Spätestens zur Erstkommunion gibt’s ein Handy – was dann auf Kelheims Kinder zukommt

Von Beate Weigert · 22. Oktober 2024 um 15:00

Ängste, Gewalt, (digitales) Mobbing: Kelheims Schulsozialarbeiterinnen haben immer mehr zu tun. Sie berichten, was Kinder und Jugendliche umtreibt und was die Expertinnen freut.

Drei Schulsozialarbeiterinnen kümmern sich inzwischen um die Sorgen und Nöte der Kelheimer Grund- und Mittelschüler. Viele Themen brennen Mädchen und Jungen oder auch ihren Eltern unter den Nägeln.

Im Kinder- und Jugendausschuss gaben Sarah Soska, Ramona Bauer und Kristin Weisheit einen Lagebericht zum Schuljahr 2023/24. Dieser zeigte, wie „proppevoll“ der Alltag der drei Frauen ist.

Fälle werden „intensiver und komplexer“

Soska ist seit Januar 2022 an Bord. Zunächst kümmerte sie sich um alle Kelheimer Grundschulen. Seit Oktober 2023 weiß sie Ramona Bauer an ihrer Seite. Soska ist seither für die Grundschule Nord zuständig, Bauer für die Schule in Hohenpfahl. Wenn es in der Grundschule Kelheimwinzer Bedarf gäbe, könnte sie auch dort hin kommen. Aktuell besteht laut den Sitzungsunterlagen dort aber keiner. Am längsten ist Kristin Weisheit dabei. Sie arbeitet seit drei Schuljahren an der Wittelsbacher Mittelschule (WMS). Die drei Frauen sind bei der AWO in Kelheim angestellt.

Auch wenn es gewisse Unterschiede gibt, klar sei, dass ihre Arbeit immer intensiver, diverser und komplexer werde, schilderte das Trio unisono. Und auch die Themenpalette um die sie sich kümmern, werde immer größer. An allen Kelheimer Schulen für die die Stadt als Sachaufwandsträger zuständig ist, beschäftigen die Kinder und Jugendlichen nicht nur Probleme in der Schule, sondern auch Konflikte in den Familien oder Probleme der Eltern. Gewalt ist überall immer wieder Thema, sei es verbal, körperlich oder auch sexualisiert. Letztere spiele sich in der Regel im häuslichen Umfeld der Kinder ab, so Sarah Soska.

Insbesondere Grundschüler kämpften immer wieder mit Isolierung. Auf andere Kinder zuzugehen und Freundschaften zu schließen, falle manchem schwer. Aber auch Rassismus ist, bereits an der Grundschule, immer wieder Thema. Auch bei Migranten untereinander.

Drogen und andere Süchte

Die Liste der Themen, mit denen Kinder zu den Sozialarbeiterinnen kommen, ist aber noch länger. Auch unterrichtsstörendes Verhalten oder das Verhalten gegenüber Lehrern spielt nach wie vor eine Rolle.

Während laut Kristin Weisheit ältere Jugendliche ab und an Erfahrungen mit Rauschmitteln machen, sei bei Jüngeren öfter ungesunder Medienkonsum das Sucht-Problem. „Spätestens zur Kommunion gibt es ein eigenes Handy“, sagen die Schulsozialarbeiterinnen. Dann seien die Schüler auch auf Whatsapp und Co. aktiv und müssten unter anderem lernen mit Konflikten, die sich dorthin verlagern, umzugehen. Dazu gehöre es auch, zu lernen, sich nicht jeden Kommentar zu Herzen nehmen.

Trauma- und Trauerarbeit spielte oft bei Kindern aus der Ukraine eine Rolle, so Bauer und Soska.

Unter Prüfungsangst leiden längst nicht nur Jugendliche. „Die Kinder haben inzwischen großen Druck und das bereits in der Grundschule.“

In (kleinen) Gruppen gebe es auch immer wieder Sozialtrainings – zu Mobbing oder Frustrationstoleranz etwa. Unterm Strich bleibe im Alltag aber zu wenig Zeit dafür, weshalb externe Kooperationen sehr wichtig seien.

An jeder Schule gibt es Apps. Diese seien auch ein unkomplizierter, niederschwelliger Weg, wie Eltern die drei Frauen kontaktieren können.

Dass sie immer mehr Gespräche mit den Schülern haben, führen insbesondere Soska und Weisheit darauf zurück, dass sie inzwischen an den Schulen etabliert seien. Ramona Bauer merkte an, dass auch bei ihr im zweiten Halbjahr die Zahlen deutlich nach oben gingen: „Da haben dann alle gewusst, dass ich da bin.“

Viele Jugendliche kämen regelmäßig, weil sie ihr etwas erzählen wollten, berichtete WMS-Schulsozialarbeiterin Weisheit. Sie wertet dies als gewachsenen Vertrauensbeweis. Die Mittelschüler wüssten, dass sie weder auf Lehrer- noch Elternseite stehe. Zudem seien Teenager ab 14 Jahren beratungsmündig. „Sie lernen mit ihren Themen selbst zu bestehen.“

Nach wie vor halle die Corona-Zeit nach. So mancher Schüler habe Probleme in die Schulroutine zurückzufinden.

Ihr aller Alltag zeige, dass es nicht jeweils ein Kind und Thema sei, sondern „ein Kind, zehn Themen“, sagten die Schulsozialarbeiterinnen. Was ihnen im Alltag helfe? „Wir sind ein gutes Team, wir tauschen uns viel aus“, so Sarah Soska.

Was aus der beantragten JaS-Stelle wurde

Antrag: Im Juli hatte der Stadtrat für eine zusätzliche Stelle, konkret eine JaS-Stelle, an der WMS gestimmt. JaS steht für Jugendsozialarbeit an Schulen, anders als die bisherigen Stellen der AWO ist JaS eine Leistung der Jugendhilfe. Eine solche Stelle böte die Chance für mehr präventive Arbeit, denn Kristin Weisheit beschäftigen hauptsächlich aktuelle Einzelfälle.

Sachstand: Zuletzt hatte der Landkreis über exorbitant gestiegene Ausgaben im Bereich Jugendhilfe informiert. Für den Kelheimer Antrag bedeutet das, „dass er zurückgestellt worden ist“, erklärte Geschäftsleiterin Miriam Seidl. „Er verläuft nicht im Sande, aber aktuell ist kein Geld da.“ Der Landkreis habe zugesichert, dass der Antrag 2025 behandelt werde.

An der Seite der Kinder und Jugendlichen in Kelheim: (V.li.) Die Schulsozialarbeiterinnen Ramona Bauer, Kristin Weisheit und Sarah Soska Foto: Beate Weigert