Aufgetaucht: Wendl Sorgends unveröffentlichter Text über ein „Juwel der Nachkriegszeit“ am Bismarckplatz

Wendl Sorgend ist nicht vergessen. Nicht bei den alten Theater-Enthusiasten! Der Regensburger Stadtmaler Werner Steib hat in seinem Fundus eine silberne Trillerpfeife. Allein ihr Anblick ruft bei dem 80-Jährigen die Zeiten des Stehparketts aus den 50er Jahren wach.
Direkt unter der Fürstenloge war das „Parkett der Armen“. Für eine Mark und fünfzig Pfennige erlebte Steib hier im Kreise seiner Freunde unvergessliche Abende.
Die Erinnerung, die im Pfeiferl eingefroren ist, ist ihm heute ein wenig peinlich. Alles begann bei der „Kaiserin“, eine Art Sisi-Operette von Leo Fall, Regisseur Wendl Sorgend. Steib hält ihn heute für „einen guten Mann“. Aber damals „war ich jung und dumm“. Ihm missfiel der respektlose Umgang mit „seiner Kaiserin“, dargestellt von der attraktiven Herma Kypta. „Ich hab auf ihren letzten Auftritt gewartet, doch der Vorhang ging zu.“ Steib war enttäuscht und sagte laut in die Runde, die Inszenierung gehörte ausgepfiffen. Wenn er bloß pfeifen könnte! Ihm fehlten die Mittel dazu. Sein Freund, Hans Plössl, ein Mitarbeiter des Fotohauses Zacharias, Sohn des letzten Domschweizers, hatte die Anekdote dem Regisseur der „Kaiserin“ im Fotoladen zum Besten gegeben. Sorgends spontane Reaktion: Er schenkte seinem Kritiker eine Trillerpfeife. Das sagt alles über den Menschen Wendl Sorgend.
Ein verschollenes Manuskript
Am Theaterstammtisch des Manfred Janikulla im Goldenen Kreuz träumen die Silberlocken vom alten Ensembletheater. Jürgen Beck vom Extra-Chor freut sich, dass hier jeden Mittwoch sein Vater auflebt, der Operetten-Dirigent Alfred Beck. Rechts hinter der Stufe im Goldenen Kreuz sitzt ein gewichtiger Zeitzeuge: Ex-Merian-Herausgeber Rainer Klofat, ein Heimkehrer, war bis 1964 Feuilletonchef der Mittelbayerischen Zeitung. Er sagt: „Theater war damals eine über Jahre festgefügte Struktur. Heute sieht man jedes Jahr neue Gesichter.“ Die Runde nickt. Jetzt gibt es wieder Gesprächsstoff: Ein verschollenes Manuskript aus frühen Theatertagen ist aufgetaucht.
Sorgends PC steht als Erbstück beim ehemaligen Citroen-Händler Fritz Prell. Wie ein Schachterlteufel ist das zeitgeschichtliche Sorgend-Stück quasi aus der Festplatte gesprungen. Prell und Sorgend waren Freunde, bis sich für den Mann mit dem Husarenbärtchen im Juli 2017 der Vorhang senkte. Im Nachlass war auch diese Notiz des Autoren: „Ich schreibe ein Buch mit dem Titel Klaviere schwimmen auf der Straße – ein Nachruf auf das Stadttheater in Anekdoten (ausgehend von einem alten Bühnenversprecher). Es geht um das höchst bedauerliche Verschwinden einer ganz bestimmten Theaterform, die einst das Juwel der deutschen Theaterkultur darstellte. Und da stelle ich Straubing und Regensburg gerade wegen ihrer Unterschiedlichkeit als Beispiele heraus.“
Abenteuerliches Leben
Der unveröffentlichte Text beschreibt nicht zuletzt das Abenteuer seines Lebens. Ein Junge aus Apatin, zwei Kriegsjahre als Matrose auf der Donau unterwegs, wird 1945 mit 17 Jahren an das Ufer der Donau gespült, heuert bei der Lehrerbildungsanstalt in Straubing an, wird als „Gustav mit der Hupe“ fürs Theater im ehemaligen Emmeramer Stadel in Straubing entdeckt. Das Haus mit über 400 Plätzen hatte kein geringerer als Curd Jürgens nach Kriegsende gepachtet. In dieser für kurze Zeit hochbedeutenden Kulturnische hatte sich der junge Sorgend eingenistet und sich mit den besten Schauspielern der Nachkriegszeit befreundet, wie er detailreich beschreibt.
Sein Glück: Im zerbombten Deutschland war die Elite des deutschen Schauspiels in die nährende Provinz ausgewichen. Im Gäuboden fanden sie eine immer volle Futterkrippe. Der Schriftsteller Erich Kästner, die Schauspieler Robert Graf, Curt-Max Richter, Wilmut Borell und Theo Lingen reihten sich davor ein. Und mitten drin Wendl Sorgend, ein polyglotter Tausendsassa: Musiker, Sänger, Matrose, Schiffseigner, Filmemacher. Oder, wie er sich in einer Erzählung bescheiden selbst bezeichnet: „Ein ehemaliger Theatermann der Gattung Chargenspieler, denen die Nachwelt am wenigsten Kränze flicht“.
