Rekord bei den Krankschreibungen: Regensburg fiebert und hustet

Atemwegsinfekte und psychische Leiden setzen auch den Regensburger Berufstätigen zu. Ärzte und Arbeitgeber bestätigen den Fehlzeiten-Report der AOK. Wir haben nachgefragt.
Die Zahl der Krankmeldungen von Berufstätigen erreicht im laufenden Jahr ein Rekordniveau. Am häufigsten fallen Arbeitnehmer wegen Atemwegserkrankungen aus. An zweiter Stelle folgen psychische Leiden. Das stellt die AOK in ihrem Fehlzeiten-Report 2024 vom Oktober fest.
Ein Regensburger Lungenfacharzt, der namentlich nicht genannt werden will, bestätigt für den Sommer „durchgehend ein hohes Aufkommen von Atemwegsinfektionen, besonders bei Jüngeren“. Ein wichtiges Thema in der Praxis sei die Keuchhustenwelle gewesen. Auch eine ganze Reihe von Lungenentzündungen, ebenfalls besonders bei Jüngeren, hat den Facharzt beschäftigt. Außerdem ist Corona erneut auf dem Vormarsch.
Arzt rät zur Doppelimpfung
Das Robert-Koch-Institut bestätigt die Keuchhusten-Welle für ganz Deutschland – und rät zur Impfung gegen die hochansteckende Tröpfcheninfektion. Im Freistaat hat es laut dem Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit bis Mitte Oktober 4021 Keuchhusten-Fälle gegeben. Im Vorjahreszeitraum waren es 552. Die Behörde nennt 994 Lungenentzündungen – ebenfalls eine deutliche Steigerung. Im Vorjahreszeitraum waren es 649. Corona setzt immer noch vielen Menschen zu: In Bayern sind heuer bis Mitte Oktober knapp 32.400 Infektionen bekannt geworden (Vorjahreszeitraum mehr als 171.200).
Belastung der übrigen Belegschaft steigt bei Ausfall
Die Industrie- und Handelskammer Regensburg für Oberpfalz / Kelheim hört branchenübergreifend Klagen der Unternehmen über hohe Krankenstände. Wenn Mitarbeiter ausfallen, steigt die Belastung der übrigen Belegschaft. Viele Arbeitgeber hätten erkannt, wie wichtig Prävention ist, und schafften ein gesundes Arbeitsumfeld, sagt Karen Fisher, Referentin für Fachkräftesicherung.
In der Praxis von Stefan Semmler, Internist in Lappersdorf und Oberpfälzer Bezirksvorsitzender des Bayerischen Hausärzteverbands, stehen zurzeit Atemwegserkrankungen und Covid-19 im Vordergrund. Er nimmt einen deutlichen Anstieg der Corona-Zahlen wahr. „Auch Ältere trifft es – und zwar schwer.“ Die Atemwegserkrankungen gingen bei Senioren oft mit einer Kreislaufschwäche einher.
Er rät, Grippe- und Corona-Impfung zu kombinieren. Die Influenza-Saison beginnt im Dezember. Am besten bis Mitte November sollten sich die Patienten schützen lassen. Der Arzt appelliert an Ältere, an medizinisches Personal, Lehrkräfte, Erzieherinnen und alle Menschen mit Begleiterkrankungen: etwa Asthmatiker, Dialyse- und MS-Patienten.
In ihrem Fehlzeiten-Report stellt die AOK fest, der Spitzenwert von 225 Arbeitsunfähigkeitsfällen je 100 berufstätigen Mitgliedern aus dem vergangenen Jahr sei 2024 bereits zwischen Januar und August erreicht worden – und damit schon vor der Erkältungswelle im Herbst und Winter. Im Schnitt der Jahre 2014 bis 2021 kamen auf 100 Versicherte 160 Krankheitsfälle pro Jahr.
15 von 100 AOK-Mitglieder krank geschrieben
Heuer sind der wesentliche Treiber dieser Entwicklung die Atemwegserkrankungen. Von 100 AOK-Mitgliedern haben sich bis August 75 aus diesem Grund krankschreiben lassen. Bei den psychischen Leiden waren es 15 von 100 und damit mehr als im gesamten Vorjahr.
Weil Arbeitnehmer bei solchen Erkrankungen meist deutlich länger krankgeschrieben sind als etwa bei einer Erkältung, hat sich die Zahl der Fehlzeiten wegen psychischer Leiden in den letzten zehn Jahren um fast die Hälfte erhöht.
Den Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Donaustaufer Caritas-Krankenhaus St. Maria, Thomas Loew, überrascht das nicht. „Was wir jetzt erleben, ist der therapeutische Nachholbedarf nach Corona. Psychosomatische Patienten halten lange durch, dann brechen sie zusammen.“ Eine höhere Belastung durch die sich umstrukturierende Arbeitswelt spiele eine Rolle.
Hohe Belastung der Jüngeren
Loew zählt auf: Arbeitnehmer müssen das Homeoffice verlassen. Der wirtschaftliche Druck auf die Unternehmen nimmt zu, zugleich verabschieden sich die Babyboomer in die Rente und reißen Lücken. „Die Belastung der Jüngeren wächst.“ Hinzu komme die politische Debatte, dass zu viele vom Sozialsystem profitierten. „Mancher Arbeitnehmer denkt sich: Warum soll ich mich krumm machen?“, sagt Loew, auch Chef der Abteilung für Psychosomatik am Universitätsklinikum. Die Zahl der Patienten in der psychosomatischen Institutsambulanz am Krankenhaus St. Maria hat sich seit April verdoppelt.
Kaum Missbrauch
Telefonisch: Seit 2021 können sich Arbeitnehmer telefonisch krankschreiben lassen. Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) hatte sich mit Blick auf die steigenden Fehlzeiten jüngst für eine Abschaffung dieser Möglichkeit ausgesprochen. Allerdings gibt es der Krankenkasse AOK zufolge keine Belege dafür, dass die telefonische Krankschreibung in nennenswertem Umfang missbraucht wird.
Elektronisch: Es könne aber sein, dass die Einführung der elektronischen Krankmeldung Anfang 2023 zu einer vollständigeren Erfassung der Arbeitsunfähigkeits-Bescheinigungen (eAU) beigetragen habe, heißt es bei der AOK. Vermutlich hätten vorher nicht alle Versicherten Arbeitsunfähigkeits-Bescheinigungen bei der Krankenkasse eingereicht, „sodass wir nun ein vollständigeres Bild haben“.
