Deutsche halten an alten Verbrennern fest – davon profitieren auch Werkstätten

Seit Jahrzehnten steigt das Durchschnittsalter der Autos auf Deutschlands Straßen an – Anfang des Jahres lag es mit 10,3 Jahren so hoch wie nie. Davon, dass die Menschen an ihren altern Verbrennern festhalten, profitieren auch Werkstätten sowie die Hersteller von Ersatzteilen.
Ansaugstutzen und Zylinderkopfdichtung: In Zeiten der Mobilitätswende klingen diese Begriffe wie aus einer längst vergangenen Zeit, Schlagwörter, die sich Männer mit Blaumann und ölverschmierten Händen zuraunen. Doch mögen Elektroautos auch die Zukunft sein – auf deutschen Straßen zeigt sich ein anderes Bild. Seit zehn Jahren steigt das Durchschnittsalter aller hierzulande zugelassenen Pkw kontinuierlich an. Anfang 2024 erreichte es mit 10,3 Jahren einen neuen Spitzenwert, was zeigt: Die Deutschen hängen an ihren alten Verbrennern.
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An sich ist das eine gute Nachricht, zeigt sie doch, dass die Qualität der Autos über die Jahrzehnte gestiegen ist – zum Beispiel was den Korrosionsschutz angeht. Und auch Werkstätten und Ersatzteilelieferanten dürfte die zunehmende automobile Betagtheit freuen – oder wird der Effekt dadurch zunichte gemacht, dass sich Autobesitzer mit steigendem Fahrzeugalter weniger um ihren fahrbaren Untersatz kümmern?
Spezialwerkzeug ist Kostentreiber
• Große Nachfrage: Das kann Jochen Zerhau von der freien Schanzer Werkstatt in Ingolstadt nicht bestätigen. Die Nachfrage nach Kraftfahrzeugreparaturen sei enorm, meint Zerhau. „Was allerdings auch damit zusammenhängen kann, dass die Zahl der Werkstätten ständig abnimmt.“ Wie viele andere Handwerksbetriebe hat auch er Probleme, Fachkräfte zu finden. In der Folge steigen die Lohnkosten – „um als Arbeitgeber attraktiv zu bleiben“. Ebenfalls ein Kostentreiber: Laut Zerhau sind immer mehr Spezialwerkzeuge nötig. 40 Prozent der Ersatzteile, die er verbaut, sind Originalteile.
• Immer mehr Leasing-Kunden: Bei der Mercedes-Vertragswerkstätte Peter Praunsmändtl GmbH & Co. KG in Ingolstadt, Schrobenhausen, Neuburg und Pfaffenhofen liegt der Anteil an Originalteilen bei annähernd 100 Prozent, erklärt Maximilian Steinleitner. Mercedes biete jedoch eine zweite Teilelinie zu günstigeren Preisen an. „Diese Teile sind vor allem für ältere Baureihen.“ Die Auftragslage habe sich in den vergangenen Jahren nicht spürbar verändert, so Steinleitner. „Was wir aber bemerken: Die Kunden achten immer mehr auf die Kosten. Und: Der Anteil der ,Selbstzahler‘-Kunden sinkt immer weiter, während der Anteil an Leasing-Kunden steigt.“
Reparaturen im Schnitt 300 Euro teurer
• Reparaturen werden immer teurer: Aktuelle Zahlen des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft bestätigen die Einschätzung des Ingolstädter Kfz-Meisters. Demnach stiegen die Kosten für Autoreparaturen im Jahr 2024 weiter an. Im Schnitt zahlen deutsche Autofahrer für eine Pkw-Reparatur 300 Euro mehr als im Vorjahr. Den Versicherern zufolge liege das vor allem an den enorm gestiegenen Kosten für Ersatzteile. Sie fordern deshalb, den Markt für gebrauchte Ersatzteile in Deutschland stärker zu fördern und nach dem Vorbild der USA, Schwedens und der Niederlande entsprechende gesetzliche Rahmenbedingungen zu schaffen. Zudem kritisieren sie, dass in der deutschen Schrauber-Branche zu viel getauscht werde.
