„Ich habe keine Angst vor dem Tod“: Sterbeforscher Bernard Jakoby kommt nach Neunburg

Von Jan Lange · 31. Oktober 2024 um 19:00

Er holt den Tod aus der Tabuzone: Seit vielen Jahren beschäftigt sich der Sterbeforscher Bernard Jakoby mit dem Thema. Der 67-Jährige sprach mit tausenden Menschen, die Nahtoderlebnisse erfuhren. Nun kommt er nach Neunburg und tauschte sich vorab mit der MZ aus.

Der Tod wird in unserer Gesellschaft selten thematisiert. Würden Sie sich wünschen, dass man häufiger darüber spricht?

Bernard Jakoby: Das ist ganz wichtig, weil es das existenziellste Thema ist. Wir wissen heute viel mehr darüber als jemals zuvor. Trotzdem haben die meisten Menschen immer noch Angst vor dem Tod. Gerade in dieser krisenhaften Zeit ist es sehr wichtig, dass man sich damit auseinandersetzt.

Manche versuchen sich mit einer besonders gesunden Lebensweise vor dem Tod zu schützen oder ihn hinauszuzögern. Macht das Sinn?

Jakoby: Wir sterben auf jeden Fall. Es ist keine Garantie für ein langes Leben, wenn ich mich gesund ernähre oder Sport treibe. Der Tod kommt, wenn es so weit ist. Wir können das nicht kontrollieren. Erst wenn Menschen jemanden verlieren, fangen sie an, aufzuwachen. Dann haben sie große Probleme damit, überhaupt klarzukommen. In meinen Vorträgen versuche ich auch, die Menschen zu trösten. Aber es ist ganz wichtig, dass das Thema Tod mehr in die Öffentlichkeit kommt. Wir haben in der Forschung in den vergangenen 20 Jahren so viel Wissen erlangt – man braucht also keine Angst vor dem Tod haben.

Es gibt das Sprichwort: „Jeder stirbt seinen eigenen Tod.“ Trifft dies auch zu, wenn Sie mit Menschen über deren Nahtoderfahrung sprechen oder gibt es Parallelen bei den Erlebnissen?

Jakoby: Jeder erlebt eine Nahtoderfahrung auf seine Weise, aber es gibt Merkmale, die immer wieder auftauchen. Wir wissen heute eine Menge darüber, was mit uns geschieht, wenn wir sterben. Die Übergänge, die sich da äußern – also Seele verlässt den Körper – da geht es in einen anderen Bewusstseinszustand über. Dann kommt diese Tunnelerfahrung oder man überquert eine Brücke und da wartet das Licht auf einen. Auch die Lebensrückschau wird erlebt. Diese Kernelemente sind überall gleich.

Der November ist der Monat der Besinnung. Für viele ist es auch die Zeit, wo sie die Gräber ihrer Angehörigen besuchen. Besuchen Sie gerne Friedhöfe?

Jakoby: Man sollte wissen, dass die Verstorbenen dort nicht sind. Die Seele hat den Körper verlassen. Auf dem Friedhof liegt nur die abgestreifte Hülle. Früher war ich oft auf Friedhöfen. Meine Eltern sind vor über 30 Jahren gestorben. Da bin ich anfangs oft hingefahren. Aber inzwischen ist das Grab aufgelöst. Da habe ich dann gemerkt, dass mir das nichts mehr bedeutet. Meine Mutter ist trotzdem öfter bei mir. Ich spüre ihre Anwesenheit. Da brauche ich keinen Friedhof. Aber natürlich ist ein Friedhof für viele ein wichtiger Ort, wo sie auch Zwiesprache halten.

Denken Sie an Allerheiligen an Ihre Verstorbenen, vielleicht die Eltern, oder sind Ihnen dafür solche Tage nicht wichtig?

Jakoby: Ich mache das nicht an solchen Tagen fest, weil ich meine Mutter auch so spüre – und meinen Vater ebenfalls.

Da Sie es ansprechen: Viele sprechen am Grab mit den Verstorbenen. Ist das nur Einbildung oder ist eine Kontaktaufnahme tatsächlich möglich?

Jakoby: Das sind Nachtodkontakte. Das heißt, dass Verstorbene mit uns in Kontakt treten. Sie versuchen, uns zu trösten oder uns mitzuteilen, dass es ihnen gut geht. Das ist unheimlich weit verbreitet. Das ist keine Einbildung. Allerdings wird dies in der Öffentlichkeit nicht thematisiert und deswegen sprechen viele Menschen nur im Schutz eines Seminars darüber, dass sie von den Verstorbenen, die ihnen nahestanden, Zeichen bekommen.

Die Bestattungskultur ändert sich. Viele lassen sich in Urnen begraben oder auch auf Waldfriedhöfen oder auf See. Was halten Sie von solchen Trends?