Obwohl er später in Regensburg Regie führte, zwölf Jahre Oberspielleiter war, wurde Sorgend bislang ein Platz in der Regensburger Theatergeschichte verwehrt. Autor Helmut Pigge hat ihn in seinem 1998 erschienen Buch „Theater in Regensburg“ vergessen. Der Theaterwissenschaftler Rainer Klofat: „Das Buch hat einen Fehler. Sorgend kommt nicht vor. Sorgend hat nach dem Krieg das Musical nach Regensburg gebracht.“
Kriegserlebnisse in Kriminalroman
Der ehemalige Feuilletonchef kannte Sorgends Herzensprojekt. „Das Buch hätte wohl als Jahresgabe der Sparkasse Regensburg erscheinen sollen, aber dann starb überraschend der PR-Chef des Hauses.“ Danach ruhte das Manuskript. Sorgend konzentrierte sich auf einen Kriminalroman mit dem kryptischen Titel „Semnai 2000“. Darin schrieb er sich seine Kriegserlebnisse von der Seele. Der Halbwüchsige wurde als Donaumatrose Zeuge der Befreiung des KZ Mauthausen. Als 16-Jähriger ging er durchs zerbombte Wien. Er hat in jungen Jahren viel, vielleicht zu viel sehen müssen. Sein Roman, veröffentlicht 2008 bei „pro Business“, ist ein Stück Zeitgeschichte. Sein Nachruf aufs Ensembletheater jedoch blieb unveröffentlicht.
Knecht Matti flüchtet
Als seine Paraderolle bezeichnete er den Knecht Matti im Brecht-Stück „Herr Puntilla“. Vielseitig wie er war, schleuderte Sorgend unter dem Pseudonym „Pilatus“ in der Regensburger Woche seine Giftpfeile gegen die städtische Kulturpolitik. Dann vertrug der kritische Geist irgendwann den neuen Zeitgeist nicht mehr und wurde zum Theaterflüchtling. Er begann eine Industriefilmproduktion, aus der rund fünf Dutzend Filme hervorgingen. Die Bandbreite reichte vom weltweit ersten Farbfilm der Zottelpumpe des Dünndarms zum Kurzfilm „Play Harlekin“. Der Streifen wurde auch durch Handstandlucki als Hauptdarsteller in Regensburg bekannt. Anfang unseres Jahrtausends wurde das historische Material neu entdeckt. Der Regensburger Kineast Dr. Helmut Diewald hatte das Filmmaterial digitalisiert. Und so bekam Sorgend erneut einen Auftritt, begleitet von Ludwig Hofmaier, dem Star von „Bares für Rares“. Im Film sah man, wie er auf Händen über die Zinnen des Turms zum Blauen Hechts balancierte.
Über 30 Jahre hatte Sorgend dort im Geschlechterturm an der Keplerstraße gelebt und gearbeitet. Die Liebe hatte ihn nach Regensburg gebracht. Hier heiratete er die vielversprechende Koloratur-Sopranistin Helene Fuchs, die aus Liebe das Angebot ans Gärtnerplatz-Theater ausgeschlagen hatte. Der Schauspieler und die Mozarteum-Absolventin lebten zusammen wie Philemon und Baucis. Die letzten Jahre verbrachten sie in einem einsamen Haus an der Donau, in Kronschlag, Engelhartszell. Den Apatiner hatte es am Ende seines Lebens wieder näher zur Heimat gezogen. Die Donau war sein Leben. Der am 18. April 1928 in Apatin, Ungarn, Geborene sprach Serbokroatisch, Ungarisch und Rumänisch. Sein Opa war Fischereimeister, seine Eltern Donauschiffer.
Zu seinem 80. Geburtstag schrieb ihm Rainer Klofat ein Akrostikon, das sich auf seine Beziehung zum Fluss bezieht. „Wer, wenn nicht Sie Donaumane! Ja wer sonst entert in späten Jahren noch jeglichen Nachen der Phantasie, selbst wenn der auf stürmischer Woge im Schaum tanzt.“ Die beiden Bühnenmenschen brachten das Kunststück fertig, auch ohne Publikum glücklich zu sein, wenn man von den Meisen, Amseln und Eichkätzchen absieht. Helene ging täglich durch den Garten und trällerte ihre Koloratur-Arien, wie ein Vogel im Winter, mit gedämpfter Stimme, nur für sich. Und ihr „Wendi“ werkelte auf dem Kajüt-Boot „Nahui“ oder saß am PC. Dort schrieb er, Seite um Seite, nur für sich. Als Helene ihrem „Wendi“ im Dezember 2023 ins Grab folgte, begleiteten sie nur drei Menschen auf ihrem letzten Weg: Ihr Neffe, dessen Frau und sein Freund Fritz Prell.
