Zwischen Schock und Gelassenheit: So schauen Kelheimer auf die US-Wahl

International hat die Wahl von Donald Trump (78) zum 47. US-Präsidenten am Mittwoch Gratulationen und Bestürzung ausgelöst. Auch im Kreis Kelheim schlug die Wahl Wellen. So blicken Menschen aus der Region auf das Ereignis.
Die wohl größte Wahlparty im Kreis Kelheim dürfte es am Donau-Gymnasium gegeben haben. Unter Leitung von Englischlehrer Christian Pöllath (47) verfolgten 108 Schülerinnen und Schüler sowie sieben Lehrer die „Election Night“ via Berichterstattung der US-Sender CBS, ABC, NBC sowie des Trump-freundlichen Senders Fox News über Beamer und Leinwand – von Mitternacht bis kurz vor Schulbeginn am Mittwoch.
In der zweiten Stunde wurde dann noch kurz Trumps Siegesrede angeschaut, erzählt ein ziemlich müder Pöllath am Telefon. Die Schüler waren wie der Rest der Deutschen mehrheitlich für Kamala Harris eingestellt, sagt Pöllath. Trotz Trumps Sieg seien sie „wahnsinnig gut drauf“ gewesen. Wohl auch, weil sie sich darauf gefreut hatten, in der Schule zu übernachten und was mit Freunden zu machen.
Schock und Freude
Pöllath setzt sich schon seit dem Studium intensiv mit dem Wahlsystem der USA auseinander und hat heuer zum vierten Mal seit 2008 eine Wahlnacht-Party mit Schülern veranstaltet (2020 fiel die Veranstaltung aus). Pöllath hatte im Vorfeld die Statistiken studiert und von daher schon eine dunkle Vorahnung bezüglich des Ergebnisses entwickelt. Den Schülerinnen und Schülern stellte er zu Beginn der „Election Night“ Statistiken vor, welche demografischen Gruppen 2020 wie abgestimmt hatten. Außerdem erklärte er Besonderheiten des US-Wahlsystems. Etwa, dass Republikaner in der Regel zunächst vorne liegen, bis die Demokraten in den bevölkerungsreichen urbanen Countys aufholen, weil dort die Auszählung länger dauert. Diese Aufholjagd sei heuer ausgeblieben. „Zwischen 3 und 4 Uhr hat man dann gemerkt, es geht in die andere Richtung“, erinnert sich Pöllath. Dann hätten auch einige Schüler darum gebeten, den Sender Fox News nicht mehr einzuschalten, man halte das Triumphgeheul nicht aus.
Einige Donau-Gymnasiasten hatten kürzlich via Schüleraustausch die USA besucht. Unserer Zeitung hatten sie berichtet, wie sie den Wahlkampf vor Ort erlebt hatten. Effingham County in Illinois, wo sich die Partnerschule befindet, ist stark republikanisch geprägt. Trump holte hier 79 Prozent der Stimmen, so das vorläufige Ergebnis am am Mittwoch.
Auch außerhalb der Schule ist die Wahl am Mittwoch gesprächsthema, etwa bei den McDonalds-Filialen in Abensberg und Kelheim – die Burgerkette steht exemplarisch für amerikanische Lebensart. Anders als in den USA würde man hierzulande vergeblich darauf warten, dass Donald Trump bei McDonalds einen Hamburger aus dem McDrive reicht. Im Gegenteil: Die Franchisenehmer wollen sich zur Wahl und zur Politik im Allgemeinen nicht äußern, lässt die Geschäftsführerin in der Filiale in Abensberg verlauten.
Die Kunden vor dem McDonalds in Kelheim blicken mit gemischten Gefühlen auf den Wahlsieg von Donald Trump. Joachim Wilke (31) fürchtet, dass Trumps Sieg „nichts Gutes“ für Deutschland und Europa bedeuten dürfte. Besonders hat Wilke dabei die Wirtschaft sowie die Frage von Krieg und Frieden im Blick. Unter Trump dürften die USA wohl die Unterstützung für die Ukraine zurückfahren, fürchtet er. Mit Auswirkungen für Europa, denn diesem gelte Russlands Krieg, nicht nur der Ukraine.
