In Großstädten stehen viele Rettungswagen still – Regensburg ist noch eine Oase

Fachkräftemangel kennen viele Branchen, doch meist fehlt es an interessierten Azubis. Beim Notfallsanitäter ist das anders: „Wir haben sie und dürfen sie nicht ausbilden“, sagt Regensburgs RKT-Chef Gökhan Altincik.
Bei der aufsehenerregenden Karambolage von zwei Linienbussen beim DEZ musste jeder Rettungs- und Krankenwagen auf die Straße, der frei war. „Bei dem Busunfall sind wir aufgefordert worden: Schickt alle Autos aus, die ihr habt“, erzählt Gökhan Altincik, Chef des Rettungsdienstes RKT. Sechs Wagen hatten sie zu dem Zeitpunkt verfügbar, die bei dem Großeinsatz unterstützen konnten.
Hier falle das in der Regel noch relativ leicht, sagt Altincik, im Gegensatz zu anderen bayerischen Großstädten. In München stünden jeden Tag bis zu zehn Rettungswagen still, weil das Personal fehlt, das damit ausrücken kann. In Nürnberg fahre man teilweise eine Stunde aus der Stadt raus zu einem Krankenhaus, das sich um die Patienten kümmern könne. „Wir sind hier in Regensburg in einer Oase“, verbreitet er gute Nachrichten, nur um gleich darauf einzuschränken: „Aber nicht mehr lange.“
Azubi-Mangel mal anders
Das Hauptproblem sei, dass man zu wenig ausbilden dürfe. Die Kosten dafür tragen die Krankenkassen, die Zahl der Ausbildungsstellen wird vorgegeben. „Wir wollen vier ausbilden, wir dürfen zwei“, sagt Altincik. Fachkräftemangel kennen viele Branchen, doch meist fehlt es an interessierten Azubis. Beim Notfallsanitäter sei das anders: „In jedem Beruf brauchst du Azubis und kriegst keine. Wir haben sie und dürfen sie nicht ausbilden.“ Auf eine Stelle kämen beim RKT zehn Bewerber, „die man brauchen kann“, sagt Altincik.
Auch der Bedarf nach Nachwuchs sei enorm. Aktuell bilde man Notfallsanitäter aus, um die zu ersetzen, die in Rente gehen. Das reiche aber nicht. Bayernweit seien 100 Rettungswagen mehr geplant, weil Krankenhäuser schließen und die Wege somit länger werden. Regensburg sei noch ein Glücksfall mit drei großen Krankenhäusern. Auch die Rettung einer Fachklinik wie Donaustauf helfe, da Lungenpatienten aus Regensburg dorthin verlegt werden können. Betten für Akutpatienten werden frei.
Regensburg als Retter-Oase. Lange werde das aber nicht mehr so bleiben, befürchtet Altincik. In den vergangenen beiden Jahren seien im Großraum fünf Rettungswagen dazugekommen, die es zu besetzen gilt. „Die Probleme werden mehr, aber man schaut nicht in die Zukunft“, kritisiert er. Auch in der Region rechnet der RKT-Chef mit ein, zwei zusätzlichen Rettungswagen in nächster Zeit. Für einen im 24-Stunden-Einsatz seien elf Vollzeitstellen nötig, sagt der RKT-Chef, sechs Notfallsanitäter und fünf Rettungssanitäter.
15 bis 20 Einsätze pro 24 Stunden
„Ich kann nicht sagen, ich stelle heute fünf ein. Die muss ich ausbilden.“ Die Frist der Ausschreibung der Besetzung eines neuen Rettungswagens betrage sechs bis acht Monate, sagt Altincik. Die Notfallsanitäterausbildung dauert drei Jahre. Früher habe das Credo gelautet: einladen und los. „Du warst ein Lieferdienst. Da sind die Patienten auf dem Weg oft gestorben.“ Mittlerweile werde viel mehr medizinisch gearbeitet.
Der RKT-Rettungswagen für die Stadt rücke zu 15 bis 20 Einsätzen pro 24 Stunden aus, „der ist schon gut besetzt“, sagt Gabor Plank, ein Auszubildender im zweiten Jahr. Er ist seit acht Jahren Rettungssanitäter, nun ist er auf dem Weg zum Notfall-Helfer. „Du hast bei jedem Einsatz ein anderes Gesicht vor dir, einen anderen Patienten“, beschreibt er den Reiz des Berufs.
Doch nicht jeder Patient ist ein Fall für den Rettungsdienst. Die Leitstelle alarmiert die RKT-Retter. Eine Frau sitzt bei ihrem Hausarzt und benötigt einen „Krankentransport, aber sehr eilig“. In der Praxis stellt sich heraus, sie hat chronische Gallencholiken, muss ins Krankenhaus. Aber „sie hätte auch mit dem Taxis fahren können“, wird Altincik nach dem Einsatz sagen. In der Praxis hakt er die Dame unter, führt sie zum Rettungswagen. Dort wird sie auf die Trage geschnallt und zu den Barmherzigen Brüdern gefahren.
Viele Fahrten sind unnötig
30 bis 40 Prozent der Rettungsdienst-Einsätze seien „nicht indiziert“, also kein Thema für den Notfalldienst. Einige wüssten genau, wie sie ihr Leiden beschreiben müssen, damit der Sanka kommt. Das Kalkül: „Wenn ich mit dem Rettungswagen vorfahre, komme ich im Krankenhaus schneller dran.“ Vor allem in der Stadt halte sich dieser Irrglaube, sagt Alincik. Auf dem Land würden Patienten dagegen erst anrufen, „wenn sie halb tot sind“.
Altincik will die Menschen nicht abschrecken, den Rettungsdienst zu rufen. „Alles was notwendig ist, ist notwendig“, sagt er. Nur: Unnötige Fahrten binden Rettungswagen. Und man kann nie wissen, wann wieder ein großer Busunfall passiert.
So rettet der RKT
Rettungsdienst: Die RKT Rettungsdienst gGmbH agiert gemeinnützlich, „da darf man nichts abschöpfen“, sagt Chef Gökhan Altincik. Es werde für die Vorhaltung von Rettungswagen gezahlt. „Wir bekommen das gleiche Geld, egal ob wir ausrücken oder nicht.“ So wird verhindert, dass bei einem Notfall drei Rettungsdienste anrücken.
Weitere Standbeine: Die RKT GmbH betreibt zudem privaten Krankentransport, der über die eigene Einsatzstelle und nicht über die öffentlich-rechtliche Leitstelle alarmiert und koordiniert wird. Außerdem werden Organe transportiert, Kindergärten geführt, und im nächsten Jahr startet der Tele-Notarzt unter dem Dach des RKT.
