Klage wegen sexuellen Missbrauchs: Ex-Domspatz fordert Million vom Bistum Regensburg

Von Rainer Wendl · 9. Oktober 2024 um 17:00

Von 1991 bis 1993 besuchte der heute 42 Jahre alte Matthias Podszus die Vorschule der Domspatzen in Pielenhofen (Landkreis Regensburg). Seiner Schilderung nach war die Zeit ein Martyrium, das er jetzt gerichtlich aufarbeiten lässt.

„Ich will endlich einen Abschluss dieses Lebensabschnitts. Erst danach kann ich einen neuen beginnen“ – mit diesen Worten beschreibt Matthias Podszus seine vordringliche Motivation dafür, das Bistum Regensburg auf Schmerzensgeld und weitere Zahlungen zu verklagen.

Der heute in Fürth lebende 42-Jährige besuchte im Alter von acht bis zehn die Vorschule der Regensburger Domspatzen in Pielenhofen. Dort durchlebte er nach seiner Schilderung ein Martyrium aus Folterhandlungen, seelischen Grausamkeiten und sexuellem Missbrauch bis hin zur brutalen Vergewaltigung.

So steht es in der Klageschrift, die Podszus’ Nürnberger Anwalt Sven Makuske noch in diesem Monat beim Landgericht Regensburg einreichen will. Die Lektüre der 28 Seiten lässt erschaudern und macht nachvollziehbar, warum Leidensgenossen des Klägers die Pielenhofener Schule als „KZ“, „Gefängnis“ oder auch „Hölle“ beschrieben.

So gut wie immer fällt in diesem Zusammenhang der Name des langjährigen Direktors Johann Meier, die Endphase von dessen von 1958 bis 1992 andauerndem Regiment musste auch Podszus noch mit erleiden.

Ein „Monster“ als Direktor

Obwohl sich die gemeinsame Zeit des Direktors und des damaligen Schülers nur auf ein gutes Vierteljahr erstreckt, lastet die Klageschrift dem Leiter der Einrichtung zahlreiche übelste Übergriffe an. Meier wird als Sadist und wörtlich als „Monster“ beschrieben, dem der Bub komplett ausgeliefert gewesen sei. Aber auch von einer Ordensschwester, einem Präfekten und einem Lehrer sei er geschlagen und schikaniert worden, so der Kläger.

Nach der Zeit in Pielenhofen verdrängte Podszus die schlimmen Erlebnisse zunächst. Als er 1996 Szenen einer sexuellen Nötigung in einem Kinofilm sah, beschlich ihn erstmals eine Ahnung, dass ihm etwas Ähnliches widerfahren sein könnte. Ab diesem Zeitpunkt hatte er zwar erste psychische Probleme, Schulabschluss, Ausbildung und ein dauerhafter Einstieg ins Berufsleben gelangen ihm trotzdem.

Erst die breite öffentliche Berichterstattung über Missbrauchsfälle bei den Domspatzen ab dem Jahr 2015 führten bei Matthias Podszus zu einer massiven Retraumatisierung. Die Folgen: Er ist seit neun Jahren ununterbrochen in psychotherapeutischer Behandlung und mittlerweile dauerhaft voll erwerbsgemindert.

Er schildert, dass bei ihm selbst banale Geräusche zu Trigger-Situationen führen können. „Und damit daraus keine Panik-Attacken werden, muss ich aufstehen und gehen. Man kann aber nicht ständig einfach aufstehen und gehen, wenn man so wie ich früher bei einer Versicherung arbeitet.“

Seinen heutigen Alltag beschreibt Podszus als „langweilig“. Er versuche sich abzulenken, gehe regelmäßig schwimmen und konsumiere viel Alkohol. „Ich würde mich aber nicht als Alkoholiker bezeichnen. Ich bin über zwei Meter groß und wiege 200 Kilo – wenn ich eine Flasche Wodka trinke, bin ich höchstens angetrunken“, sagt der 42-Jährige.

Selbstmordversuch überlebt

In der Klageschrift wird sein Zustand weniger verharmlosend dargestellt. Da ist unter anderem von Alpträumen, Minderwertigkeitskomplexen und Depressionen die Rede, als negativer Höhepunkt wird ein im Jahr 2021 unternommener Selbstmordversuch aufgeführt.

Rechtsanwalt Makuske nimmt daher kein Blatt vor den Mund: „Das Leben meines Mandanten ist weitgehend zerstört“, stellt er fest. Deshalb seien selbst die 40.000 Euro, die Podszus im Lauf der Jahre bereits als Anerkennungsleistung von der Kirche bekommen hat, bei Weitem nicht ausreichend. „Das ist kein Schmerzensgeld und auch kein Schadenersatz.“

Aus diesem Grund sieht Makuske ein Schmerzensgeld in Höhe von mindestens 350.000 Euro als angemessen an. Inklusive der Begleichung des entstandenen Verdienstausfalls und einer monatlichen Verdienstausfallrente bis Podszus’ voraussichtlichem Eintritt in den gesetzlichen Ruhestand im Oktober 2049 summiert sich die Forderung ans Bistum auf rund eine Million Euro.

„Das steht mir zu“, sagt der ehemalige Domspatz. Die in Pielenhofen erlittenen Qualen hätten ihm die Chance auf ein normales Leben geraubt. Jetzt, kurz vor der Klageeinreichung, spüre er das wieder besonders: „Ich kann kaum schlafen, stehe ständig unter irrsinnig psychischem Druck.“

Um Geld allein, das betont Podszus, gehe es ihm aber gar nicht. Daher will er die Finanzmittel, die er derzeit zur Deckung der Prozesskosten per Crowdfunding einsammelt, unmittelbar nach Abschluss des Verfahrens an Leidensgenossen weiterleiten. „Dann kann ich endlich neu anfangen. Egal, wie es ausgeht.“

Das sagt das Bistum Regensburg

Stellungnahme: Was sagt das Bistum zur Klage des früheren Domspatzen-Vorschülers? Auf diese Frage antwortete Sprecher Stefan Groß: „Zum derzeitigen Stand ist das Bistum Regensburg nicht über die Anklageinhalte informiert und kann sich daher auch nicht dazu äußern.“

Gutachten: Zum Thema „Missbrauchsfälle“ insgesamt verwies Groß auf das in Arbeit befindliche Gutachten des Regensburger Rechtsanwalts Ulrich Weber. Dieses soll sämtliche Missbrauchsfälle von 1945 bis heute beleuchten und wird voraussichtlich in drei Jahren fertig sein.

Leidensgenossen: Bereits 2017 hatte der vom Bistum beauftragte Anwalt einen Bericht unter dem Titel „Vorfälle von Gewaltausübung an Schutzbefohlenen bei den Regensburger Domspatzen“ vorgelegt. Darin wurden zwölf Buben erwähnt, die in der Vorschule sexuell missbraucht wurden. 216 weitere wurden in der Kategorie „körperlich misshandelt“ aufgeführt.

Glückliche Kindheit: Matthias Podszus ein Jahr vor seinem Start in Pielenhofen