Ähnlich sieht das Thomas (59). Seinen vollen Namen möchte er nicht in der Zeitung lesen. „Ich bin geschockt“, sagt er über die Nachricht von Trumps Wahlsieg – „es gibt viele Deppen, und den größten wählt man“. Er fürchtet, dass Strafzölle und höhere Steuern auf importierte Autos der deutschen Automobilindustrie schaden könnten. Aber nicht jeder, der sich am Mittwochmittag einen Burger holen will, sieht die Wahl von Donald Trump so negativ.
Ein 37 Jahre alter Kelheimer, der nicht namentlich zitiert werden möchte, findet den Ausgang der Wahl „gut“. Mit Trump verbinde er die Hoffnung, dass manche Kriege nun aufhören könnten. Michael (44) ist der Meinung, dass beide Kandidaten, Kamala Harris und Donald Trump, für Europa schlecht gewesen wären. Angesichts von Trumps Sieg sei er „gelassen“. Es gebe sogar Eigenschaften, die er an Trump schätze: „Trump sagt, was er denkt“ und schaue auf sein eigenes Land; das würde sich Michael in der deutschen Politik mehr wünschen. Trumps Forderung, die Europäer sollten mehr für die NATO bezahlen, finde er auch gut – „bisher haben wir uns immer auf den großen Bruder verlassen“.
Landkreisbürgern mit einem persönlichen Bezug zu den USA geht die Wahl besonders nahe. Neustadts 2. Bürgermeister Günter Schweiger etwa war gerade für drei Wochen in den USA – auf Familienurlaub. „In Kalifornien und Utah habe ich fast nur Trump-Wahlplakate gesehen und nur ganz wenige von Kamala Harris. Auch in den Betrieben wurde Werbung für Donald Trump gemacht.“
Bei Begegnungen mit Einheimischen stellte Schweiger fest, dass es eine sehr spezielle Qualität" habe, mit US-Amerikanern über Politik zu sprechen. „Sie haben ihre Sichtweise“, sagt der 2. Bürgermeister. Und da stünden vor allem die Interessen der USA im Mittelpunkt.
Er vermutet, die Entwicklung der Lebenshaltungskosten könnte dem Wahlsieger in die Hände gespielt haben. „Die Preise sind enorm gestiegen.“ Ob Trump freilich den „kleinen Mann“ im Blick hat, bezweifelt Schweiger. „Trump spricht immer davon, ,I make a deal' (ich mache ein Geschäft). Das ist sein Politikverständnis. Er sieht alles als Geschäft.“ Sorgen hat Neustadts 2. Bürgermeister ob der angekündigten Importzölle für Waren aus dem Ausland. „Das könnte unserer Industrie schaden.“
Angst vor Konsequenzen
Sidney aus Pullach bei Abensberg ist in den USA aufgewachsen. Die junge Frau bringt ihre Enttäuschung über das amerikanische Wahlsystem auf den Punkt: „Ich distanziere mich eher von der Politik und halte das Zwei-Parteien-System in den USA für eine absolute Katastrophe. Wir haben immer nur die 'Wahl' zwischen zwei Parteien, die keineswegs neutral sind und die ich persönlich beide am liebsten aus dem politischen System verbannen würde.“ Für Sidney sind die Kandidaten des Präsidentschaftsrennens meist „Witzfiguren“, die mit leeren Versprechen um Wählerstimmen buhlen. „Leider müssen die Menschen dort oft das 'kleinere Übel' wählen – in dem Fall Donald Trump.“
Völlig anders sieht das eine weitere Landkreis-Bewohnerin mit US-Wurzeln, die vom Wahlausgang „zutiefst erschüttert“ ist. Nach Trumps „sexistischen, hasserfüllten, voreingenommenen Äußerungen hätte ich nie geglaubt, dass jemand im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte für ihn stimmen würde“, dass es ein Mehrheit geben würde „für einen vulgären, verurteilten Straftäter und egozentrischen Mann, der offenbar ein völlig verzerrtes Verständnis für die täglichen Herausforderungen der durchschnittlichen Bevölkerung hat“.
Die Landkreisbürgerin, die anonym bleiben will, befürchtet, dass Trumps absoluter Wille, erneut Präsident zu werden, „das Potenzial für verheerende Konsequenzen“ für die USA und „die gesamte internationale Gemeinschaft“ berge. Ein schwacher Trost für sie: Kamala Harris habe „in der kurzen Zeit, die ihr zur Verfügung stand, eine fantastische Kampagne geführt“. Sie sei dankbar, dass Harris „alles gegeben hat, um eine positive Alternative aufzuzeigen“.
