Kelheimerin auf Zeitreise: Helga Maria Goisl blickt mit Hilfe alter Zeitungen in Bayerns Vergangenheit

In einer Serie erzählen wir von der größten Leidenschaft unserer Leser – von ihren außergewöhnlichen Hobbys. In dieser Folge geht es um Helga Maria Goisl aus Kelheim, deren Herz für Zeitungen schlägt.
Wollen Sie uns auch die Geschichte ihres ungewöhnlichen Hobbys erzählen? Dann schreiben Sie uns an social-media@mgbayern.de.
Bei vielen Lesern kam bestimmt schon mal die Frage auf, wie und worüber die Zeitungen früher berichtet haben. Die 74-jährige Helga Maria Goisl aus Kelheim hat hierin für sich eine Leidenschaft entdeckt. Seit drei Jahren blättert sie in alten Zeitungen, die zurückgehen bis ins 19. Jahrhundert, und versucht so mehr über Geschehnisse in Bayern aus der damaligen Zeit zu erfahren.
Aus Goisls Interesse entstand ihr Buch „Creszenzia“
Ihr Interesse für einen fünffachen Mordfall aus dem Jahr 1873 reichte sogar so weit, dass sie sich dafür entschied, das Buch „Creszenzia“ zu schreiben. „Ich hatte irgendwann so viel Material, dass ich mir gesagt habe, ich muss mir das jetzt notieren.“ In ihrem Buch orientiert sie sich an Berichterstattungen aus bayerischen Zeitungen und schildert, was dort über diesen Mord geschrieben wurde. „Das war für mich alles neu, wie damals die Justiz gehandhabt worden ist und wie die Leute gelebt haben“, so Goisl.
Mehr Geschichten über ungewöhnliche Leidenschaften unserer Leser finden Sie auch auf unserer Sonderseite.
Zu ihrem Hobby ist die 74-jährige Kelheimerin durch einen Zufall gekommen. „Mein Mann (Josef Goisl, 75) ist bei einem Spaziergang in Essing über ein Schild gestolpert – ,Wüstung Westerholz‘ – und dann hat er aus Interesse im Netz nachgeschaut und hat festgestellt, dass da was Schlimmes passiert ist“, erzählt Goisl. Laut eines alten Zeitungsartikels seien dort Personen „tödlich misshandelt“ worden. Und da das Ehepaar mehr zu diesem Fall erfahren wollten, meldeten sie sich bei der Mittelbayerischen Zeitung mit der Hoffnung, dass ihnen dort jemand weiterhelfen könne. „Dann war der Herr Dannenberg (Redakteur in Kelheim, Neustadt) bei uns und hat sich darum gekümmert, ist aber auch zu keinem weiteren Ergebnis gekommen“, erzählt Goisl. Sie vermutet, dass die Zeitungen zu diesem Zeitraum fehlen.
Räuber und Bierkrawalle
Nichtsdestotrotz hat Goisl weiter recherchiert und ist dabei auf viele andere interessante Geschichten aus der damaligen Zeit gestoßen. Zum Beispiel las sie über einen Fall, bei dem zwei Räuberbanden eingesperrt worden sind, diese aber dann später ihre Geständnisse bei ihrem Gerichtsprozess widerriefen, da sie laut ihren eigenen Aussagen gefoltert worden seien. „Das ist natürlich interessant, wenn du noch nie was von der Zeit gehört hast und solche Dinge ausgräbst“, sagt die 74-Jährige.
Die alten Zeitungsartikel findet sie im Netz in digitalen Archiven. Was sagen die alten Zeitungen denn allgemein über ihre Heimat, den Landkreis Kelheim? „Kelheim wird immer geschildert als liberal, während die Dörfer und Märkte rundum mit dem Wort ,rabenschwarz‘ beschrieben werden“, erzählt Goisl. Die Kelheimer seien die „Salzstößler“ und „Tintenkleckser“ gewesen, die bei Wahlen erbarmungslos zerrieben wurden.
Zeitungswesen hat sich mit der Zeit gewandelt
Zudem seien die Kelheimer Schiffe und das Bier sehr berühmt gewesen. In den 1800er-Jahren habe es sogenannte „Bierkrawalle“ gegeben, die dann ausgerufen wurden, sobald der Bierpreis erhöht wurde. Einer dieser Bierkrawalle fand beim Kloster Weltenburg statt. „Die haben früher in etlichen Städten stattgefunden. Das waren regelrechte Volksaufstände“, so die Autorin.
Beim Durchblättern durch die alten Zeitungen fiel ihr auf, wie sehr sich das Zeitungswesen mit der Zeit wandelte. „Der Schreibstil ist ein ganz anderer, der war früher sehr blumig.“ Außerdem sei auch der Umgang zwischen den Zeitungen ein ganz anderer als heute gewesen: „Die Zeitungen haben sich Schlachten geliefert, wie man das heute von den sozialen Medien kennt“, erzählt Frau Goisl.
„Lehrreich und unterhaltsam“
Andere Themen, die sie ebenfalls sehr interessieren, sind Nachrichten über das Wetter, die zum Beispiel über Hochwasser berichteten oder Artikel über die kirchlichen Feste damals. Außerdem seien viele der alten abgedruckten Gedichte in den alten Zeitungen sehr schön.
Das, was Helga Maria Goisl am Blättern in alten Zeitungen fasziniert, ist, dass man sich ein Bild von der damaligen Zeit machen kann. „Ich find’s lehrreich und unterhaltsam, man kann seine Schlüsse ziehen und sieht Dinge vielleicht dann schon wieder bisschen anders, weil man Vergleiche zieht“, sagt sie.