ans Grab, das ist obligatorisch. Auch das Volksfest war für ihn immer ein Fixpunkt im Jahr, um auf dem Laufenden zu bleiben. „Wenn es was neues gibt, krieg ich’s schon mit, mir bleibt nix verborgen“, sagt er grinsend – ob es nun Kommunalpolitik ist, der Besitzerwechsel des Musica und des Hinterhauses oder die Eröffnung der neuen Tankstelle. „Ich bin ja wie ein Schwamm“, sagt Kirner. Er sauge das alles auf, habe immer alle Erlebnisse und Menschen präsent. „Geschichten aus und über Hemau liefern mir bis heute Stoff. Die nachzuerzählen, macht wahnsinnig Spaß“, sagt er. Als wäre es gestern gewesen wäre, erinnere er sich an „Halligalli“ im Café Maag, in den Diskos Memory und Rosario. „Und vor kurzem habe ich einen Sketch geschrieben darüber, wie meine Oma und ich im Konsum, dem Supermarkt am Stadtplatz, einkaufen waren“, erzählt Kirner.
Um ein Wirtshaus zu betreiben, gehöre viel Leidenschaft dazu
Neben dieser wohligwarmen Erinnerung aus der Jugend betrachtet er eine andere Entwicklung mit Sorge: die der Wirtshauskultur – für ihn als Volkssänger schließlich essenziell. Sein Fazit: „Ich sehe es als desolat.“ Um ein Wirtshaus zu betreiben, gehöre viel Leidenschaft dazu. In dieser Hinsicht mache die wachsende Bürokratie „wahnsinnig viel kaputt“, sagt Kirner. „Es gibt auch eine soziale Verarmung, auch bedingt durch das Sterben der Wirtshäuser.“ Enklaven wie Kallmünz mit ihren Herzblut-Wirten hätten da schon fast „Museumscharakter“, sagt er. Auch Laufenthal sehe er als Positivbeispiel – dort hat das Dorfwirtshaushaus dank großer privater Initiative noch einen hohen Stellenwert. „In Kollersried, in Laufenthal, da opfern die Leute noch die Freizeit für die Gemeinschaft“, sagt Kirner. „Die Kommunalpolitik muss da massiv was unternehmen, dass das erhalten bleibt.“
Denn nicht nur für die Dorfgemeinschaften, sondern auch für Künstler sei das Wirtshaussterben fatal. „Es beeinträchtigt natürlich die Kabarettlandschaft“, sagt Kirner. Klar, heute gebe es mit den Sozialen Medien ganz neue Möglichkeiten, Aufmerksamkeit zu erhaschen. Kirner hält davon aber eher wenig. „Ich empfind’ das meiste da als Belästigung, die nur von meiner Lebenszeit abgeht. Da braucht’s mehr als an Kasten Bier, dass ich das aushalt.“
Auch er kriegt Hass ab
Als Jürgen Kirner einst aus Hemau nach München ging, tat er das, weil ihm die Welt daheim zu klein wurde. Wie wäre das heute? Jürgen Kirner runzelt die Stirn und wird ernst. „Die Welt hat sich natürlich radikal verändert – nicht unbedingt zum besseren“, sagt er. In den 80ern und 90ern sei die Gesellschaft teils sogar akzeptierender gewesen als heute. „Wir hatten keine Ehe für alle, aber es war entspannter.“ Was er inzwischen an den Kopf geworfen bekomme, nehme eine „Brachialität“ an, die es früher nicht gegeben habe – da frage er Alexander Gauland neckisch im Fernsehen, ob das Leben in der AfD so freudlos sei und erhalte daraufhin Morddrohungen wie: „Sie schwule Sau gehören abgestochen“, zitiert Kirner. Gleichzeitig gebe es Viertel in München, in denen er nicht mehr guten Gewissens mit seinem Mann händchenhaltend gehen wolle.
Gesellschaftspolitik sei als Kabarettist stets wichtig, denn er sei nicht nur Unterhalter. Auch Dinge anzusprechen, für die er gleichermaßen von völkischen Rechten oder „woken“ Linken am Ende in Schubladen gesteckt wird, scheue er nie. „Für mich ist das ein Ansporn, dieser Blick über den Tellerrand. Der Oberpfälzer an sich ist neugierig“, sagt er über sich. Im Herzen bleibt er halt doch ein neugieriger Oberpfälzer, auch wenn er längst in München lebt. „Es ist schon schön, zwei Heimaten zu haben.“
Über die Brettl-Spitzen
Idee: Die Goldene Zeit der Volkssängerei mag schon 100 Jahre her sein, doch vielerorts ist sie noch sehr aktuell – Grund genug für Jürgen Kirner, ihr seit 2012 eine Sendung im BR zu widmen, um diese Tradition in ganz Bayern weiter aufleben zu lassen.
Sendung: Im Festsaal des Hofbräuhauses München treten immer andere Stars und Newcomer auf – mit Musik, Satire und viel bayerischer Gaudi.
Jubiläum: Kirners Gruppe Couplet AG, immer mit dabei, feierte heuer ihr 30-jähriges Bestehen: Seit 1993 ist die Musikkabarett-Gruppe ganz nah dran am Zeitgeschehen. Bissig, witzig und pointiert nimmt sie kein Blatt vor den Mund und lässt die alte Tradition des Volksgesangs aufleben.