Die Staatsforsten in Roding bauen den Wald um: Warum nur 100 von 100.000 überleben

Von Christoph Klöckner · 15. Oktober 2024 um 15:00

Es mag noch immer Zweifler geben, die den Klimawandel für Humbug halten. Wer wie Franz Laumer oder Dominik Schwarz jeden Tag im Rodinger Forst mit den Folgen zu kämpfen hat, hat keine Zeit für Zweifel, sondern tut etwas dagegen. Wie etwa 100 000 Eicheln pflanzen, damit eines Tages ein Enkel oder ein Urenkel durch einen klimabeständigen Mischwald mit nur noch 100 Eichen spazieren kann.

Denn die Ernte der Arbeit, die die Forstleute heute verrichten, werden sie nicht zu Gesicht bekommen, da sind sich der 59-jährige Laumer und sein 37-jähriger Chef sicher. Dennoch haben sie bei ihrem Tun ein gutes Gefühl, etwas zu schaffen, wo einmal ihre Nachkommen vorsehen und sagen: „Da hat der Uropa weit vorausgedacht!“

Nicht so lange her ist die Geburtsstunde des Eichenwaldes, die als Experiment startete. 2020 wurden auf 3,4 Hektar im lichtem Kiefernwald 1400 Kilogramm Eicheln verteilt, vergraben und zum Schutz umzäunt. Wenige Monate später lugten die ersten kleinen Traubeneichen aus dem Boden. Heute, gut drei Jahre später, haben die kleinen Eichen schon Oberschenkelhöhe erreicht.

Aus vielen wird viel weniger

Locker 100 000 Eichen seien hier gewachsen, beschreibt Revierleiter Franz Laumer – von denen in Jahrzehnten nur etwa 100 den Eichenmischwald bilden werden. Diese Zahl an Eichen bleibt im Widerstandswald übrig – wird aber ergänzt durch mindestens drei weitere Baumarten. Ein Quartett aus vier klimaresistenteren Baumarten pro Hektar als Minimum für einen Wald der Zukunft habe sich die Staatsforsten als Ziel gesetzt. „Es können aber auch 14 verschiedene Baumarten sein!“ sagt der Leiter des Forstbetriebs Roding der Staatsforsten, Dominik Schwarz.

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Der Forstbetrieb arbeitet am Klimawald von morgen. Durch die Umwandlung von Nadelholzreinbestände in widerstandsfähige Mischwälder sichern die Förster der Staatsforsten die Zukunft des bayerischen Staatswaldes. „Das ist wichtig, denn der Wald hat eine herausragende Bedeutung in Zeiten des Klimawandels“, so Schwarz. Die Klimaveränderung zeige sich auch an schädlichen Misteln in den Baumgipfeln, die Überhand nähmen, da es zu warm sei oder auch an neuen Schädlingen, die einwandern würden.

Und was passiert mit den übrigen 99 900 Eichensprösslingen? Die werden nach und nach entfernt, um Platz für die 100 zu schaffen. Denn verpflanzen lässt sich eine Eiche nur ganz schwer – sie wurzelt extrem schnell in die Tiefe und hält sich dort fest. Nicht umsonst gilt die Eiche sinnbildlich als der Heimatbaum der Deutschen. Und sie hat hier mit Weißtanne, Douglasie, Linde, Buche oder auch Esskastanie künftig die Aufgabe, allen Wetterkapriolen die Stirn zu bieten.

Ein Teil der kleinen Eichennachzucht wird demnächst sicher unter die Räder eines Harvesters kommen, denn ein Teil der 160 Jahre alten Kiefern, die bisher mit ihren Schirmen den Nachwuchs beschützt hat und jetzt einen roten Strich am Stamm tragen, muss für die kleinen Eichen weichen. Denn die bräuchten viel Licht fürs Wachstum, so die beiden Experten. Einige Kilometer weiter hat Laumer 2020 eine Vergleichsfläche mit bereits zweijährigen Eichen angelegt. Vom Wachstum her sieht man den Unterschied – doch ist solch eine Verjüngung des Waldes gut doppelt so teuer, wie die direkte Eichelsaat.

„Im 20 000 Hektar großen Staatswald des Forstbetrieb Roding pflanzen wir diesen Herbst und kommendes Frühjahr über 115 000 Bäumchen von 17 verschiedenen Baumarten. Das ist jedes Jahr aufs Neue eine gigantische Aufgabe für uns“, beschreibt Schwarz. Der neue Wald, der im Forstbetrieb Roding wächst, entsteht zu drei Vierteln aus Naturverjüngung.

Der Forstbetrieb Roding arbeite seit 40 Jahren am Klimawald von morgen. Dabei würden nicht standortgemäßer Nadelholzbestände in widerstandsfähige Mischwälder umgebaut und die Zukunft des bayerischen Staatswaldes gesichert. „Das ist wichtig, denn der Wald hat eine herausragende Bedeutung in Zeiten des Klimawandels“, sagt Dominik Schwarz.

Ein gesunder, wachsender Wald dagegen sei der beste CO2-Speicher, den es gebe. „Der junge, nachwachsende Wald entzieht der Atmosphäre durch seinen hohen Holzzuwachs am meisten CO2“, erläutert der Forstbetriebsleiter. Der Umbau erfolgt bei Frühjahrs- und Herbstpflanzungen vor allem in Wäldern, die von Trockenheit, Borkenkäfern und anderen Schädlingen oder Sturm gelitten haben. „Bei uns lagen die Schwerpunkte in diesem Jahr bei Borkenkäfer-, Sturm- und Schneebruchschäden“, sagt Franz Laumer, Revierleiter des Forstreviers Reichenbach.

Der Wald verjüngt sich

„Gepflanzt wird nur dort, wo es unbedingt nötig ist. Den Großteil der Zeit helfen wir dem Wald, sich selbst zu verjüngen“, beschreibt Forstbetriebsleiter Schwarz. Die Nachkommen können sich freuen – es wird ein bunter Wald, der auch neue Erlebniswelten mit sich bringt. Etwa im Bestand der widerstandsfähigen Douglasien, die anstelle eines Käferkahlschlags – „wir hatten hier das größte Käfernest im Revier“, so Laumer – gepflanzt wurden.

Um zu verdeutlichen, was das auch für die Nase der Waldbesucher heißt, zerreibt er die Douglasiennadeln zwischen Daumen und Zeigefinger – ein holzig-würzigen Geruch verbreitet sich: „Wenn man hier später durchgeht, ist das wie Indian Summer in der Luft!“

Auf der Fläche, wo zweijährige Eichen gesetzt wurden, sind die Bäume teils schon mannshoch.
Ein Bild von 2021: Franz Laumer hält einen Traubeneichensprössling zwischen den Fingern.