Jakoby: Jeder sollte das für sich entscheiden. Die Anonymisierung hat zugenommen. Früher lebte man vielleicht ein Leben lang in einer kleinen Stadt oder in einem Dorf – dann ist man natürlich ständig zum Friedhof gegangen. Heute ist das anders. Ich habe kein Problem damit, dass Menschen verbrannt werden wollen. Wir wollen das immer werten. Wenn man die Vorstellung hat, dass man am jüngsten Tag aufersteht und dazu die Knochen braucht – das ist Blödsinn.

Wo wollen Sie begraben sein?

Jakoby: Ich habe die Vorstellung, mich einäschern zu lassen – meinetwegen im Wald.

Inwiefern spielte der Tod Ihrer Eltern eine Rolle, dass Sie sich intensiver mit dem Thema beschäftigt haben?

Jakoby: Meine Mutter hat sich im Augenblick ihres Todes bei mir verabschiedet. Ihre Seele ist durch mein Herz gegangen und ich habe eine Liebe gespürt wie nie zuvor. Das hat mich dazu bewogen, nach Berlin zu gehen und Menschen zu suchen, die solche Sachen erlebt haben. Mittlerweile haben mir tausende Menschen ähnliche Sachen erzählt.

Ist der Tod das Ende?

Jakoby: Schon wenn wir über Nachtodkontakte sprechen, wissen wir doch eigentlich, dass die Verstorbenen nach wie vor um uns sind.

Sie sind 67. Da rückt der Tod so langsam näher. Haben Sie Angst vor dem eigenen Tod?

Jakoby: Wenn meine Forschungen eines gebracht haben, dann, dass ich keine Angst vor dem Tod habe. Ich weiß einfach, dass ich dann in der Liebe erwache und in Gott bin.

Wie schafft man es, dem Tod gelassen entgegenzutreten?

Jakoby: Ich denke einfach, indem man sich mit dem vorliegenden Wissen beschäftigt und zwar möglichst frühzeitig.

Man hört immer wieder, man kann spüren, wenn man kurz vor dem Tod steht.

Jakoby: Im Sterben ändert sich die Wahrnehmung des Sterbenden. Das heißt, er hat Zugang zu der uns umgebenden geistigen Welt. Und viele sprechen kurz vor dem Tod davon, dass sie von verstorbenen Verwandten oder Freunden abgeholt werden. Daran kann man erkennen, dass der Tod ganz kurz bevorsteht. Das wird auch von der Hospizbewegung immer wieder berichtet.

Aktuell wird über eine Änderung bei den Organspenden diskutiert. Die Menschen sollen künftig automatisch Spender werden, wenn sie nicht ausdrücklich widersprechen. Was halten Sie davon?

Jakoby: Organspende ist eine problematische Sache, weil jemand, dem die Organe entnommen werden, ist ja klinisch tot, aber nicht endgültig tot. Also ich würde es nicht wollen. Ich würde nicht spenden und auch nichts haben wollen. Meiner Meinung nach sollte es so bleiben, wie es jetzt ist. Man soll sich als Organspender freiwillig eintragen lassen. Das ist viel besser, als wenn man die Leute zwingt, Organspenden widersprechen zu müssen. Mancher vergisst es und bekommt nach dem Tod Organe entnommen, obwohl er es gar nicht wollte.

Sie kommen am Dienstag nach Neunburg. Ist der Eindruck richtig, dass Sie gerade in der Zeit um Allerheiligen besonders gefragt sind?

Jakoby: Ich bin übers ganze Jahr hinweg unterwegs, aber im November häufen sich die Termine, weil die Nachfrage entsprechend hoch ist.

Sind Sie da das erste Mal in Neunburg oder im Landkreis Schwandorf?

Jakoby: Es ist das erste Mal.

In anderen Kulturen gibt es nach dem Tod eines Angehörigen eine Feier. Sollten sich die Deutschen daran ein Beispiel nehmen? Oder sollte jede Kultur ihre Eigenarten behalten?

Jakoby: Ich denke, jede Kultur hat sicherlich ihre Eigenarten. Trauer kann man nicht einfach abstreifen, indem man feiert. Das ist ein Prozess, der immer durchlaufen werden muss. Da hilft oft, wenn die Leute das Gefühl haben, dass der Verstorbene da ist. Das ist das Wichtigste, dass man durch die Trauer geht, um dann akzeptieren zu können, was geschehen ist. Darum geht's.

Das Gespräch führten Jan Lange und Marius Göhl.

Wann und wo?

Termin: 5. November um 19.30 Uhr

Ort: Schwarzachtalhalle in Neunburg

Karten: Eintrittskarten sind ab sofort bei allen üblichen Vorverkaufsstellen, unter der Telefonnummer (0 94 22) 80 50 40 oder online unter www.agentur-showtime.de erhältlich.