• Das sagt Bayerns größte Werkstattkette: Die A.T.U Auto-Teile-Unger Handels GmbH & Co. KG (ATU) mit Sitz in Weiden in der Oberpfalz ist mit einem Filialnetz von 70 Standorten die größte Werkstattkette in Bayern. In den vergangenen fünf Jahren habe sich der Umsatz des Unternehmens sehr positiv entwickelt, sagt Unternehmenssprecher Markus Meißner. Die Zusammensetzung des Umsatzes habe sich allerdings verändert. „Wir bemerken eine allmähliche Verlagerung des Schwerpunkts von eher mechanischen Tätigkeiten hin zu Elektronik- und Diagnosearbeiten. Zudem spüren wir eine zunehmende Relevanz des Flottengeschäfts mit Firmenkunden.“
In Bezug auf die zunehmende Elektrifizierung und Digitalisierung kritisiert Meißner, manche Automobilhersteller würden das Thema Cyber-Security als Vorwand benutzen, „um freien Werkstätten den Zugang zu modernen Fahrzeugen zu erschweren“.
Original-Ersatzteile immer beliebter
• Rekordumsatz für Audi: Vom Trend der immer älter werdenden Pkw profitieren auch die Autohersteller. Auf Nachfrage bestätigt Audi, das Geschäft mit Original-Ersatzteilen habe im vergangenen Jahr einen neuen Rekordwert erreicht und leiste mittlerweile einen „signifikanten Beitrag zum Gesamtergebnis“. Perspektivisch handle es sich bei Hersteller- Ersatzteilen um ein „wichtiges Wachstumsfeld“.
• Chancen für die E-Mobilität: Automobilexperte Ferdinand Dudenhöffer sieht in dem überalterten Fahrzeugbestand eine Chance für die E-Mobilität. Er rechnet damit, dass Elektroautos gegenüber dem Verbrenner in den nächsten Jahren preisgünstiger werden. Damit starte der Auswechselprozess in ein paar Jahren schneller. Insgesamt, so Dudenhöffer, würden die CO2- Emissionen pro Neuwagen im nächsten Jahr deutlich sinken aufgrund der EU-Vorschriften. Die Autos, die erst 2025 auf die Straße kämen, seien damit im Mittel sauberer und sparsamer.
20 Prozent der Autos schaffen TÜV nicht
• Kaum Unfälle aufgrund technischer Mängel: „Das Fahrzeugalter muss nicht zwangsläufig ein Indikator für ein unsicheres Fahrzeug sein“, sagt Micha Gebhardt vom ADAC in München. Voraussetzung sei, dass Komponenten wie Reifen, Bremsen, Fahrwerk und Scheinwerfer regelmäßig erneuert beziehungsweise gewartet würden. Unfälle aufgrund technischer Mängel kämen in Deutschland eher selten vor, so Gebhardt. Dass bei älteren Autos Reparaturen aufgeschoben oder Inspektionen übersprungen werden, sieht der Kfz-Experte nicht – ganz im Gegenteil. „Gerade Fahrer von eher hochpreisigen Fahrzeugen kümmern sich trotz zunehmenden Alters sehr akribisch um ihre Autos.“
• Jedes fünfte Auto schafft den TÜV nicht: Jedes fünfte Auto hierzulande kommt nicht durch den TÜV, weil es erhebliche oder gefährliche Mängel hat. Das geht aus dem TÜV-Report 2024 hervor. Dabei zeigte sich: Je älter die Autos waren, desto höher die Mängelquote. 28,9 Prozent der zwölf bis 13 Jahre alten Fahrzeuge, aber nur 5,7 Prozent der zwei bis drei Jahre alten fielen bei der Hauptuntersuchung durch. 15.000 Fahrzeuge wurden direkt stillgelegt, da sie als „verkehrsunsicher“ galten.