So trifft die VW-Krise Firmen in Neumarkt – Werksschließungen werden im Landkreis diskutiert

Von David Santl, Marie Campisi · 31. Oktober 2024 um 05:00

In der Automobilbranche geht die Angst um. Volkswagen, der größte deutsche Autobauer, will wohl mindestens drei Werke schließen. Erst im September hatte er angekündigt, die Beschäftigungsgarantie streichen zu wollen. Die radikalen Pläne treffen nicht nur die Beschäftigten beim Konzern selbst, die Nachricht schockiert auch Unternehmen im Landkreis Neumarkt. Manche hatten schon länger eine böse Vorahnung.

„Das war absehbar“, sagt Martin Hierl von TR Plast. Die Zulieferfirma aus Neumarkt fertigt Kunststoffteile für verschiedene deutsche Autobauer. VW ist allerdings kein Direktkunde. „Das Ganze betrifft uns also eher indirekt. Insgesamt sind wir weiterhin gut ausgelastet“, sagt Hierl. Einen Grund für die aktuelle Situation sieht er in der mangelnden Wettbewerbsfähigkeit – sowohl bei VW als auch im ganzen Land. „Eigentlich ist ganz Deutschland wie eine Firma. Man muss wettbewerbsfähig sein und einen Plan haben. Aber das ist gerade nicht der Fall“, kritisiert Hierl.

Standort zu teuer?

Der Wirtschaftsstandort Deutschland sei beispielsweise zu teuer und es fehle ein übergeordnete Strategie für die nächsten zehn Jahre. Trotzdem sei die Stimmung bei TR Plast gut. Denn insgesamt mache die Automobilbranche lediglich 30 Prozent der Kundschaft von TR Plast aus. „Wenn wir jetzt zu 80 Prozent VW beliefern würden, hätten auch wir ein Problem“, sagt Hierl.

Silke Auer, IHK-Geschäftsleiterin in Neumarkt, schätzt die Abhängigkeit der Zulieferer in der Region von VW nicht übermäßig groß ein – „natürlich ist die gesamte Branche einem Strukturwandel unterworfen, den es zu meistern gilt.“ Auch Rico Irmischer, erster Bevollmächtigter der IG Metall Regensburg, sagt: „Das lässt keinen Beschäftigten kalt, egal ob das Unternehmen direkt an VW liefert oder nicht.“

Auch für Firmen, die nicht an VW liefern, sei der Zustand des Herstellers eine Zäsur: „Es ist ein Markt, den sich ein Zulieferer nicht mehr erschließen kann.“ Sorge bereitet dem Gewerkschafter auch die Auflösung der Jobgarantie. In Alarmbereitschaft seien die Beschäftigten im Landkreis Neumarkt zwar nicht, Sorgen machten sich allerdings viele – andere sähen sich bestätigt.

Keine Überraschung

Auch für Maximilian Siebenwurst von der Dietfurter Firma Siebenwurst war die Nachricht keine Überraschung: „Für uns ist das in gewisser Weise eine logische Konsequenz, die schon länger aussteht“, sagt er. Das Unternehmen ist im Modell- und Formenbau tätig. Dabei liefert Siebenwurst zwar nicht direkt an VW, allerdings an direkte Zulieferer des Konzerns. Die angekündigten Werksschließungen ordnet der Unternehmer als nötige Veränderung in der Kostenstruktur ein, die VW brauche, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Dass die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen angespannter werden, wie Siebenwurst sagt, merkten die Zulieferer der großen Fahrzeughersteller aber schon seit Jahren. „Kein wirtschaftliches Wachstum und steigende Kosten: Das zehrt an der Substanz der Unternehmen und der Gesellschaft“, sagt Siebenwurst.

Probleme bei den Finanzen

Das bestätigt auch die neue Konjunkturumfrage der Deutschen Industrie- und Handelskammer, die am Dienstag vorgestellt worden ist. Demnach meldet jedes zweite Unternehmen im Kraftfahrzeugbau ein Problem bei der Finanzlage. 30 Prozent der Hersteller von Kfz-Teilen und Zubehör haben außerdem einen erschwerten Fremdkapitalzugang.

Jürgen Schraufstetter, kaufmännischer Leiter der Firma Müller Präzisionsteile aus Pyrbaum sagt: „Werksschließungen werden ja nicht einfach so bekanntgegeben, da muss es ziemlich kriseln.“ Dass große Automobilhersteller Geld sparen müssen, bereite dem Unternehmen etwas Sorge. Denn es stelle Bauteile für den Motorsportbereich her, die von Automobilherstellern angefragt werden. Auch VW sei darunter. Da allerdings keine Serienteile geliefert werden, sei man von den Werksschließungen zwar nicht direkt betroffen, wie Schraufstetter sagt – dennoch: „Audi zählt auch zum VW-Konzern und plant 2026 den Einstieg in die Formel 1 – nicht dass das jetzt auf den Prüfstand kommt.“ Bei der letzten Finanzkrise hätten sich BMW und Toyota aus der Formel 1 zurückgezogen – fehle das Geld, werden solche Projekte als erste gestrichen, fürchtet Schraufstetter.

Er und Siebenwurst halten es für einen Fehler, dass hierzulande stark auf E-Mobilität gesetzt wird. „Ein E-Auto wird in China für ein Drittel der Kosten hergestellt“, sagt Schraufstetter. Deutschland sei da schlichtweg nicht wettbewerbsfähig.

Von der Politik wünscht sich Siebenwurst vor allem eines: eine konstante Strategie. „Etwas anzufangen und es nicht durchzuziehen, das bringt Chaos“, sagt er. Aber auch die Unternehmen selber müssten bereit sein, hart zu arbeiten und vor allem flexibel bleiben.