Spirituelle Erfahrung in der Regensburger Altstadt: Zu Gast bei der stillen Meditation im Zen Center

Kann man mit Meditation zur Ruhe finden? MZ-Autor Philip Hell hat es für seine neue Reportagereihe im Zen Center Regensburg probiert – und dabei die Geister von Marc Aurel getroffen.
„Einfach atmen“, sagt Hyon Gak Sunim. Leichter gesagt als getan, denke ich. Ich sitze seit zehn Minuten im Schneidersitz. Meine Füße sind schon lange eingeschlafen. Meine fünf Sitznachbarn im Meditationsraum des Zen Centers in der Weißbräuhausgasse scheinen dieses Problem nicht zu haben. Eine Sitznachbarin erhebt sich und geht auf eine Art Altar an der Wand zu. Die Dielen knirschen unter ihren Füßen. Ansonsten ist da nichts. Stille.
Die Frau verbeugt sich vor der Statue eines Mönchs. Meine Sitznachbarn haben ihre Blicke leicht gesenkt. Ich kann nicht widerstehen und werfe einen verstohlenen Blick auf die Frau. Sie nimmt ein Feuerzeug. Es klickt einmal. Ein Kerzendocht knistert. Die Flammen spiegeln sich in den Fenstern, hinter denen Regensburg im Dunkeln der Nacht schläft. Es ist 5.20 Uhr. Die Frau nimmt wieder Platz und sagt: „Seite acht.“ Ich schlage das Gebetsbuch auf. Meine Mitstreiter singen koreanische Verse. Später singen sie auch auf Englisch und Sanskrit. Schon nach zwei Zeilen verliere ich den Anschluss.
Zwei Stunden später. Sunim lehnt an der Wand des Esszimmers im Zen Center – er ist hier leitender Lehrer und Abt. Ich sitze ihm schräg gegenüber. Wir unterhalten uns auf Englisch. Sunim ist dabei etwas im Vorteil. Er stammt aus New Jersey. Ich aus Oberbayern.
Sie haben in Yale Vergleichende Religionswissenschaft studiert. Warum sind Sie ausgerechnet in Regensburg gelandet
Hyon Gak Sunim: Der Ort hat etwas Besonderes. Etwas an ihm zieht Energien an. Unter dem Raum, in dem wir meditieren, war das Hauptquartier von Kaiser Marc Aurel – einem spirituellen Führer. Und das rote Haus da drüben, da hat Georg Ratzinger gewohnt. Papst Benedikt hat dort viel Zeit verbraucht. Und gleich um die Ecke: die jüdische Gemeinde! Regensburg – und dieser Platz im speziellen – hat eine besondere Energie.
Was bedeutet Stille für Sie?
Sunim: Stille ist die Abwesenheit egoistischer Manipulation der Realität.
Zurück im Meditationsraum. Die anderen erheben sich und setzen sich voneinander abgewandt hin. Ich tue es ihnen gleich und schaue im Schneidersitz in Richtung Wand. Im Raum ist es komplett still. Sunim sagt wieder nur: „Atme.“ Ich atme und schaue auf die weiße Wand. Ich höre Wasser plätschern. Kurz macht sich so etwas wie Ruhe in mir breit. Gefolgt von einem gewissen Unbehagen. Ich habe Probleme, mich fallen zu lassen. Ich spiele jemanden, der meditiert. Die Gedanken rasen. Zehn Minuten vergehen, vielleicht eine Viertelstunde. Ich weiß es nicht. Ich höre, wie Sunim nach seinem Holzschlegel greift. Ein lauter Schlag zerfetzt die Stille.
Ich habe mir schwergetan, mich in die Stille fallen zu lassen.
Sunim: Das ist vollkommen ok. Es ist wie mit einem Basketball, den man ständig mit der Hand prellt. Nimmt man die Hand weg, kommt er auch nicht sofort zur Ruhe – aber wenn man seine Hand nicht wieder hinhält, fällt der Ball irgendwann zu Boden. Du machst es mehrmals und gewöhnst dich daran. An die Vollkommenheit, die Perfektion und die Unendlichkeit in der Stille. Dein Geist wird es lieben.
Hat unsere Gesellschaft den Zugang zu Stille verloren?
Sunim: Die Gesellschaft – der menschliche Geist im Allgemeinen – hasst Stille. Wir wollen die Spannung des Lärms und der Ablenkung. Das setzt Endorphine frei. Wir haben gelernt, die natürliche Realität zu hassen, weil wir so viele Möglichkeiten haben, unsere eigenen Realitäten zu schaffen. Es gibt Buch-Realitäten, Netflix-Realitäten oder Spotify-Realitäten.
Wir erheben uns. Sunim klatscht mit dem Schlegel in seine Hände und geht los. Zügig. Auch ich setze mich in Bewegung. Wir gehen im Kreis. Eine Runde, zwei Runden, drei. Ich versuche den Abstand zu Sunim immer exakt gleich zu halten. Es gelingt mir. Zehn Minuten vergehen. Ich blicke kurz aus dem Fenster. Die völlige Schwärze der Nacht ist dem Blau des Morgens gewichen. Im Nachbarhaus brennt schon Licht. Es sitzt aber niemand am Frühstückstisch.
Würde mehr Stille unsere Gesellschaft wirklich besser machen?
Sunim: Frag Jesus!
Der ist tot.
Sunim: Schnell, schließt das Fenster, nicht dass uns noch jemand hört! Nein, im Ernst. Schau dir Jesus an. Er hat vielen Menschen geholfen. Und dann? Ging er in die Berge, ging in die Wüste – allein!
Unvermittelt setzen sich die anderen. Während des Gehens habe ich auf die Uhr geschaut. 6.30 Uhr. Ich schaue auf die weiße Wand. Draußen fegt jemand Blätter. In meinem Kopf wird es immer lauter. Ich habe das Gefühl durchzudrehen und schaue auf das Parkett. Ich bilde mir ein, einen Zwerg im Muster des Holzes zu sehen. Sunim: „Atme. Wer bist du?“ Ich versuche mich wieder zu sammeln. Stille in meinem Kopf will mir nicht gelingen. Ich denke darüber nach, wie ich diesen Text schreibe. Denke darüber nach, ob ich das mit dem Zwerg erwähnen soll. Draußen schellt eine Kirchturmuhr. Es wird wohl dreiviertel sieben sein, denke ich. Sunim klatscht mit dem Schlegel in seine Hand. Wir stehen auf. Es ist 7 Uhr.
Worum geht es beim Meditieren?
Sunim: Es geht um das, was uns alle beschäftigt. Wir wollen nur Heim. Nenn es Himmel, Reich Gottes oder wie auch immer. Dafür brauchen wir Stille. Mit ihr nehmen wir alles intensiver wahr. Stille ist nichts Religiöses, sie ist etwas Menschliches.
Zur Serie: Die Suche nach Stille
Serie: Im Leben von MZ-Reporter Philip Hell spielt Stille eine Nebenrolle. Als Redakteur lässt er sich in der Flut der Nachrichten treiben. Er mag es, wenn es bei seinen Geschichten ein wenig kracht. Glaubt man seiner Spotify-Statistik, hört er täglich drei Stunden Musik. Selbst zum Einschläfen lässt er sich berieseln – am liebsten von Dokumentationen. Mit der Dauerbeschallung soll nun Schluss sein. Zur staden Zeit im Advent begibt er sich auf die Suche nach der Stille.
Orte: Dazu hat er in Regensburg Plätze gesucht, die ein ganz besonderes Verhältnis zum Thema Stille haben. Die vier Teile lesen Sie an den Adventswochenende.