Pflegedauer verdoppelt sich – Kosten steigen dramatisch

Von Katharina Volk · 19. November 2024 um 05:00

Der am Montag in Berlin vorgestellte Barmer-Pflegereport zeigt: Die durchschnittliche Pflegedauer in Deutschland soll sich bis 2027 von 3,9 bei kürzlich verstorbenen auf 7,5 Jahre bei aktuell pflegebedürftigen Menschen verdoppeln. Gleichzeitig sollen die Ausgaben pro pflegebedürftiger Person um 50 Prozent von knapp 50 000 auf 76 000 Euro steigen.

Ein Grund für die steigenden Pflegekosten sind die 2017 eingeführten Pflegegrade, die den Zugang zur Pflege erleichtert haben und die Zahl der Pflegebedürftigen steigen ließen. Der Anstieg betrifft vor allem Pflegegrad 1, in dem Betroffene den Großteil der insgesamt 7,5 Jahre Pflegezeit verbringen. Das macht das System teurer. In den höheren Graden 4 und 5 gehen die Zahlen der Bedürftigen sogar zurück. Zudem tragen höhere Löhne und zusätzlicher Personalaufwand zu den steigenden Kosten bei. Seit 2022 haben die Gehälter in der Altenpflege deutlich angezogen, doch Fachkräftemangel bleibt ein großes Problem: Rund 70 Prozent der Pflegekräfte arbeiten in Teilzeit.

Finanzierung bleibt auch 2025 problematisch

Trotz steigender Eigenanteile in der Pflege steht die Pflegeversicherung vor dem Kollaps, warnte Barmer-Chef Christoph Straub. Die Beitragserhöhung um 0,2 Prozent ab Januar sei nur eine „Notlösung“, die die Zahlungsunfähigkeit bis Herbst 2025 hinauszögere. Straub forderte ein schnelles, nachhaltiges Finanzkonzept, das Pflegebedürftige und Angehörige entlastet. Er schlug vor, versicherungsfremde Leistungen wie pandemiebedingte Kosten – in Höhe von über fünf Milliarden Euro – oder die Rentenbeiträge für pflegende Angehörige aus Steuermitteln zu finanzieren. Bisher kommt das aus der Pflegeversicherung.

Weiter wurde in der Pressekonferenz eine Obergrenze für Eigenanteile sowie ein Finanzausgleich zwischen gesetzlicher und privater Pflegeversicherung gefordert. Im Bericht ist nachzulesen, dass die private Pflegeversicherung deutlich mehr Geld einnimmt, als sie für Pflegeleistungen ausgibt. Laut der Barmer wurden im Jahr 2022 nur 47,9 Prozent der Beitragseinnahmen der Privaten für Leistungen verwendet.

CDU/CSU kritisieren die Ampel scharf für ihre Untätigkeit in der Pflegepolitik und werfen SPD, Grünen und FDP vor, eine dringend benötigte Finanzierungsreform ignoriert zu haben. „Im ewigen Haushaltsstreit hatte die Pflege für sie nie Priorität“, sagte der gesundheitspolitische Sprecher Tino Sorge der Mediengruppe Bayern. Die Union will nach einem Regierungswechsel eine schnelle Pflegereform, um das System zu stabilisieren und den Anstieg der Eigenanteile zu bremsen. Sie bekennt sich in einem Positionspapier von 2023 zur Pflegeversicherung als Kombination aus Beiträgen der gesetzlichen Versicherung und der privaten und betrieblichen Vorsorge. Auch Sorge verweist auf die nötige Abrechnung der Pandemiekosten sowie die steuerliche Finanzierung von Rentenbeiträgen für pflegende Angehörige, um das System um neun Milliarden Euro zu entlasten. In den nächsten Wochen will die Union für das Wahlprogramm ein schlüssiges Pflegekonzept erarbeiten.

Die Grünen sehen ebenfalls dringenden Handlungsbedarf und verlangen eine gerechtere und stabilere Pflegefinanzierung. „Gesamtgesellschaftliche Aufgaben gehören nicht in die Beitragsfinanzierung“, sagte Fraktions-Vize Maria Klein-Schmeink unserer Zeitung. Sie kritisiert, dass Ex-Finanzminister Lindner wichtige Beschlüsse zur Sicherung der Pflegekassen blockiert habe, was nun kurzfristige Entscheidungen für einen höheren Beitragssatz notwendig mache. Trotz nicht umgesetzter Koalitionsvereinbarungen betont Klein-Schmeink: „Es ist wirklich wichtig, dass wir hier weiterkommen. Das sind wir den Menschen im Lande schuldig.“

Reform wohl erst nach der Bundestagswahl

Das Gesundheitsministerium wollte die Studie nicht kommentieren. Das Haus von Karl Lauterbach (SPD) wies aber darauf hin, dass die Dauer der Pflegebedürftigkeit stärker gestiegen sei, als ursprünglich angenommen. Das erkläre sowohl die hohe Zahl der Pflegebedürftigen als auch die Ausgaben der letzten Jahre. Auf den Fachkräftemangel und hohe Eigenanteile habe die Bundesregierung mit höheren Löhnen, einer Begrenzung der Eigenanteile und einer Beitragserhöhung reagiert. „Ein Konzept zur grundlegenden Reform der Pflegeversicherung ist in Arbeit und wird zeitnah vorgelegt“, sagte ein Sprecher zur Mediengruppe Bayern. Aussicht auf Umsetzung hat es aufgrund der baldigen Neuwahlen allerdings nicht mehr.