Insolvenz: Wie Kelheim Fibres um seine Zukunft kämpft

Von Beate Weigert · 1. Januar 2025 um 19:00

Die Schieflage eines der wichtigsten Arbeitgeber in der Region Kelheim ist seit Monaten Thema. So steht es zur Jahreswende.

Vom Verkauf des VfL-Geländes bis zur Insolvenzanmeldung im Schutzschirmverfahren – seit Monaten ringt Kelheim Fibres (KF), einer der wichtigsten Arbeitgeber in der Region, um seine Zukunft. So ist laut Unternehmen und Betriebsratschef zum Jahresende die Lage.

• Insolvenzverfahren: Bereits im Frühjahr wurde bekannt, dass KF mit dem Verkauf des VfL-Geländes „eine drohende Insolvenz“ abzuwenden versuchte. Im Oktober teilte KF mit, dass beim Amtsgericht Regensburg ein Schutzschirmverfahren in Eigenverwaltung beantragt sei. Voraussichtlich am 1. Januar 2025 soll das Insolvenzverfahren eröffnet werden. „Wir erwarten, dass die Eigenverwaltung weiter bestehen bleibt“, teilt KF auf Nachfrage mit.

• Produktion: Laut Betriebsratsvorsitzendem Josef Rummel konnte „die Produktion durchgehend weiter betrieben werden, obwohl es mit der Insolvenzanmeldung zu Lieferengpässen gekommen“ sei. Dennoch hielten „die langjährigen Kunden KF die Treue und haben entsprechende Preiserhöhungen akzeptiert, was mit längeren Lieferverträgen vertraglich festgehalten wurde“. So könne künftig wieder Gewinn erwirtschaftet werden, der Investitionen in die Zukunft ermögliche. „Aktuell wird nach einem Investor gesucht, der die Anlagen mit der Belegschaft aus der Insolvenzmasse heraus kauft.“

• Arbeitsplätze: Mehr als 500 Frauen und Männer arbeiten direkt bei KF. Im Oktober hatte der Betriebsratsvorsitzende von bis zu 150 Stellen gesprochen, die wegfallen könnten. Ob es bei der Zahl bleibt, dazu äußerte sich KF gegenüber unserer Zeitung nicht. Es teilt mit: „Wir entwickeln aktuell in enger Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat einen Sozialplan, um den notwendigen Stellenabbau so sozialverträglich wie möglich zu gestalten. Es gibt noch keine konkreten Entscheidungen.“ Zudem wolle man die Mitarbeiter „als Erstes direkt über alle relevanten Vorgänge informieren, sobald Entscheidungen spruchreif sind“.

Der Betriebsratsvorsitzende wird konkreter: „Die Zahl von 150 Stellen ist aktuell noch gleich, sie basiert auf der Halbierung der Produktionsmenge mit Stillsetzung der dafür nicht mehr benötigten Anlagen.“ Der Plan sei, dass „durch betriebsbedingte Kündigungen weit weniger Stellen abgebaut werden“. Auch „weil durch eine erhöhte Fluktuation, bedingt durch die aktuelle Situation, bereits einige Leute gekündigt haben“. Des Weiteren gebe es für Mitarbeiter im rentennahen Alter ein Freiwilligenprogramm, „das einige annehmen werden. Dann werden noch circa 80 bis 100 betriebsbedingte Kündigungen ausgesprochen werden müssen.“

• Neuausrichtung: Vielfach war 2024 von einer neuen Ausrichtung die Rede. KF konzentriere sich auf seine „profitabelsten Kernprodukte“. Vor allem auf Hygiene-Spezialfasern, beispielsweise für Tampons. Weniger profitable Standardfasern, insbesondere für den Textilbereich, werden dagegen zurückgefahren. Die Neuausrichtung ziele darauf ab, das Unternehmen langfristig auf eine wirtschaftlich tragfähige Basis zu stellen. Betriebsratschef Rummel zeigt sich optimistisch: „Einen interessierten Investor gab es bereits zu Beginn 2024. Mit der Insolvenz werden weitere Interessenten hinzu kommen.“ Das künftige Produktportfolio und die Kundenstruktur ließen Gewinne erwarten, „so dass dem Fortbestand des größten Kelheimer Industriebetriebs in personell abgespeckter Form nichts im Wege steht.“

• Energiekosten: KF zählt nach eigenen Angaben zu den größten Energieverbrauchern im Freistaat. Unter anderem die Belastung durch die Gaskosten ist enorm. So stellen die „hohen Energiekosten einen erheblichen Wettbewerbsnachteil im globalen Vergleich dar und sind ein wesentlicher Faktor für die finanzielle Belastung des Unternehmens“. Sie sind laut KF aber nicht der „alleinige Grund für die aktuelle Situation“. Laut Betriebsratsvorsitzendem trugen etwa auch die Folgen der Abwicklung von Dolan zur wirtschaftlichen Schieflage bei.

• Was kommt 2025? Zudem, was Kelheim Fibres 2025 bevorsteht, erklärt Josef Rummel: „Nachdem das Insolvenzverfahren erst zum 1.1.2025 durch das Amtsgericht Regensburg eröffnet wird, ist ein Personalabbau mit wesentlich schlechteren Bedingungen (maximal 3 Monate Kündigungsfrist, nur 2,5 Monatsgehälter pro Betroffenen für den Topf des Sozialplanes zur Verteilung) für die betroffenen Arbeitnehmer erst ab Januar 2025 möglich.“ Die Sozialplanverhandlungen laufen bereits, können aber erst im Januar abgeschlossen werden, so Rummel. Dann werden „auch die betroffenen Personen bekannt gegeben, was in einem ,sog. Einigungsstellenverfahren’ nach dem Betriebsverfassungsgesetz erfolgen wird“. Diesem sitze ein Richter aus dem Arbeitsgericht vor, „der eine Entscheidung herbeiführen wird“.

Betriebsversammlungen

Gerüchte: In den vergangenen Wochen kursierten diverse Gerüchte in Kelheim, unter anderem war „die Verkündung einer kompletten Schließung“ kolportiert worden. „Diese Gerüchte sind falsch“, teilt Kelheim Fibres (KF) mit. Ziel sei weiterhin die langfristige Stabilisierung des Unternehmens. Für Betriebsratschef Josef Rummel ist „keines der Gerüchte auch nur annähernd nachvollziehbar“.

Mitarbeiterinfos: Ende Oktober seien die Mitarbeiter per Betriebsversammlung über die Insolvenzanmeldung informiert worden, so KF. Seither informiere man „regelmäßig über Fortschritte und Entscheidungen“.

Gehälter: Mitte Dezember wurde die Belegschaft laut Rummel informiert, dass sie „mit Ausnahme von Überstundenkonten keine finanziellen Verluste erleiden wird, weil alle Zahlungen geleistet wurden oder noch geleistet werden“.

Ex-Dolan-Mitarbeiter: Ob frühere Dolan-Mitarbeiter, die nach der Abwicklung des Unternehmens, bei Kelheim Fibres eine Zukunft erhielten, mutmaßlich „ganz oben auf der Entlassungsliste“ stehen, wollte unsere Zeitung wissen. Dazu Josef Rummel: „Nein. Sie wurden in der betrieblichen Struktur von Kelheim Fibres eingegliedert, dennoch kann es den ein oder anderen erneut treffen, was für den Betriebsrat jetzt noch nicht absehbar ist.“